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13.06.2019

„Wir brauchen das Miteinander“

Interview mit Kardinal Christoph Schönborn zu Gesundheit und den für September geplanten Nationalratswahlen.

 

 

Nach einer mehrwöchigen Erholungsphase ist unser Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. 

 

Wegen einer Prostatakrebs-Diagnose hatte sich der Kardinal Anfang Mai im Wiener Spital der Barmherzigen Brüder einer Operation unterzogen. Der Tumor war im Rahmen einer Gesundenuntersuchung frühzeitig entdeckt worden. Am Pfingstsonntag hat er erstmals nach seiner Krebs-Operation wieder einen Gottesdienst im Stephansdom geleitet und feierte mit mehreren Tausend Gläubigen die Heilige Messe zum Pfingstfest.

 

Zahlreiche Anfragen, wie es dem Kardinal denn nun geht, haben uns über verschiedene Kanäle erreicht. Um die Antwort aus erster Hand zu erhalten, haben wir bei ihm selbst nachgefragt, nachdem er nach Wien zurückgekehrt war.


Herr Kardinal, die Öffentlichkeit, die Gläubigen und alle, die Sie kennen, freuen sich, dass Sie die vergangenen Wochen wieder hinter sich haben. Sie waren im Krankenhaus. Wie geht es Ihnen? Wie ist die Operation verlaufen?


Kardinal Schönborn: Wie die Operation verlaufen ist, kann ich nicht sagen, weil ich nichts davon gemerkt habe. Ich war natürlich unter Narkose. Aber die Ärzte waren zufrieden und die Heilung braucht natürlich seine Zeit.

 

Ich war 14 Tage im Spital und dann jetzt noch 14 Tage auf Rekonvaleszenz. Ich habe den Eindruck, dass der Körper sich fängt. Man muss ihm Zeit lassen.

 

Das ist nicht wie bei einer Maschine, der menschliche Leib ist ein lebendiger Organismus. Das weiß man von den Pflanzen: Die wachsen auch nicht schneller, wenn man an ihnen zieht. Auch der Heilungsprozess geht halt langsam vor sich. Es ist eine ganz gute Geduldsübung, das festzustellen.


Apropos Geduld. Sie leben natürlich mit Gottvertrauen, aber in so einer Zeit braucht man auch Vertrauen in die Kunst der Ärzte.


Ja, dieses Vertrauen habe ich unbedingt. Das ganze Team der Ärzte bei den Barmherzigen Brüdern zählt sicher zu den Spitzenärzten in Österreich in diesem Bereich. Ich hatte schon aus den Voruntersuchungen und den Gesprächen ein großes Vertrauen zu den Ärzten.

 

Ich habe einen Schulkollegen, mit dem ich acht Jahre im Gymnasium zusammen war, der natürlich auch schon in Pension ist und der Primarius für Urologie im Spital von Bludenz war. Er hat 800 Operationen durchgeführt im Laufe seiner langen Tätigkeit. Mit ihm habe ich mich natürlich auch beraten.

 

Prostatakrebs ist eine Form von Krebs, die bei Männern sehr häufig vorkommt. Ich habe sehr gezögert, ob ich das öffentlich machen soll. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich es gemacht habe, denn ich habe von mehreren Seiten von Männern gehört: „Dadurch, dass Sie es öffentlich gesagt haben, habe ich mich entschlossen, auch eine Vorsorgeuntersuchung zu machen.“

 

In fast allen Fällen, wo man durch eine Vorsorgeuntersuchung den Krebs frühzeitig feststellt, ist die Heilungschance sehr groß. Insofern bin ich froh, dass ich ein bisschen zur Volksgesundheit beigetragen habe, indem ich Männer ermutigt habe, sich rechtzeitig und regelmäßig alle zwei Jahre untersuchen zu lassen.

 

Sie waren in einem Spital der Barmherzigen Brüder. Was haben Sie da erlebt? Wie konnten Sie selbst Ihren Glauben leben in dieser Zeit? Natürlich spielt das tägliche Gebet für Sie eine große Rolle.


Ich muss ehrlich sagen, wenn man so recht schwach ist nach der Operation,
war bei mir auch das Gebet eher schwach. Das heißt, nicht so ein solides, festes Gebet. Zuversichtlich schon, aber man ist halt doch müde und erschöpft. Dann kann man eigentlich nur beten mit dem Zustand, in dem man ist, indem ich das Gott hingebe.


Ich hatte gegenüber meinem Bett ein Kruzifix im Spitalszimmer und habe dort oft hingeschaut. Da hilft schon daran zu denken: Jesus hat es, weiß Gott, um vieles weniger bequem gehabt als ich. Er hat um vieles schlimmer gelitten als ich. Und so spürt man doch, dass eine Verbindung mit Jesus direkt da ist, die vielleicht einem so mehr bewusst wird, als wenn man pumperlmunter und gesund ist.


