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06.03.2019

Entdeckerin der Erzeltern

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Irmtraud Fischer.

 

Irmtraud Fischer ist mit Wissenschaftlerinnen in Italien, Spanien, in den USA und im deutschen Sprachraum vernetzt. Ihr gemeinsames Projekt heißt „Die Bibel und die Frauen“. Damit nicht nur die Fachwelt, sondern möglichst viele Menschen davon erfahren, erscheinen die Bücher in vier Sprachen.

 

Fischer ist die erste habilitierte Frau in Katholischer Theologie in Österreich, ihre Habilitation schrieb sie über „Die Erzeltern Israels“.


Irmtraud Fischer: Mir ist damals etwas aufgefallen: Unter den so genannten „Patriarchen-Erzählungen“ ist jeder zweite Text ein Frauentext. Es geht um Sara, Rebekka, Rachel und Lea… In den Kirchen gelesen, werden aber nur die Männertexte.


Was bedeutet es für Sie, dass die neue Bibelübersetzung von „Erzeltern“ spricht?
Der Begriff hat sich durchgesetzt. So sehr, dass „die Fischer“ gar nicht mehr erwähnt werden muss. Was will man mehr!


Was halten Sie darüber hinaus von der neuen Einheitsübersetzung?
Sie ist halbherzig. Problematisch ist der Ausdruck „HERR“ für den Namen Gottes. Beim Lesen merkt man zwar jetzt, dass dort der Gottesname steht.

 

Das Problem ist, dass wir den Begriff „Herr“ nicht mehr mit „Herrschaft“ verbinden, sondern ausschließlich mit „Männlichkeit“. Heute sagen wir z.B. zum Bettler vor der Kirche: Wie geht es Ihnen, Herr Josef. Dieser Mann ist weit weg von Herrschaft…


Sie sind Österreichs erste habilitierte katholische Theologin. Ihre Eltern wollten nicht, dass Sie Theologie studieren.
Ja. Sie haben einem befreundeten Theologieprofessor davon erzählt. Er sagte: Schade, dass sie kein Bub ist! - Das war typisch. Als ich habilitieren wollte, sagte ein Kollege zu mir: Sie haben eh keine Chance. Keine zehn Jahre später hatte ich meinen Lehrstuhl.


Worum geht es bei Ihrem Projekt „Die Bibel und die Frauen“?
Es geht um die Geschichte der Bibelauslegung. Dabei gab es zu allen Zeiten Frauen, die die Bibel gelesen und ausgelegt haben. Teilweise haben sie die Bibel für Gemeinden ausgelegt, obwohl sie das die längste Zeit offiziell nicht durften.


Wie sehen Sie die Situation der Frauen in der Katholischen Kirche heute?

Leider bestimmen ausschließlich zölibatäre Männer über alle anderen. Wenn die Kirche die Frauenfragen nicht löst, wird es in Europa mit seinen Gesetzen zur Gleichbehandlung schwierig.

 

Es wird immer schwieriger, Europas Menschen von heute klar zu machen, warum 60 Prozent der Menschen automatisch wegen ihres Geschlechts oder ihrer geschlechtlichen Orientierung diskriminiert werden.