Eigentlich gibt es wenig zu lachen für Pater Michael Najeeb. Und das, obwohl er erst vor Kurzem einen kirchlichen Karrieresprung absolviert hat. Seit Jänner 2019 ist der 63-Jährige nämlich der neue chaldäische Erzbischof der nordirakischen Stadt Mosul.
Die Chaldäer sind die größte von mehreren christlichen Konfessionen im Irak. Doch was für einer Diözese steht Erzbischof Michael vor? 95 Prozent der Kirchen seiner Diözese sind zerstört. Keine 50 Gläubige zählt seine kleine Herde in der Millionen-Metropole Mosul am Tigris.
Und das kam so: Früher lebten viele Tausende Christen als kleine, wenn auch recht aktive religiöse Minderheit in der Stadt.
Doch spätestens mit dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 schlug die Stimmung um. Islamistische Fundamentalisten ermordeten wahllos Christen und vertrieben viele andere aus Mosul. 2008 wurde sogar Erzbischof Paulos Faraj Rahho entführt und ermordet. Die letzten Christen mussten schließlich im Juni 2014 fliehen, als die IS-Terrormiliz die Stadt eroberte. Die Mörderbanden zerstörten auch so gut wie alle kirchlichen Güter.
Als der IS im Herbst 2016 vertrieben wurde, stand nur mehr eine einzige Kirche in der Stadt: die Pauluskirche. Und hier feiert Bischof Michael von Zeit zu Zeit Gottesdienste, zu der eine Handvoll Gläubige kommen, die bisher nach Mosul zurückgekehrt sind.
Für den neuen Erzbischof von Mosul ist es eine Rückkehr in seine Heimatstadt.
Hier wurde er 1955 geboren. Er trat in den Dominikanerorden ein und wurde 1987 zum Priester geweiht.
Pater Michael erwarb sich große Verdienste um die Bewahrung historischer Dokumente. Er gründete ein Institut, in dem er bisher fast 50.000 historische Manuskripte restauriert, digitalisiert und archiviert hat; christliche, islamische, jesidische und mandäische Handschriften.
Das Handschriftenzentrum befand sich zuerst in Mosul, wurde dann aber aus Sicherheitsgründen in die nahe christliche Kleinstadt Karakosch verlegt. Und dann kam die Nacht vom 6. auf den 7. August 2014 , die Erzbischof Michael nie mehr vergessen wird.
Der IS stürmte die Stadt. Gerade noch rechtzeitig gelang es Michael und seinen Ordensbrüdern, zahlreichen christlichen Familien bei der Flucht zu helfen und zugleich auch noch Tausende kostbare Handschriften zu retten.
Sie flohen nach Kurdistan. An den kurdischen Checkpoints wurden zwar die Tausenden Flüchtlinge aus Karakosch durchgelassen, nicht aber die Autos. So verteilte Pater Michael die Dokumente auf die Flüchtlinge „und zu Fuß haben wir unsere Geschichte und unsere Wurzeln nach Kurdistan gerettet“.
Trotz der Rettungsaktion war es dem IS gelungen, Tausende Manuskripte zu zerstören. Andere wiederum wurden von den Terroristen auf dem Schwarzmarkt verkauft. Erzbischof Michael bemüht sich jetzt, diese wieder zurückzubekommen. „Der IS wollte uns Christen und andere religiöse Minderheiten komplett auslöschen. Sowohl als Menschen als auch unsere Geschichte. Doch das ist ihm nicht gelungen“, sagt er mit tiefster Überzeugung.
Eigentlich ist der Erzbischof noch gar nicht so richtig nach Mosul zurückgekehrt. Weil noch fast alle kirchlichen Gebäude zerstört sind, hat er in der nahen Christen-Stadt Karamles vorerst Quartier bezogen.
Wenn er doch nach Mosul fährt, was immer noch nicht ganz ungefährlich ist, dann kommt er oft an einem ehemals von Christen bewohnten Stadtviertel vorbei, das einem Trümmerhaufen gleicht und zum Teil in eine Mülldeponie umgewandelt wurde.
Doch noch viel schlimmer als die materiellen Zerstörungen in der Stadt sind die seelischen Verwüstungen. Viele Christen haben schlicht das Vertrauen in ihre muslimischen Nachbarn verloren, weiß der Erzbischof. Denn viele Muslime in der Stadt hätten sich an der Vertreibung der Christen durch den IS beteiligt.
Und auch wenn die Terrormiliz IS militärisch besiegt ist, ist sie ideologisch immer noch eine enorme Gefahr, warnte Erzbischof Michael. Mehr als 30.000 Kinder sind von den Terroristen einer Gehirnwäsche unterzogen worden.
Erzbischof Michael hat eine klare Mission: Die Christen sollen zurückkehren nach Mosul und Christen und Muslime sollen in Frieden miteinander leben und ihre Stadt wieder aufbauen.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Dessen ist sich der Bischof bewusst. Mit einer Handvoll Gläubiger hat er zu Ostern in der Pauluskirche in Mosul Gottesdienst gefeiert. „Hier in dieser vom Krieg so schwer mitgenommenen Stadt die Auferstehung Christi zu feiern ist ein ganz starkes
Zeichen“, sagte der Erzbischof zu Beginn der Messe. Ein Zeichen, dass bei Gott nichts unmöglich ist.•