Am Montag um 18.50 brach der Brand im Dachboden der Pariser Kathedrale aus. Zwei Stunden später hatte er bereits die Welt in seinen Bann gezogen. Staatsoberhäupter sandten Solidaritätsbotschaften, der französische Ministerpräsident sprach von einem „Beben im Innern“ seiner Landsleute, die Zeitung „Figaro“ schrieb: „Die Ergriffenheit ist gewaltig“.
Dabei gab es keine Menschenleben zu beklagen, nicht einmal Schwerverletzte, trotz des intensiven Einsatzes von 400 Feuerwehrleuten und tapferer Helfer wie jenes Feuerwehrkaplans, der die Dornenkronen-Reliquie aus der Kirche rettete.
Woher kommt die große Anteilnahme der Menschen, von denen viele gar keine gläubigen Christen sind?
Die Kunst- und Denkmalschutzexpertin unserer Erzdiözese, Elena Holzhausen, sagt im Gespräch mit dem SONNTAG, dass „Kirchen weit mehr sind als normale Häuser. Sie sind Erfahrungsorte, die uns in Ruhe die Chance geben, uns den großen Fragen zu stellen: Woher komme ich, wohin gehe ich?“ Das würden auch viele Menschen erleben, die nicht zum Beten, sondern nur zum Staunen kommen.
„Die Schönheit des Kirchenraums berührt. Man ist überwältigt von der Größe, dem Licht, den Proportionen. Etwas berührt einen ganz tief. Dem kann man sich nicht entziehen. Es wirft einen zurück auf die wesentlichen Fragen des Seins.“
Die Kraft einer Kirche wie Notre-Dame geht also weit über das Architektonische hinaus. Holzhausen: „Dazu kommt das kollektive Gedächtnis, das die Erfahrung des Einzelnen übersteigt, die Erfahrungen im Lauf der Geschichte.“
In einer Zeit, als kaum jemand lesen und schreiben konnte, gab es Menschen, die berechnen und planen konnten, wie man große, lichtdurchflutete, hohe Gotteshäuser bauen kann.
„Damit sind die Pariser aufgewachsen, und mit der Geschichte, die sich in den Bau eingeschrieben hat - von der Bartholomäusnacht über die Französische Revolution mit den abgeschlagenen Königsköpfen bis zum großen emotionalen Moment der Verkündigung des befreiten Frankreichs 1944 vor und um und in der Kathedrale von Paris.“
Die Wiederherstellung von Notre-Dame wird kostspielig und aufwendig sein. Der Wiener Dombaumeister Wolfgang Zehetner hat darauf hingewiesen, dass es „hochqualifizierte Steinmetze und Bildhauer nicht im Übermaß“ gebe. Er könne sich gut vorstellen, dass europäische Dombauhütten – auch die in Wien - den Parisern Fachleute zur Verfügung stelle. Es werde jedenfalls Jahre dauern. Und: „Es wird nicht mehr das Gleiche sein.“
Soll man denn überhaupt versuchen, Notre-Dame möglichst originalgetreu wieder herzustellen?
Die Menschen sind ja ganz unterschiedlich mit zerstörten Kirchen umgegangen: Die Gedächtniskirche in Berlin etwa wurde als Ruine stehen gelassen, die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Frauenkirche in Dresden oder die von Stalin abgerissene Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau wurden detailgetreu wieder aufgebaut.
Holzhausen: „Es ist beides legitim. Ich finde es aber gut, wenn die, die jetzt das Schicksal der zerstörten Kirche zu tragen haben, beim Wiederaufbau auch künstlerischen Raum für ihre Reflexion bekommen.“ Sie plädiert dafür, möglichst behutsam vorzugehen: „Weder das Alte komplett ad acta legen noch mit neuen Materialien auf alt spielen.“
Ein besonderer Aspekt ist, dass man in Frankreich besonderen Wert auf die scharfe Trennung von Staat und Religion legt. Was bedeutet es da, dass sich die Nation in Trauer und Ergriffenheit um eine brennende Kirche schart?
Holzhausen sieht darin vor allem „eine Chance der Wiederbegegnung“. „Wir haben alle am Montagabend die Bilder gesehen, bei denen es keine Rolle gespielt hat, ob jemand Katholik war oder einfach entsetzt von der Kraft des Feuers.
Die Menschen sind durch das Schicksal enger aneinander gerückt – und dieses Beieinanderstehen kann ein wichtiger Anfang für Neues sein.“
Auch beschränke sich die verbindende Kraft eines zu meisternden Schicksals dieser Art nicht auf die französische Gesellschaft: „Ein Wiederaufbau von Notre-Dame bedeutet sehr viel an Miteinander, an Zusammenhalt und auch an weltweiter Solidarität. Die Menschen auf unserem doch sehr klein gewordenen Planeten rücken wieder mehr zusammen. Das ist wertvoll.“
Elena Holzhausen möchte aber auf dem Boden bleiben. Zerstörung und Wiederaufstieg von Notre-Dame als Metapher für Tod und Auferstehung – die Karwoche stößt einen geradezu auf diesen Gedanken.
Die Kunsthistorikerin schüttelt den Kopf: „Für mich ist Ostern doch um so vieles größer, da wäre mir Notre-Dame als Metapher für Tod und Auferstehung Jesu Christi doch zu vordergründig. Es ist jedenfalls ein Sinnbild für die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit unseres Seins und unserer Lebensorte und unserer Anbindung an die Materialität.“
Vielleicht darf ich als Autor des Artikels hinzufügen, dass Notre-Dame auch ein starkes Zeichen für die Hoffnung ist, die uns nicht untergehen lässt.
Es gibt ein volkstümliches Lied des Priesters Abbé Joseph Bovet, das diesen Gedanken besingt und im Widerstand gegen die Nazis als heimliche Hymne Frankreichs gehandelt wurde. „Le vieux chalet“ erzählt von einem alten Haus in den Bergen, das von den Elementen zerstört wurde. Als „Jean“ – der Franzose schlechthin – das sah, weinte er zuerst über die Ruinen seines Glücks. In der letzten Strophe gibt es aber wieder ein Haus: „Car Jean d‘un coeur vaillant/l’a rebâti plus beau qu’avant“: Denn Jean hat es mit tapferem Herzen wieder aufgebaut – noch schöner als zuvor.