Der Vatikan-Kinderschutzexperte Hans Zollner sieht in der Missbrauchskrise "einen sehr eindringlichen Anruf" Gottes an die katholische Kirche. Sie müsse sich fragen, was im Kern christlicher Auftrag in der Gegenwart sei und was absterben müsse, weil es nicht wesentlich dazugehöre, sagte der Jesuit der katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost": "Das wird nicht gehen ohne eine größere Einfachheit und eine asketischere Kirche."
Askese im Bereich der Nutzung des Internets
Der Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana plädierte in diesem Zusammenhang für einen asketischen Umgang mit Internetkommunikation. "Der Zugang zu Internetpornografie ist ein gesamtgesellschaftliches und leider auch in kirchlichen Kreisen verbreitetes Phänomen", sagte Zollner, der auch Mitglied der Kinderschutzkommission des Papstes ist. Bisher gebe es dafür kein Modell und wenig Hilfestellungen, etwa für geistliche Begleitung oder die Beichte.
Warnung vor Trugschluss
Mit Blick auf die mögliche Bedeutung von Homosexualität warnte der Jesuit vor Trugschlüssen. Nicht jeder, der homosexuell aktiv war, sei auch homosexuell veranlagt. Diese Erkenntnis aus Studien decke sich auch mit Erfahrungen aus seiner Praxis als Psychotherapeut. Viele Missbrauchstäter unter den Priestern seien "sexuell unreife Persönlichkeiten, die nicht sagen können, ob sie hetero- oder homosexuell sind". Das sei "ein viel größerer Risikofaktor" als eine eindeutige Neigung.
Durch fehlende Auseinandersetzung mit Sexualität etwa im Priesterseminar hätten sich sexuelle Bedürfnisse auf Personen des gleichen Geschlechts orientiert, fügte Zollner hinzu. So hätten Missbrauchstäter unter den Klerikern "nicht verinnerlicht, dass Sexualität eine große Kraft sein kann, um Menschen zu dienen". Stattdessen hätten sie sie benutzt, um Macht auszuüben.
Unter Generalverdacht
Der Jesuit äußerte die Befürchtung, dass die Missbrauchsskandale die Kirche gegenüber der Öffentlichkeit beim Thema Sexualität sprachlos machten: "Alles, was wir zur Sexualität sagen, steht unter dem Generalverdacht: Ihr lebt ja selber nicht, was ihr sagt." Daher stelle sich die Frage, wie die katholische Kirche - "und das sind nicht nur die Amtsträger" - Sexualmoral so darstellen und leben könnten, "dass Gläubigen wie Nicht-Christen sichtbar ist: Sexualität ist ein integrierender Teil des menschlichen Lebens, den wir achten, schätzen und auch entsprechend einbinden".
Zollner beklagte zugleich einen anhaltenden "geistigen Kleinmut" in der Kirche. Dieser hänge damit zusammen, "dass man sich nicht dem ganzen Wurzelgeflecht dessen stellt, was Missbrauch und dessen Vertuschung ermöglicht".
Aufarbeitung in Osteuropa stockt
In einem weiteren Interview für die Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse (Sonntag) in Osnabrück kritisierte der vatikanische Kinderschutzexperte auch eine stockende Missbrauchsaufarbeitung in den Kirchen Mittel- und Osteuropas. Für viele Katholiken in der Region sei es schwer, "mit staatlichen Stellen, speziell der Polizei, zusammenzuarbeiten", sagte Zollner.
"Wenn man im Kommunismus aufgewachsen ist, hat man als Katholik über viele Jahre ein kirchenfeindliches, kirchenzerstörerisches Klima erlebt", erläuterte der Jesuit. Die Kirche sei als einziger Ort der Freiheit über die Jahre verteidigt worden. Priester seien Repräsentanten dieser Freiheit und die einzigen Widerständler gewesen. "Ein osteuropäischer Bischof hat mir gesagt, wegen dieser Erfahrungen könne er keinen Priester an die Polizei ausliefern."
Zollner bezeichnete Deutschland als eines der fünf Länder neben den USA, Australien, Irland und Großbritannien, in denen die katholische Kirche bei der Prävention von Missbrauch am weitesten ist. Es seien Stellen geschaffen und Leitlinien eingeführt worden. Mitarbeiter seien geschult und rechtliche Voraussetzungen erwirkt worden. Ein wichtiger Schritt sei nun, dass Missbrauch kein Randthema bleibe, das nur skandalisiert wird. "Es muss in der Mitte der kirchlichen Arbeit ankommen", sagte Zollner. Das sei Verpflichtung gegenüber den Opfern.