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05.03.2019

Frauen heute: Stabiler, stärker, angekommener

Die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz beobachtet unter jungen Frauen ein wachsendes Bewusstsein für die eigene Weiblichkeit – frei von auferlegten Interessen.

Die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz aus Hamburg befasst sich mit Phänomenen, die neue Entwicklungen anzeigen. „Es geht in der Zeitgeistforschung darum, dass die Dinge in Bewegung sind und diese Bewegung frühzeitig zu beobachten. Denn das bedeutet, dass man sie dann auch mitgestalten kann“, erklärt sie. Fratz setzt sich in ihren Forschungen auch mit dem Wandel des weiblichen Selbstverständnisses auseinander, der sich ihrer Meinung nach schon seit längerem vollzieht. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März befragte sie der SONNTAG zu diesem Thema. Wir wollen wissen: Wo ist ein Wandel des weiblichen Selbstverständnisses erkennbar? Was bedeutet dieser für unsere Gesellschaft und vor allem für die Kirche?

 

Wer bin ich? Was kann ich?

„Wir haben es heute generell mit einem Erwachen des Selbst zu tun. Immer mehr Menschen stellen sich die Frage: Wer bin ich? Was kann ich? Was ist mein spezifisches Talent, was ist meine Mission? Sie versuchen das durch eine innere Bestimmung herauszufinden und nicht durch eine institutionelle Verordnung. Dieser große gesellschaftliche Wandel macht auch vor den Frauen nicht halt“, erklärt Kirstine Fratz. Speziell junge Frauen in urbanen Zentren, die sich in Netzwerken zusammentun, würden sich die Frage stellen: „Was bedeutet eigentlich Weiblichkeit, wenn sie von Interessen bereinigt ist?“     

 

„Diese jungen Frauen haben das Gefühl, dass ihnen die Gesellschaft keine wahre oder unverstellte Idee von Weiblichkeit liefern kann, weil immer Interessen daran hängen“, sagt Kirstine Fratz. „Interessen des Patriarchats oder der demografischen Verschiebung oder feministische Interessen, die sagen ,Du musst so und so sein’“. Fratz stellt bei diesen jungen Frauen eine gewisse Ermüdung darüber fest, dass ihnen diktiert wird, was Weiblichkeit sei. Es handle sich dabei aber (noch) nicht um statistisch wahrnehmbare Entwicklungen, sondern um Beobachtungen in urbanen Frauen-Zirkeln und im Bereich der Bloggerinnen und Influencerinnen.

 

Bücher von berühmten Frauen wie Tennisstar Serena Williams, Supermodel Gisele Bündchen oder Michelle Obama würden ein bisher nicht bekanntes Bewusstsein in Bezug auf die eigene Weiblichkeit zeigen. „Diese Bücher brechen mit Tabus wie etwa Fehlgeburt, gehen in eine sensible Auseinandersetzung mit dem Thema Mutterschaft und beleuchten das Thema Karriere-Machen ganz neu“, erklärt Fratz. Und sie ermutigen andere Frauen, ihrer eigenen Stimme zu folgen.  

 

Kinder als Glücksmacher

„Frauen versuchen in eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Weiblichkeit zu gehen, und immer weniger überkommenen Interessen, Vorstellungen und Vorurteilen zu genügen und den Rest zu deckeln“, stellt die Zeitgeistforscherin fest. Auch der Kinofilm „Female Pleasure“ (2018), in dem es um die strukturelle Kontrolle über die weibliche Sexualität in den fünf Weltreligionen geht, habe diesen Bewusstseinswandel dokumentiert. Die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner machte in „Female Pleasure“ den von ihr erlittenen Missbrauch in der Ordensgemeinschaft „Das Werk“ öffentlich.


Fratz führt eine weitere interessante Entwicklung aus: „Wir beobachten, dass im Influencer- und Bloggerbereich immer mehr Frauen unter 25 Jahren Kinder bekommen.“ Diese jungen Frauen machen ihr Muttersein nicht mehr an den gesellschaftlichen Strukturen fest und bekommen ihre Kinder, weil sie es wollen. Kirstine Fratz erzählt: „Eine junge Frau sagte mir in einem Interview, sie habe den Eindruck, dass in früheren Generationen vermittelt wurde, dass Kinder Problemmacher seien. Das Kinderbekommen wurde dann immer weiter rausgeschoben. Sie selbst ist aber der Meinung, dass Kinder Glücksmacher sind. Sie fühlt sich durch ihr Kind stabiler, stärker, angekommener.“ Das sei vom Zeitgeist her eine neue Art, sich für Kinder zu entscheiden. Allerdings: Auch diese Beobachtungen sind statistisch nicht ablesbar.

 

Die neue Freiheit von Frauen, die vermehrt ihrer inneren Stimme folgen, richte sich nicht gegen Männer, betont Kirstine Fratz. „Diese Frauen wollen Partner. Sie wollen lieben. Sie haben einen anderen Anspruch an Partnerschaft, an Kommunikation, an Intimität, an Austausch mit dem Partner“.


Es sei eine Sehnsucht nach einem heilsamen Umgang mit Weiblichkeit und Männlichkeit wahrnehmbar: „Das heilsame Element wird gesucht.“ Zum Thema „Kirche und Frauen“ sagt die Zeitgeistforscherin: „Das weibliche Selbstverständnis ist in einem so großen Wandel, dass wir es mit einer strukturellen Veränderung von Weiblichkeit in der Gesellschaft zu tun haben, wie sie in den letzten 2000 Jahren in der Art nicht vorgekommen ist. Die katholische Kirche hatte es seit ihrem Entstehen mit so einem Bewusstseinswandel von Frauen noch nicht zu tun.“ Wichtig sei, in der Kirche ein Bewusstsein für diesen Wandel zu schaffen und sich zu überlegen, wie sich die Kirche hier Resonanz verschaffen könne. „Dabei ist nicht Anpassung das Ziel, sondern Resonanz“, betont Fratz.

 

Ein Schritt ist die Anerkennung Maria Magdalenas zur Apostelin 2016 gewesen. „Dass sie jahrhundertelang als Hure bezeichnet wurde, war eine Diffamierungsstruktur“, sagt Fratz. Die Weisheit und das Wissen um die Kraft des Weiblichen sei in der katholischen Kirche vorhanden. „Da müsste sich einmal jemand trauen, davon zu erzählen“, sagt Fratz.