Als Kind wollte Manuela Macedonia Missionarin werden und Menschen auf dem afrikanischen Kontinent helfen. Heute ist sie Neurowissenschaftlerin in Linz und verbreitet unermüdlich, was sie über den Zusammenhang von Bewegung und unseren geistigen Leistungen herausgefunden hat: Sport macht uns schlauer und schützt vor Krankheiten.
„Bewegung sollte man niemals aus dem Weg gehen“, sagt Manuela Macedonia, als sie zum Interview im Studio von radio klassik Stephansdom eintrifft. Den Weg ins Dachgeschoß hat sie „selbstverständlich“ zu Fuß und nicht per Aufzug bewältigt.
Dass in Schulen Turnstunden gekürzt – oder sogar gestrichen werden, hält sie für unverantwortlich, man nehme den Kindern dadurch Chancen.
In ihrem ersten Buch „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt danke“ erklärt sie, wie sich regelmäßige Bewegung auf unser Gehirn auswirkt.
Als ich Ihr Buch „Beweg dich!“ gelesen habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, was für ein Wunderwerk das Gehirn und insgesamt der menschliche Körper ist. Können Sie darüber auch noch staunen?
Ich bin nach wie vor fasziniert vom Gehirn und werde nie aufhören, fasziniert zu sein. Je mehr ich weiß, desto mehr möchte ich noch wissen und mein Leben wird nicht ausreichen, um alles zu erfahren, was mich interessiert.
Die vergangenen Jahre haben ganz viele neue Entdeckungen gebracht. Es ist eine tolle Reise, die uns die Neurowissenschaft unserer Zeit ermöglicht.
Sie sagen, Bewegung wirkt sich in jedem Alter vorteilhaft auf das Gehirn aus. Welche positiven Effekte zeigen sich bei Kindern?
Kinder, die Sport machen, haben nachweislich einen größeren Hippocampus. Das ist der Sitz unseres Kurzzeitgedächtnisses. Wir haben je einen Hippocampus in der linken und in der rechten Gehirnhälfte. Bei Kindern ist der Hippocampus besonders aktiv und fit, deswegen merken sich Kinder alles sofort.
Ich spiele ungern mit Kindern Memory, weil ich regelmäßig verliere. Denn der Hippocampus schrumpft ab dem 20. Lebensjahr um ein Prozent.
Bewegung regt den Hippocampus an, er wird größer – und größere Hippocampi werden statistisch mit besseren schulischen Leistungen in Verbindung gebracht. Das bedeutet nicht, dass ein Kind, das sich gar nicht bewegt, schlecht in der Schule sein muss.
Wissenschaftliche Untersuchungen sind aussagekräftig für den Durchschnitt der Bevölkerung. Aber: Wenn ich mich bewege, habe ich die Möglichkeit, meinen Hippocampus zu vergrößern und damit mein Gedächtnis zu verbessern.
Auch „überdrehten Teenagern“ empfehlen Sie, Sport zu machen...
... und das aus eigener Erfahrung. Ich war sehr unrund als Teenager. In diesem Alter findet eine Umstrukturierung des Gehirns statt. Es kann vorkommen, dass gewisse Botenstoffe, die uns in Balance halten, wie zum Beispiel Serotonin, nicht ausreichend vorhanden sind. Bewegung regt die Ausschüttung dieser Botenstoffe an.
Auch Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätsstörung; Anm. der Redaktion) profitieren von ausreichender Bewegung. Psychopharmaka sollten hier wirklich die letzte Lösung sein.
Bewegung fördert die Produktion von Dopamin, das als Glückshormon gilt. Deshalb legen Sie depressiven Menschen Bewegung nahe. Macht Sport tatsächlich glücklich?
Es ist nachgewiesen, dass bei regelmäßiger Ausübung von Sport – Laufen, Gehen, Wandern, Radfahren etc. – die Ausschüttung von Dopamin und ebenso von Serotonin angeregt wird. Wenn wir beide ausreichend produzieren, dann haben wir keine Gemütsschwankungen und keine Depressionen. Tatsächlich können depressive Menschen auf einen Teil der Medikamente verzichten, wenn sie sich ausreichend bewegen.
Ein Schreckgespenst des Alters heißt Demenz. Die gute Nachricht aus Ihrem Buch: Bewegung kann Krankheiten wie Alzheimer vorbeugen und, wenn die Krankheit schon ausgebrochen ist, den Verlauf verlangsamen.
Bei Menschen, die sich regelmäßig bewegen, schrumpft die Gehirnmasse weniger. D.h., es sterben weniger Zellen ab und die Netzwerke, die unser Sein darstellen, unser ganzes Können und Wissen, gehen weniger kaputt und daher leiden wir weniger an Demenzerscheinungen.
2012 hat eine dänische Wissenschaftlerin das „glymphatische System“ entdeckt, das „Gehirnabfall“ entsorgt, so in etwa wie eine Kanalisation. Funktioniert dieses System nicht gut, sammeln sich die Abfälle an der Gehirnoberfläche und zerstören darunterliegende Netzwerke. Alzheimer ist nichts anderes als eine Ansammlung von Abfallprodukten des Gehirnstoffwechsels.
Bewegung regt das glymphatische System und damit den Abtransport von Gehirnabfall an. Der Neurologe Venturelli stellte fest, dass Alzheimerpatienten, die regelmäßig am Gang spazieren gehen, einen langsamerer Verfall ihrer geistigen Fähigkeiten zeigen.
Das bedeutet nicht, dass man Alzheimer heilen kann, aber den Verlauf kann man auf jeden Fall beeinflussen. Am besten beugt man vor und bewegt sich in jedem Lebensalter, dann senken wir die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken.
Nicht jede Form von Bewegung wirkt sich positiv auf unser Gehirn aus. Welche ist die „richtige“ Bewegung?
Die Bewegung soll „aerob“ sein, d.h., ohne zu schnaufen. Das Wieviel an Bewegung hängt daher vom jeweiligen Menschen ab. Ich bin sehr gut trainiert und laufe ohne zu schnaufen 10 km in einem Tempo von 6 bis 7 km/h. Jemand, der gerade beginnt, sollte klein anfangen, nur mit Gehen, dann schneller gehen und langsam ins Laufen übergehen – ohne, dass man zu wenig Sauerstoffzufuhr hat, das ist ganz wichtig.
Es ist viel besser, man geht regelmäßig ohne zu schnaufen, aber man geht, am besten jeden Tage in der Woche, vielleicht ein Stündchen am Tag guten Schrittes spazieren, bevor man zu hohe Ansprüche an sich stellt und womöglich gleich anfängt zu laufen.
Man überfordert den Körper und vielleicht auch den eigenen Willen und unterschätzt den inneren Schweinehund. Dann macht man es zwei Mal und nie mehr wieder.
Besser langsam anfangen und sich langsam steigern. Dann bleibt man dran und hat auch ein gutes Gefühl.
Es klingt so, als wäre Sport ein richtiges Wundermittel – ist er das?
Bewegung ist definitiv das Wundermittel. Es ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen. Wenn wir uns bewegen, tun wir das Beste für unser Gehirn, aber auch für andere Organe im Körper. Wir sollten Bewegung als Verbündete ansehen im Kampf gegen Krankheiten und zur Stärkung unseres Gehirns.