Wir treffen Dr. Johann Weißensteiner in seinem Büro im dritten Stock des Erzbischöflichen Palais in der Wollzeile in Wien. Direkt nebenan liegt das Diözesanarchiv, in dem die Akten und Dokumente der Wiener Erzdiözese liegen. Von der Gründungsurkunde der Diözese, über bischöfliche Dokumente vom Mittelalter, bis hin zu den Dokumenten des erzbischöflichen Bauamtes. Das älteste dieser Dokumente stammt aus dem Jahr 1139! Hier liegen also geschichtliche Dokumente von unschätzbarem historischen Wert.
Genau diese Dokumente bestimmten und prägten beinahe die gesamte berufliche Laufbahn und einen guten Teil des Lebens von Johann Weißensteiner. Mehr als 38 Jahre lang hat er in diesem kirchlichen Archiv gearbeitet und als Leiter den Weg in ein neues Zeitalter vorbereitet.
Wir möchten von ihm wissen, wie es ihm geht, wenn er daran denkt, dass er jetzt in Pension geht? Wird ihm die Arbeit fehlen?
Weißensteiner: „Wahrscheinlich schon. Es ist einfach nur erstaunlich, wie rasch die Zeit vergangen ist. Ich kann mich noch an meinen ersten Arbeitstag erinnern, als ich um halb acht in der Früh am Maria Pócs-Altar im Wiener Stephansdom gebetet habe, dass das Ganze gut beginnt. Und heuer am Aschermittwoch habe ich mir das Aschenkreuz abgeholt – wieder am Maria Pócs-Altar.
Ich kann es fast nicht glauben, dass dazwischen unglaubliche 38 Jahre vergangen sind. Und gleichzeitig habe ich jetzt beim Zurückblicken das Gefühl, dass sich schon enorm viel verändert hat.“
Was konkret hat sich verändert?
Früher konnten wir viel gelassener arbeiten. Da kamen meistens briefliche Anfragen. Da haben wir dann im Normalfall alles in Ruhe raussuchen können und dann – ebenfalls per Brief – zurückgeschrieben.
Das ist mittlerweile klarerweise ganz anders: Die Anfragen kommen per Mail und es wird auch erwartet, dass die Antworten viel schneller erfolgen.
Als ich angefangen habe, waren die Dokumente, Bücher und Akten zum größten Teil nicht verzeichnet, nicht paginiert oder foliiert. Wir sind dann hergegangen und haben alle Blätter mit Bleistift foliiert, also jedes Blatt mit einer Nummer versehen und damit eindeutig klassifiziert.
Außerdem haben wir eine gute wissenschaftliche Betreuung eingeführt. Das alles hat dazu beigetragen, dass wir alle Bestände zum größten Teil mittlerweile erfasst, katalogisiert und für die Forschung aufgearbeitet haben. Dadurch wissen wir mittlerweile auch viel besser und genauer über unsere diözesane Geschichte Bescheid.
38 Jahre Arbeit im Diözesanarchiv: An welches Ereignis denken Sie dabei besonders gerne?
Da könnte ich Ihnen stundenlang berichten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Jahr 1986. Damals sind wir nämlich darüber informiert worden, dass am Naschmarkt offensichtlich ein komplettes Pfarrarchiv zum Verkauf liegt. Dieses konnten wir dann sicherstellen.
Das hat dann dazu geführt, dass wir in den folgenden Jahren unseren Fokus auf die Pfarrarchive gelegt haben. Konkret haben wir alle Pfarren der Erzdiözese Wien besucht und eine Bestandsaufnahme der Pfarrarchive begonnen und eine Sicherheitsverfilmung der Pfarrchroniken durchgeführt, die in der Erzdiözese Wien seit 1832 geführt werden.
Haben Sie durch ihre Arbeit viel aufgearbeitet, wovon man nichts (mehr) wusste?
Durch die Arbeit mit den Dokumenten, insbesondere durch das Foliieren, liest man auch die Inhalte. Das führt dazu, dass man die geschichtlichen Abläufe besser einschätzen kann.
Da sind dann auch oft interessante Begebenheiten dabei: Unser ältestes Dokument im Archiv stammt z.B. aus dem Jahr 1139 und kommt nicht aus unserer Diözese, sondern aus dem Stift Göttweig. Es ist eine Bulle von Papst Innozent II., die das Stift direkt unter päpstlichen Schutz stellt.
Viel später, im 17. Jahrhundert, gab es dann einen Streit zwischen dem Abt des Stiftes und dem Bischof von Passau, dem bis 1785 weite Teile von Niederösterreich unterstanden. Der Abt erklärte dem Bischof, dass das Stift Göttweig nur dem Papst unterstehe und diese Exemtion auch für die Göttweiger Pfarren gelte.
Daraufhin verlangte die Passauer Verwaltung bei Maria am Gestade in Wien einen entsprechenden Nachweis und bekam aus Göttweig das Originaldokument aus dem Jahr 1139 zugeschickt. Dieses wurde dann im Passauer Archiv in Wien abgelegt und kam schließlich 1785 in die Erzdiözese Wien und somit in das Diözesanarchiv.
Wahrscheinlich wissen die Göttweiger Benediktiner nicht einmal, dass eines ihrer wichtigsten und wertvollsten Dokumente bei uns liegt. Bis zu diesem Interview zumindest (schmunzelt).
Welchen Wert hat das Diözesanarchiv generell für die Diözese?
Einen ganz zentralen! In erster Linie für die Rechtssicherung. Bei uns liegen Beschlüsse, Akten über Grundstücksangelegenheiten, Befugnisse, Bauakten und auch alle Akten der anderen Dienststellen aus der Erzdiözese, die nach Aktenschluss (nach 30 Jahren, Anm.) zu uns kommen.
Darüber hinaus ist das Archiv klarerweise auch der Schlüssel zu unserer Vergangenheit und spiegelt die Geschichte der gesamten Diözese wieder.
Was sind Ihre Pläne für die Pension?
Ich werde im September Großvater. Darauf freue ich mich schon sehr. Außerdem habe ich einen Garten und ein renovierungsbedürftiges Haus. Und ich denke vor allem auch an meinen lieben Vater, der immer gesagt hat: „Lassen wir einfach einmal alles auf uns zukommen.“
Ich habe deshalb keine großen konkreten Pläne, sondern werde einfach schauen, was mir jeder Tag verlangt und bringt. Was meine Arbeit anbelangt, habe ich alles soweit auf Schiene gebracht, dass man alles findet und versteht, auch wenn ich in Pension sein werde.