Der evangelische Bischof Michael Bünker hat die Bedeutung von gemeinsamen Feiertagen für den Zusammenhalt der Gesellschaft hervorgehoben. Er warnt zugleich vor der "Privatisierung" von Feiertagen und sieht Erfolgschancen für die Klage, die die evangelische Kirche gegen die neue Karfreitagsregelung beim Verfassungsgerichtshof einbringen wird. Und er glaubt zudem auch, dass es künftig in Österreich auch einen offiziellen muslimischen Feiertag geben wird. Bünker äußerte sich am Wochenende, 13./14. April 2019 in Interviews mit der APA, "Kronenzeitung" und der "Kleinen Zeitung".
Der Bischof wies gegenüber der APA den Vorschlag des Präsidenten der Industriellenvereinigung (IV) Georg Kapsch nach einer Umwandlung aller Feiertage in Urlaubstage zurück. Und er legte in der "Kleinen Zeitung" nach: "Die öffentliche Religionsausübung wird radikal individualisiert und privatisiert. Es ist plötzlich die private Entscheidung jedes Einzelnen: Nehme ich mir einen privaten, persönlichen Urlaubstag dafür oder nicht? Das sollte meiner Meinung nach nicht Schule machen."
Bünker machte auch in allen Interviews einmal mehr klar, dass er der Streichung des Karfreitags als Feiertag für Protestanten nicht zugestimmt habe. "Dass der Karfreitag jetzt aus dem Urlaubskontingent genommen werden muss, hat meine Zustimmung nicht erhalten", so Bünker etwa wörtlich gegenüber der APA.
Zugleich bedauerte er den großen Zeitdruck, unter dem das Thema behandelt wurde, und dass es zu keinen formellen Verhandlungen unter Beteiligung aller Betroffenen gekommen sei. "Es wäre nichts passiert, wenn der heurige Karfreitag einfach auf uns zugekommen wäre. Wir hätten ein Jahr Zeit gehabt, um eine vernünftige Lösung für alle, mit allen Beteiligten gemeinsam auszuarbeiten", so Bünker. Wichtig sei noch immer, dass die von der Regierung zuerst vorgesehene Variante mit einem "halben Feiertag" nicht verwirklicht wurde.
Gesamtgesellschaftlich hätten Feiertage ihre Bedeutung und ihren Wert, ob bei Katholiken, Evangelischen, Juden oder Muslimen. "Sie sind so etwas wie die Stopper im Hamsterrad der ständigen Verfügbarkeit. Wenn das nicht nur individuelle, sondern gemeinschaftliche wahrgenommene Rechte sind, dann dienen sie auch dem Zusammenhalt der Gesellschaft und damit der Gesellschaft als Ganzem", so Bünker in der "Kronenzeitung".
Er zeigte sich überzeugt, dass es künftig etwa auch einen muslimischen Feiertag in Österreich geben wird. Bünker dazu: "Wir leben nicht mehr in den Fünfzigerjahren. Damals gab es 90 Prozent Katholiken und sieben Prozent Evangelische. Heute haben wir doppelt so viele Muslime in Österreich wie Evangelische. Und die zweitgrößte Gruppe sind jene Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Ein zusätzlicher, flexibler, 14. Feiertag würde auch den anderen religiösen Minderheiten in unserem Land die Möglichkeit einräumen, einen Feiertag zu definieren."
Der Bischof zeigte sich zuversichtlich, das die Klage gegen die Karfreitagsregelung beim Verfassungsgerichtshof Erfolg hat und das Gesetz verfassungsrechtlich nicht in Ordnung ist. Der Bischof nannte in der Kleinen Zeitung" ein Beispiel: "Wie kann ein Arbeitnehmer oder eine Arbeitnehmerin, die am 1. April in Beschäftigung kommt, schon am Karfreitag einen Urlaubsanspruch haben? Man könnte also gar nicht freibekommen. Das kann nächstes Jahr auch einige betreffen."
Ein zweites Beispiel: Das Gesetz halte ausdrücklich fest, "dass in künftigen Kollektivverträgen keine Regelungen stehen dürfen im Hinblick auf Evangelische und Alt-Katholiken und den Karfreitag. Für andere ist nichts geregelt. Ob das nicht diskriminierend für Evangelische und Alt-Katholiken ist?"
Zur Frage, warum für evangelische Christen der Karfreitag so wichtig ist, antwortete der Bischof wörtlich: "Martin Luther entwickelt eine Theologie des Kreuzes. Er sagt, wir sollen nicht nur daran denken, Gott in der Herrlichkeit, in Glorie und Allmacht wahrzunehmen, sondern auch dort, wo er sich als völlig ohnmächtiger, leidender, sterbender Mensch zeigt - am Kreuz. Deswegen gehört für Evangelische der Karfreitag ganz notwendig zu Ostern dazu, weil er den Blick schärfen kann für Menschen, die ohnmächtig sind, die unter Gewalt oder Krieg leiden. Unsere Gesellschaft könnte das brauchen - einen Tag der Besinnung auf das Leiden in der Welt."
Zur jüngst vom Parlament präsentierten Antisemitismus-Studie meinte Bünker im APA-Interview: "Das generelle Bashing des sogenannten islamischen Antisemitismus ist etwas, was man auch relativieren muss. So sicher es einen solchen Antisemitismus gibt, so sehr muss man auf Bildung und Aufklärung setzen. Die meisten antisemitischen Vorfälle haben allerdings einen rechten Hintergrund." Das Ergebnis der Studie solle aber nicht ein "zusätzliches Repertoire sein, um antiislamische Einstellungen zu fördern".
"Wir haben generell ein Problem mit Rassismus in Österreich", so der lutherische Bischof angesichts jüngster Vorfälle. Und auch Flüchtlinge würden zu einer Randgruppe erklärt. Als Beispiel nannte Bünker Vorschläge und bereits erfolgte Vorhaben von Regierungsseite wie eine Sicherungshaft, Ausreisezentren, ein Stundenlohn von 1,50 Euro oder "Zwangsarbeit". Es sei "inakzeptabel, dass man ernsthaft über so etwas diskutieren möchte".
In einem anderen Bereich zeigte sich Bünker zufrieden: die lutherische Synode hatte unlängst beschlossen, dass in Gemeinden, die dafür sind, homosexuelle Paare im öffentlichen Gottesdienst ebenso wie heterosexuelle Paare gesegnet werden können. "Ich habe mich persönlich dafür ausgesprochen, ich bin dafür auch heftig kritisiert worden - wegen Einflussnahme auf einen Entscheidungsprozess", berichtete der Bischof, und: "Ich kann zu dem, was beschlossen wurde, gut stehen und hoffe, dass das viele auch können."
Dass für seine Nachfolge - die Bischofswahl ist für den 4. Mai angesetzt - ausschließlich drei männliche Kandidaten nominiert wurden, ist für Bünker "eine Frage der Zeit". In der evangelischen Kirche gebe es eine große Zahl von kompetenten und qualifizierten Pfarrerinnen. Gerade unter den jüngeren sei der Anteil der Frauen hoch.