Die Bilder der brennenden Türmen des World Trade Centers in New York vom 11. September 2001 haben sich tief in das Gedächtnis der Gegenwart eingebrannt. Hier attackierten Terroristen im Namen ihrer Religion den aus ihrer Sicht gottlosen Westen. In den vergangenen Jahren häufen sich auch die Selbstmordanschläge, die Morde und Anschläge in Europas Städten.
Im Namen der Religion wird in Europa wieder getötet. Und damit geht auch die Angst vor der Religion wieder um. Denn mit dem Ende der neuzeitlichen Konfessionskriege im Europa des 17. Jahrhunderts glaubte man, dass das Thema religiöse Gewalt beendet sei.
Nun tauchen diese Religionsgespenster auch in Europa wieder auf. Religion wird wieder mit Gewalt in Verbindung gebracht. Die neuen Atheisten wollen schon immer gewusst haben, dass Religionen und Gewalt zusammengehören.
Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff spricht demnächst bei den „Theologischen Kursen“ in Wien über die, wie er sie bezeichnet, „Religionsgespenster“ und den neuen Atheismus.
Warum fürchtet sich das säkulare Europa wieder vor der Religion?
Religionen stehen für eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die politisch und kulturell bedeutsam ist, aber immer auch etwas anzeigt, was sich anzieht. Hier wird Transzendenz verhandelt. Die Metapher vom „Religionsgespenst“ markiert das.
Sichtbares und Unsichtbares werden verschaltet. Eine Größe wird eingespielt, die Vertrauen in den Sinn des eigenen Lebens verbürgen kann, aber auch eine Macht darstellt, die man nicht ohne Weiteres kontrollieren kann. „Mysterium fascinosum et tremendum“ („Ein Geheimnis, das faszinierend und schockierend ist“) nannte Rudolf Otto dies in seinem großen Versuch über „Das Heilige“:
Hier zieht etwas an, das zugleich abstoßen kann, schon weil auf diese Weise Ängste zum Thema werden.
Welche Rolle spielen dabei die oft tödlichen Gewaltpotenziale in der Geschichte der Religionen?
9/11, die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA, stellen in dieser Hinsicht ein Fanal dar. Die öffentliche Sichtbarkeit von Religionen im 21. Jahrhundert findet nicht zuletzt im Zeichen religiöser Gewalt und von Religionskonflikten statt. Das löst Ängste aus.
Ist mit den „Religionsgespenstern“ auch die fanatisierte Religion, verbunden mit terroristischer Gewalt, gemeint?
Die Eingangspassage meines Buches „Religionsgespenster. Versuch über den religiösen Schock“ setzt beim Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ an.
Man kann auf grauenhafte Weise bis heute im Netz verfolgen, wie die Mörder beim Verlassen des Redaktionsgebäudes einen angeschossenen Polizisten liquidieren. Der Auftritt selbst wirkt gespenstisch: das mediale Wiederkehren des Terrors, der auch auf diese Weise von uns Besitz ergreift. Der sich in unserer Vorstellung festsetzt.
Religion als Wiedergänger im Modus der Gewalt – das definiert, was Gespenster auch als Schuldgestalten bedeuten, die die Zonen zwischen Leben und Tod bebildern.
Welche Antworten hat das Christentum auf Religionsgespenster, die als Selbstmordattentäter den Begriff des „Märtyrers“ besetzen und missbrauchen?
Der christliche Märtyrer darf den Tod nicht suchen. Nicht das eigene Lebensprojekt steht im Vordergrund, sondern das Zeugnis für den Gott des Lebens. Deshalb darf er auch in keinem Fall das Leben anderer Menschen riskieren oder gar opfern. Das ist der äußerste Missbrauch dieser theologischen Figur.
Sie nennen auch die gegenwärtige weltweite Verfolgung der Christen. Warum schaut da Europa weg?
Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich auf unmittelbare oder doch reichweitennahe Sphären. Die Erschütterung über einen Unfall vor Ort greift anders zu als bei Taten, die sich medial und für die eigene Vorstellungskraft auf Distanz ereignen. Sie behalten etwas Abstraktes. Der Kontakt muss intellektuell wie emotional erst hergestellt werden.
Darüber hinaus war das Thema Christenverfolgungen lange Zeit ideologisch besetzt – es schien für antikommunistische, auch für politisch „rechte“ Propaganda reserviert. Man fürchtet Instrumentalisierbarkeit. Da gibt es blinde Stellen im eigenen Wahrnehmungssystem.
Gleichzeitig mit den Religionsgespenstern regt sich in Europa der neue Atheismus. Warum ist dieser so oft auch aggressiv?
Weil Religionsgemeinschaften oft selbst aggressive Ansprüche anmelden. Weil etwa in den USA die Übergänge zwischen Religion und Politik oftmals scharf auf der fundamentalistischen Grenze verlaufen.
Weil Religionsführer bis heute dazu neigen, Religion als Machtfaktor zu nutzen. Weil es nach wie vor kritischen Nachbeholfbedarf für Religionsgemeinschaften gibt, die ihren Glauben an Gott mit ihren eigenen Interessen verwechseln – und damit Politik betreiben.
Welche Zerrform des Christentums bekämpft dieser neue Atheismus?
Autoren wie Richard Dawkins kämpfen gegen wissenschaftliche Aufklärungsresistenz – nicht selten dann aber auch gegen einen Gegner, den sie sich aus den eigenen Vorurteilen erschaffen haben.
Die Evolutionstheorie stellt für die katholische Kirche längst kein Problem mehr dar. Andere humanwissenschaftliche Erkenntnisse, die z.B. die Sexualität und die Geschlechterrollen betreffen, aber durchaus noch.
Letztlich adressiert sich scharfe atheistische Kritik an kritikimmune Religionsüberzeugungen. Und natürlich geht es am Ende nie allein um die verzerrte Form von Religion, sondern um die Plausibilität des Glaubens an Gott.
Warum negieren die neuen Atheisten so oft die Ergebnisse heutiger Theologie und Religionspraxis?
Das Christentum verfügt über ausgebaute Theologien, die wissenschaftlich anspruchs-voll und weit verzweigt arbeiten. Die Ergebnisse sind schon für Theologinnen und Theologen selbst kaum einzuholen. Insofern gibt es auch eine strukturelle Überforderung. Das ließe sich durch einen offenen und auch lernfähigen Gesprächskontakt aufheben – was die Bereitschaft einschließt, gelegentlich auch ein paar überzeugungsstärkende Klischees aufzugeben.
Lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Atheismus? Welche Antworten hat die Theologie auf diesen neuen Atheismus?
Die Debatte lohnt schon deshalb, weil es Entdeckungen zu machen gilt: wie unterschiedlich man Perspektiven zwischen theistischen und atheistischen Positionen aufsetzt. Wie man dieselben Phänomene je anders sieht und einordnet. Welche Erfahrungen damit verbunden sind – übrigens auch in einer spirituellen Sensibilität, die Atheisten ja nicht einfach ausblenden.
Deswegen ist die erste Antwort der Theologie bereits ihre offene, kritische Gesprächsbereitschaft. Sie kann Argumente zur Verfügung stellen – indem sie z.B. darauf verweist, dass der Mensch offen ist für Fragen, die seinen Erfahrungs-Horizont übersteigen. Damit verbunden sind auch Deutungs- und Sinnpotentiale.