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03.09.2019

Ketzer - Alfred Loisy: ein Erzketzer des Modernismus

Seine Rechtfertigung der katholischen Kirche trug ihm selbst die Exkommunikation ein.

 

 

Der schmächtige und begabte Bauernsohn Alfred Loisy stammte aus der Haute-Marne in Frankreich. Schon während seines Studiums befriedigte ihn die zu seiner Zeit übliche neuscholastische Theologie nicht, und er lernte Hebräisch. Er studierte am neugegründeten Institut Catholique in Paris und wurde dort Professor für Bibelwissenschaften. Außerdem studierte er Assyrologie und Ägyptologie.


Verdächtige Bibelauslegung

Die Index-Kongregation in Rom, die den Index der verbotenen Bücher erstellte, nahm Loisy ins Visier, als 1892 seine Hiob-Übersetzung mit Einleitung erschienen war. Die Gutachter befanden, dass er zu jenen Bibelauslegern in Deutschland, Frankreich und England zählte, die ihrer Ansicht nach einen „Krieg“ gegen die Heilige Schrift führten und die Autorität von Schrift und Lehramt untergruben.


Christliche Lehren mit Geschichte

1894 musste Loisy seine Professur aufgeben und wurde Hausgeistlicher in einem dominikanischen Mädchenpensionat in Neuilly-sur-Seine. Als Religionslehrer stellte sich ihm dort die Frage nach Aktualisierung und lebenspraktischer Relevanz der christlichen Lehren neu.


Evangelium und Kirche

Loisys berühmtestes Werk erschien 1902. Mit Evangelium und Kirche verteidigte er die „notwendige Institution“ der katholischen Kirche und zeigte die Notwendigkeit der Entwicklung der christlichen Lehre im Lauf der Geschichte auf. Damit löste er heftige Diskussionen aus.


Die Verurteilung Loisys

1903 wurde Pius X. Papst. Vor Weihnachten wurden fünf Werke Loisys auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Aussagen von Loisy wurden 1907 im Dekret Lamentabili verurteilt. Außerdem erschien 1907 die Enzyklika des Papstes, mit der er gegen den von ihm so genannten „Modernismus“ vorging.

 

Loisy wurde im März 1908 exkommuniziert. Der Ausgeschlossene ging später nicht einmal mehr zu Begräbnissen naher Verwandter, um einen Skandal zu vermeiden.


Die Professur für Religionsgeschichte

Loisy übernahm 1909 einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte am renommierten Collège de France. Er befasste sich weiter mit den altorientalischen Religionen, dem Judentum und dem frühen Christentum.

 

1915 beklagte er das Versagen der Kirchen im Krieg, 1937 schrieb er über die humanitären Herausforderungen durch den Nationalsozialismus.


Ein Gelehrtenleben

Loisy war zeit seines Lebens ein asketischer Gelehrter. Nach seiner Emeritierung zog er in seine ländliche Heimat zurück, züchtete Hühner und verfasste weitere Werke, die allesamt auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt  wurden.

 

1940 starb er während der deutschen Invasion in Frankreich – der dritten, die er erlebte. 


 

Zitate

Die armen alten Glaubensgeheimnisse, über welche die Lehrer der Jahrhunderte Blut und Wasser geschwitzt haben, erregen nicht das mindeste neugierige Interesse in den jungen Köpfen. … Was hier gilt, ist das Gefühl des Guten.
Alfred Loisy als Religionslehrer in einem Mädchenpensionat

 

Es ist beispielsweise sicher, dass Jesus nicht im Voraus die Verfassung der Kirche wie eines auf Erden begründeten und zur Fortdauer auf eine lange Reihe von Jahrhunderten bestimmten Staates geregelt hat.

 

Aber etwas, das … seiner authentischen Lehre noch viel ferner liegt, ist die Idee einer unsichtbaren Gemeinde, gebildet für alle Zeiten durch jene, die in ihrem Herzen den Glauben an die Güte Gottes trugen.

 

Man hat gezeigt, dass sich im Evangelium Jesu schon ein Ansatz sozialer Gliederung vorfand und dass auch das Reich Gesellschaftsform annehmen sollte. Jesus hatte das Reich angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen. Sie kam, indem sie ihre schon im Evangelium erkennbare Form verbreiterte.
Alfred Loisy in Evangelium und Kirche


[Loisy] ist das Idol und das Haupt einer Schule, deren Kühnheit von Tag zu Tag wächst … Alle hier vorgestellten Häresien können seit mehreren Jahren ungestraft um sich greifen … Die guten Katholiken sind verwirrt …

 

Ich räume ein, dass niemals in der Kirche Gottes die Gefahr so ins Äußerste ging. Um sie abzuwenden, scheint mir eine simple Aufnahme dieses Werkes in den Index der verbotenen Bücher viel zu wenig zu sein.
Louis Billot, SJ., in seinem Gutachten zu Evangelium und Kirche


 

Kurzkommentar

von em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer lehrte Dogmatische Theologie an der Uni Wien

 

Alfred Loisy (1857-1940) konnte sich nicht für die neuscholastische Theologie erwärmen, er war von der Bibel fasziniert, schon als Student hat er Hebräisch
gelernt, um die alttestamentlichen Schriften im Original lesen zu können. Es ging um die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift.

 

War sie auch in ihren geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Aussagen irrtumsfrei? Das 2. Vatikanische Konzil hat in seinem Lehrdokument über die göttliche Offenbarung erklärt, dass in der Heiligen Schrift Gott „durch Menschen nach Menschenart“ gesprochen habe.

 

Die inspirierten Verfasser der heiligen Bücher haben „sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit gelehrt, die Gott um unseres Heiles willen aufgezeichnet haben wollte“.


Das war der Zugang von Loisy. Aber bis zu der Sicht des 2. Vaticanums war noch ein langer Weg.


Die 1902 erschienene Schrift „L‘ Évangile et l’Église“ löste eine heftige Diskussion in der katholischen Kirche aus. Loisy betonte, dass sich im Evangelium nicht schon eine „Verfassung“ der Kirche finde, aber er stellte sich auch gegen die Vorstellung, die Kirche sei eine unsichtbare Gemeinde aller, die in ihrem Herzen den Glauben an die Güte Gottes tragen, wie dies der evangelische Theologe Adolf von Harnack lehrte.


Zur Zeit Pius X. sah das Lehramt in den Thesen Loisys und anderer die Gefahr des „Modernismus“. Im Dekret „Lamentabili“ (Juli 1907)  und in der Enzyklika „Pascendi“ (September 1907) wurden „Irrtümer“ verurteilt.

 

Loisy verweigerte die Unterschrift und wurde schließlich 1908 exkommuniziert. Er beendete seine akademische Laufbahn als Religionshistoriker und zog sich in seinem Ruhestand in seine ländliche Heimat zurück, mit Gartenarbeit und Hühnerzucht beschäftigt. Er starb 1940 mitten in den Wirren der deutschen Invasion in Frankreich.


Es gab keinen Dialog, sondern nur versteinerte Positionen. Es brauchte Jahrzehnte, bis die Kirche die berechtigten Anliegen erkannte und sich zu eigen machte. Loisy war kein „Erzketzer“, aber ein letztlich heilsamer Unruhestifter des Glaubens.