
Erstmals gibt es mehr als 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt. Diese Zahl, genauer: 1,313 Milliarden, hat der Vatikan kürzlich bekannt gegeben.
Demnach hat die Katholische Kirche mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum Schritt gehalten und stellt nach wie vor rund 17,7 Prozent der Weltbevölkerung. Damit hat sich scheinbar wenig verändert. Denn seit rund 50 Jahren hält die katholische Kirche diesen Schnitt.
Ein bisschen Vorsicht ist allerdings angebracht: Die Globalzahlen sind zu einem guten Teil auf Schätzungen angewiesen. Wo es keinen Kirchenbeitrag oder Kirchensteuer gibt, wissen oft nicht einmal die Diözesen, wie viele ihrer Einwohner Mitglieder der katholischen Kirche sind.
So gehen etwa im größten katholischen Land, Brasilien, die Schätzungen weit auseinander: Niemand weiß genau, ob sich 80 Prozent (wie der Vatikan annimmt) oder doch nur 65 Prozent (wie andere Experten vermuten) der Brasilianer als Katholiken verstehen. Der Unterschied ist nicht unerheblich – er ist in absoluten Zahlen genauso groß wie die gesamte Katholikenzahl Deutschlands.
Aber nimmt man die großen Trends, so zeigt sich doch eindeutig: Hinter den stabil scheinenden Zahlen liegen zwei sehr dynamische gegenläufige Trends, die sich in der Wirkung gegenseitig aufheben: ein starker Rückgang in der „alten“ katholischen Welt, in Europa und Nordamerika – und ein starkes Wachstum in Afrika, Asien und Lateinamerika, das nur teilweise durch die Vitalität und den missionarischen Geist, zum Großteil aber durch das hohe Bevölkerungswachstum dieser Kontinente getrieben wird.
Geht man in der Geschichte der katholischen Kirche ein Jahrhundert zurück, so war Europa der dominierende Kontinent. Zwei Drittel aller Katholiken lebten damals in der „alten Welt“. Heute hat Lateinamerika längst mehr Katholiken als Europa, in wenigen Jahren wird uns auch Afrika überholt haben.
Afrika erlebt derzeit die dynamischste Entwicklung: Dort steigt – wie auch in Asien – rasant die Zahl der Katholiken sowie auch der Priester und Seminaristen. Selbst in der Entwicklung der Frauenorden ist Afrika anders.
In allen traditionell katholischen Regionen geht die Zahl der Ordensfrauen rapide zurück. Gab es zu Beginn des Jahrtausends weltweit noch 800.000, sind es jetzt weniger als 640.000. In Europa nimmt die Zahl der Ordensfrauen jeden Tag (!) um mehr als 20 ab. In Afrika nimmt die Zahl jeden Tag um fast vier zu. Das kann zwar die Verluste in Europa und Amerika nicht ausgleichen, unterstreicht aber, dass auch Frauenorden immer noch ihren Platz in der Welt haben.
Angesichts des alarmierenden Anstiegs der Christenverfolgung stellt sich die Frage, ob dies mit dem Anstieg der Zahl der Christen einhergeht. Schließlich hat der nicht-katholische Teil der Christenheit ja noch größere Wachstumsraten als wir. So rechnet etwa das US-Forschungsinstitut Pew mit einem Anstieg der Christen bis 2050 von 2,2 auf 2,9 Milliarden.
Rein von den Zahlen her müsste aber niemand Angst vor einer christlichen „Bevölkerungslawine“ haben. Denn andere Glaubensgemeinschaften werden in Zukunft noch stärker (etwa die Muslime) oder gleich stark (etwa die Hindus) wachsen wie das Christentum.
In den Prognosen von Pew liegt das Christentum 2050 immer noch wie heute bei rund einem Drittel der Weltbevölkerung.
Dennoch gibt es in manchen Ländern eine irrationale Angst vor einer „Übernahme“ durch die Christen. Etwa in Indien. Dort liegt der Anteil der Christen heute bei 2,5 bis 4 Prozent. Die Zahl der Christen wird dort zwar weiter wachsen. Aber weil christliche Familien im Schnitt weniger Kinder haben als Muslime oder Hindus, wird selbst die teilweise rege Missionstätigkeit kaum verhindern können, dass der Bevölkerungsanteil der Christen zurückgehen wird.
Trotzdem machen Hindu-Fanatiker gegen eine „Überfremdung“ mobil und sorgen für Unruhe – oft mit der Komplizenschaft der Behörden, denn die Regierung predigt einen Hindu-Nationalismus, in dem die Christen, wie auch Muslime, keinen Platz haben.
Auch in den meisten muslimischen Ländern ist das Christentum zahlenmäßig keine Bedrohung für die Mehrheitsreligion. Das hohe Bevölkerungswachstum führt in manchen Ländern in Kombination mit einer schlechten Wirtschaftslage dazu, dass ganze Jahrgänge arbeitsloser junger Männer den „Westen“ als Feind für ihre hoffnungslose Lage verantwortlich machen. Den Westen setzen sie mit der Christenheit gleich – und die Christen bekommen das zu spüren.
Dass das nicht zwangsläufig so sein muss, zeigt der afrikanische Staat Sierra Leone mit seinem rapiden Bevölkerungswachstum (die Hälfte der Menschen ist dort jünger als 15 Jahre). Mehr als drei Viertel der Bevölkerung sind Muslime, weniger als ein Viertel Christen. Und doch gilt hier der religiöse Friede als vorbildlich.