Im Garten des Dominikanerinnenklosters in Kirchberg am Wechsel erwacht langsam der Frühling. Krokusse, Schneeglöckchen und Märzenbecher strecken sich bereits der Sonne entgegen.
Gäste sind in diesem kleinen Paradies herzlich willkommen, denn Sr. Teresa Hieslmayr, Dominikanerin, Psychotherapeutin und Flüchtlingsbegleiterin lädt Anfang Mai gemeinsam mit Psychotherapeutin Christine Loidl erstmals zu Klostertagen ein – unter dem Titel „Weniger ist mehr.
Im Einfachen die Fülle entdecken“. Sr. Teresa hat den Eindruck, dass dieses Thema viele Menschen beschäftigt, wie sie im Gespräch mit dem SONNTAG erklärt.
„Menschen erleben heute in mehrfacher Hinsicht ein Zuviel“, sagt die Ordensfrau: „Auf der einen Seite gibt es ein Zuviel an Sinneseindrücken: Wir sehen zu viel. Wir hören zu viel. Es gibt unendlich viele Gerüche und unendlich viele Geschmacksrichtungen, auch bei Dingen, bei denen der Geschmack unwesentlich ist.“
Ein Zuviel an Sinneseindrücken ist das eine, das andere: ein Zuviel an Ansprüchen, die an Menschen gestellt werden und die sie an sich selbst stellen. „Menschen fühlen sich subjektiv zu vielen Dingen verpflichtet“, meint die Psychotherapeutin: „Es ist paradox: Wir hatten noch nie so viel Freiheit wie jetzt und haben gleichzeitig den Eindruck, so viel zu „müssen“.
Dieses Zuviel auf den verschiedenen Ebenen führe zum Gefühl der Überforderung, betont Sr. Teresa, die sich da selbst gar nicht ausnimmt: „Wir verwenden häufig Sätze wie „Heute muss ich noch…“ und „Etwas muss so sein“. Ich schlage vor, dass wir manchmal versuchen, diesen Satz probeweise durch ein „Heute möchte ich…“ oder „Ich möchte das so“, zu ersetzen und uns fragen, ob auch diese Sätze stimmen.
Wie kann man erkennen, dass Eindrücke und Muss-Botschaften überhandnehmen?
Sr. Teresa rät: „Erkennen geht über bewusstes Wahrnehmen. Wahrnehmen geht über Innehalten.
Die Fastenzeit bietet sich als Zeit an, in der wir innehalten und uns in Ruhe Fragen stellen können: Wie geht es mir eigentlich? Was will ich eigentlich? Will ich so viel von dem einen oder eigentlich mehr von dem anderen?“
Die Kirche biete dazu viele Möglichkeiten: Gebet, Meditation, geistliche Begleitung, Orte der Stille, wie zum Beispiel ein Kloster, in das man sich zurückziehen kann.
„Das unglaublich Weise an der Fastenzeit ist die Länge von 40 Tagen. Das ist ein idealer Zeitraum, um sich bestimmte Verhaltensweisen auch nachhaltig anzugewöhnen“, sagt Sr. Teresa. Sie hat sich während einer Fastenzeit z. B. angewöhnt, beim Bäcker immer ihr eigenes Papiersackerl mitzubringen, um Müll zu vermeiden. „Nach der Fastenzeit bin ich dann einfach dabei geblieben.“
Weniger ist mehr: Dieser Satz gilt für die meisten Bewohner reicher Industrieländer, aber nicht für jene, die zu wenig haben, um gut über die Runden zu kommen.
Sr. Teresa kennt beide Seiten: Seit vielen Jahren begleitet sie in Wien jugendliche und junge Flüchtlinge. „Die Flüchtlinge haben zu wenig Geld. Es ist anstrengend und bereitet Stress, wenn man zu wenig Mittel zur Verfügung hat. Ihr Ziel ist natürlich, dass sie mehr haben, und für sie ist das auch völlig angemessen“, schildert die Dominikanerin.
Sr. Teresa nützt die Zugfahrten zwischen Kirchberg und Wien gerne zum Innehalten und Wahrnehmen: „Das geht überall – in der Kapelle genauso wie im Zug oder in der U-Bahn.
Innehalten kann man auf ganz unterschiedliche Weise. Manchmal versuche ich nichts anderes zu tun, als zu hören und wahrzunehmen, welche Geräusche mich umgeben.“ Sie merke dann, wie laut es eigentlich ist.
Diese Übung kann jeder ausprobieren. „Erst wenn wir wahrnehmen, wie laut es rund um uns ist, können wir uns die Frage stellen und entscheiden: Möchte ich das so oder möchte ich manchmal auch die Stille aufsuchen?“ Als Ordensfrau sei sie in einer privilegierten Situation: „Ich habe viele Gelegenheiten zur Stille. Andere müssen sich ganz bewusst die Zeit dafür nehmen, um in die Stille zu kommen“, führt Sr. Teresa aus.
Weniger von etwas, bedeutet mehr von etwas anderem und mehr für die anderen. Für Sr. Teresa ist das ein erster Schritt in Richtung Gerechtigkeit: „Ein Beispiel: Wenn ich weniger elektronische Geräte brauche, dann heißt das, dass mehr Rohstoffe vorhanden bleiben.“ Ein zweites: Wenig zu haben sei kein Selbstzweck, wie Sr. Teresa betont: „Das Ziel ist nicht, dass ich wenig habe. Das Ziel ist die Fülle. Unser Glaube zielt auf ein Paradies, in dem „Milch und Honig fließen“.
Diese Fülle, dieses Paradies ist aber nicht nur für mich, sondern für uns alle. Beim Weniger, beim Fasten geht es also nicht nur um mich. Es geht immer um uns alle.“
Wie kann man sich das Klosterwochenende „Weniger ist mehr“ vorstellen?
„Im Seminar wird es genau darum gehen, innezuhalten und wahrzunehmen, wo es ein Zuviel oder ein Zuwenig im persönlichen Leben gibt, um dann zu entscheiden, was für mich das rechte Maß ist“.
Das beginnt schon beim gewöhnlichen Gehen, ob in einem Raum oder in der Natur: „Da kann ich mich fragen: Was nehme ich rund um mich wahr, aber auch an und in mir, z.B. an Leibesempfindungen. Was spüre ich in den Füßen, wenn ich nicht am Asphalt, sondern auf unebenem Waldboden gehe?“ Ziel ist ein „ganz waches Dasein“ im Sinne der konzentrativen Bewegungstherapie, mit der wir in diesem Seminar arbeiten.
Der Frühling wird dann im Klostergarten der Dominikanerinnen schon ganz angekommen sein. Sr. Teresa genießt einstweilen die Ungleichzeitigkeit zwischen Kirchberg und Wien, wo jetzt schon die Forsythien blühen: „Da freue ich mich am leuchtenden Gelb der Forsythien gleich zweimal.“