Wir gehen immer davon aus, dass wir gesund sind. Aber es gibt auch Menschen, die krank sind, vielleicht auch älter, und auch schwere Krankheiten haben. Wie geht man damit um bzw. wird einem der Wert der Gesundheit so wieder bewusster?


Es gibt ein schönes Wort vom heiligen Augustinus, an das muss ich in diesen Tagen oft denken. Er hat sich die Frage gestellt: Wird einem der Himmel nicht langweilig, immer im Glückszustand?

 

Und dann hat er einen schönen Vergleich gebraucht: „Sag mir, wirst du deiner Gesundheit überdrüssig? Wenn du gesund bist, klagst du nie über die Gesundheit.“

 

Für mich ist das eine große Lehre gewesen in dieser Krankheitszeit, dass wir die Gesundheit eigentlich immer als selbstverständlich nehmen. Und ich habe sehr viel bewusster in diesem Moment erlebt, wo du merkst, die Gesundheit kommt wieder.

 

Dann hast du so eine richtige Freude daran, zu spüren, dass dieser Körper lebt, dass er wieder an Kräften gewinnt. Dass es diese inneren Kräfte der Heilung gibt.

 

Natürlich denke ich sehr viel bewusster an die kranken Menschen, an ganz konkrete Menschen, von denen ich weiß, dass sie einfach schwerst chronisch krank sind und deren Zustand sich nicht verbessert, sondern allmählich verschlechtert. Und da bekommt man einen ganz großen Respekt vor diesen Menschen.


Es gab viele Menschen, die für Sie gebetet haben, die mit den Gedanken bei Ihnen waren. Hat Ihnen das auch Kraft gegeben?


Es hat mich zuerst einmal sehr berührt.  Ich habe gedacht: Gut, ich sag das jetzt bei der Pressekonferenz, dass ich halt ins Spital muss und dann eine Krebsoperation habe. 

 

Aber diese Nachricht wurde  über Social Media rund um den Globus verbreitet. Ich habe Grüße aus den USA, aus Frankreich, aus Afrika bekommen:  „Wir beten für dich“ oder „Wir beten für Sie“. Obwohl das ja auch nicht so eine erschütternde Nachricht war– es gibt viel schlimmere Erkrankungen.

 

Dass so viele Menschen an mich gedacht haben und gebetet haben, das ist schon etwas sehr Berührendes.

 

Ich habe mir manchmal gedacht: „Lieber Gott, jetzt bekomme ich so viele Gebete. Kann ich dich bitten, sie ein wenig gerechter an jene Menschen zu verteilen, für die vielleicht nicht oder kaum gebetet wird?“


Es hat sich in diesen Wochen, in denen sie im Krankenhaus waren, viel in Österreich getan.  Wie haben Sie diese bewegten Zeiten erlebt? Oder haben Sie doch Abstand gehabt? Aber man kann ja wohl schwer von solchen Vorgängen abschalten?


Das hat mich natürlich schon bewegt. Ich kann mich erinnern an diesen Freitagabend, wie das Ibiza-Video plötzlich in allen Medien war. Das hat mich natürlich erschüttert, und dann ist Schlag auf Schlag eins nach dem anderen passiert.

 

Ich habe gegen meine sonstigen Gewohnheiten doch immer wieder Live-Sendungen aus dem Fernsehen angeschaut und vor allem wirklich unseren Bundespräsidenten bewundert, der Ruhe bewahrt hat, der die Menschen in unserem Land direkt angesprochen hat. Er hat entdramatisiert, ohne diese Situation zu verharmlosen. Er möchte einfach die positiven Kräfte in unserem Land stärken und unterstützen.

 

Für mich war das auch eine Erfahrung, dass das Negative immer nur ein kleiner Teil eines viel größeren Guten ist. Dass es so viele Menschen gibt, die sich bemühen, die ihre Arbeit anständig machen. Wie der Bundespräsident gesagt hat: „So ist nicht unser Österreich!“ Das hat mich sehr berührt, und das stimmt auch wirklich.

 

Insofern habe ich in den vier Wochen Rekonvaleszenz nach der Operation vier intensive Wochen Österreich miterlebt, auch vom Spital aus den einen oder anderen Kommentar für die Zeitungen geschrieben.

 

Und ich hoffe, dass die Zuversicht und damit die positive Haltung, die unser Bundespräsident hier vermittelt hat, jetzt auch für den Wahlkampf gelten werden.

 

Wir brauchen einfach das Miteinander. Ich hoffe und bete, dass unsere Politiker das begreifen. Es gibt so viel, was man miteinander zu tun hätte und gemeinsam tun kann für das Wohl unseres Landes, für das Wohl der Menschen. Das hoffe ich sehr und ich kann ein bisschen von den vielen Gebeten, die für mich gebetet worden sind, auch für unser Land zurückgeben.