Papst Franziskus hat einen "Teufelskreis der Angst und des Leistungsdrucks" in der japanischen Gesellschaft beklagt. Bei einer Messe mit mehr als 50.000 Gläubigen in Tokio am Montag, 25. November 2019 sagte er, die Freiheit der Menschen als "geliebte Kinder" Gottes werde erstickt, wenn man seine besten Energien in ein Streben nach Produktivität und Konsum oder Fragen nach dem Selbstwert stecke. "Wie sehr bedrückt und fesselt die Seele die zwanghafte Vorstellung, dass alles produziert, errungen und kontrolliert werden kann", so der Papst in seiner Predigt bei dem Gottesdienst im Stadion "Tokyo Dome". Selbst das eigene Zuhause und die Schule verkämen zu Orten des Wettbewerbs, beklagte Franziskus. Viele Menschen litten unter den übermäßigen Anforderungen.
"Haus, Schule und Gemeinschaft, die dazu bestimmt sind, Orte zu sein, an denen jeder die anderen unterstützt und ihnen hilft, verfallen immer mehr aufgrund des übermäßigen Wettbewerbs bei der Suche nach Gewinn und Effizienz. Viele Personen fühlen sich verwirrt und unruhig, sie werden von zu vielen Anforderungen und Sorgen erdrückt, die ihnen den Frieden und das Gleichgewicht nehmen", so der Papst wörtlich. Haltungen, die nur den eigenen Gewinn und Vorteil in dieser Welt verfolgten "machen uns in Wirklichkeit nur unterschwellig unglücklich, sie versklaven uns", warnte Franziskus.
Der Blick und das Vertrauen auf Gott könne wie "heilender Balsam" wirken: "Der Herr sagt uns nicht, dass die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung unwichtig sind; er lädt uns vielmehr ein, unsere alltäglichen Entscheidungen neu zu erwägen, um nicht in der Suche nach Erfolg auf alle Kosten, auch des eigenen Lebens, gefangen und isoliert zu bleiben."
"Das Gegenteil zu einem isolierten, abgeschotteten und sogar erstickten 'Ich' kann nur ein 'Wir' sein, das gemeinsam gefeiert und mitgeteilt wird", folgerte der Papst. Er rief die Gläubigen auf, das Leben mit seiner Zerbrechlichkeit und Begrenztheit anzunehmen, auch "mit all seinen Widersprüchen und Sinnlosigkeiten". Christen müssten als Gemeinschaft "das willkommen heißen, was nicht vollkommen ist": "Ist jemand, nur, weil er behindert oder fragil ist, nicht der Liebe würdig?", fragte der Papst: "Ist jemand, nur weil er ein Fremder ist, weil er Fehler gemacht hat, weil er krank ist oder weil er in einem Gefängnis sitzt, der Liebe nicht würdig?"
Die Kirche müsse ein "Feldlazarett" werden, das Wunden heile und stets einen Weg der Versöhnung anbiete, so der Papst. Er rief die japanischen Gläubigen dazu auf, mit "allen Männern und Frauen guten Willens wie auch mit denen anderer religiöser Überzeugungen" zusammenzuarbeiten. So könne der "prophetische Sauerteig einer Gesellschaft" entstehen, "die jedes Leben immer mehr schützen und umsorgen möge".