Der australische Kardinal George Pell ist der Vergewaltigung eines Chorknaben und sexueller Nötigung eines weiteren Buben schuldig gesprochen worden. Wenige Tage nach dem Antimissbrauchsgipfel im Vatikan hob Richter Peter Kidd am Dienstag, 26. Februar 2019 in Melbourne das totale Berichterstattungsverbot über den Prozess gegen den 77-Jährigen auf und bestätigte das bereits am 11. Dezember 2018 von der Jury einstimmig gefällte Urteil, wie australische Medien berichteten. Der ehemalige Finanzchef des Vatikan und Vertraute von Papst Franziskus ist weltweit der ranghöchste katholische Würdenträger, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde.
Als Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats ist Pell seit Juni 2017 beurlaubt. Am Tag nach dem unter Ausschluss der Medienöffentlichkeit verkündeten Urteil im Dezember 2018 entließ Papst Franziskus den Australier und zwei weitere Kardinäle aus dem einflussreichen Kardinalsrat für die Kirchenreform. Am Mittwoch dieser Woche wird das Gericht in Melbourne die Beratungen über die Länge der Gefängnisstrafe für Pell aufnehmen. Die Entscheidung wird für die kommende Woche erwartet. Die Verteidiger von Pell kündigten Berufung gegen die Verurteilung an.
Die Aufhebung der gerichtliche verordneten Nachrichtensperre wurde laut Medien mit dem Verzicht der Staatsanwaltschaft begründet, ein zweites Verfahren gegen Pell weiter zu verfolgen. Darin ging es um Vorwürfe, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen. Mit dem Berichterstattungsverbot wollte die Justiz verhindern, dass das zweite Verfahren beeinträchtigt wird.
Das Gericht habe es als erwiesen angesehen, dass Pell vor 22 Jahren als Erzbischof von Melbourne in der Kathedrale der australischen Metropole zwei 13 Jahre alten Buben sexuell missbraucht hat, berichteten australische Medien am Dienstag. Die Verurteilung bezieht demnach auf eine Vergewaltigung sowie vier weitere Fälle sexueller Nötigung.
In einer emotionalen Erklärung bat der Mann, der als Junge von Pell missbraucht worden war, die Medien um Achtung seiner Privatsphäre. Er wolle keine Interviews geben, seine junge Familie und seine Eltern schützen. "Ich bin kein Sprecher zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern. Es gibt viele andere Opfer und Aktivisten, die diese Rolle mutig ausfüllen", hieß es in der in australischen Medien im Wortlaut veröffentlichten Erklärung.
Das zweite Missbrauchsopfer war 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben. Im Namen des Vaters des verstorbenen Mannes erklärte Anwältin Lisa Flynn: "Dieses Urteil ist ein Zeichen für Missbrauchsopfer, dass sie das Recht haben, ihre Geschichten zu erzählen. Die Gerechtigkeit hat gesiegt und die Nation hört euch endlich zu."
Pell war von 1987 bis 1996 Weihbischof in und von 1996 bis 2001 Erzbischof von Melbourne. Der Kardinal bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets energisch. Zu Beginn des Hauptverfahrens im August 2018 plädierte Pell auf "nicht schuldig". Vor Prozessbeginn demonstrierte der Kardinal öffentlich Gelassenheit.
Australische Bischöfe reagierten mit "Schock" und "Überraschung" auf den Schuldspruch. "Die Nachricht der Verurteilung von Kardinal George Pell wegen historischer Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern hat viele in Australien und in aller Welt, einschließlich der katholischen Bischöfe von Australien, schockiert", erklärte Erzbischof Mark Coleridge, Vorsitzender der Bischofskonferenz, auf deren Webseite. Die Bischöfe stünden zum Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz und respektierten das australische Rechtssystem. "Das gleiche System, auf dessen Grundlage das Urteil gefällt wurde, wird die Berufung prüfen, die das Anwaltsteams des Kardinals eingelegt hat", fügte Erzbischof Coleridge hinzu.
Ähnlich äußerte sich der Erzbischof von Melbourne, Peter Comensoli, zur Verurteilung seines Vorvorgängers. "Es ist jetzt wichtig, dass wir mit Respekt vor den laufenden juristischen Verfahren das Ergebnis der Berufung abwarten", betonte der Erzbischof. Sowohl Coleridge als auch Comensoli versicherten, alles zu tun, dass die Kirche ein "sicherer Ort" für Kinder ist.
Die Anwälte Pells betonten in einer Erklärung, ihr Mandant habe "immer seine Unschuld betont und werde das auch weiterhin tun". Die Verkündung des Strafmaßes wird für Mitte nächster Woche erwartet.
Nach der Verurteilung von Kurienkardinal George Pell in Australien hat der Vatikan den bisherigen Status des 77-Jährigen seit dessen Beurlaubung als Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats im Juni 2017 bestätigt. Bis es "definitive Fakten" gebe, seien dem 77-jährigen Kardinal weiterhin die öffentliche Ausübung seines priesterlichen Dienstes sowie jeglicher Kontakt mit Minderjährigen verboten, sagte Vatikansprecher Alessandro Gisotti am Dienstag im Vatikan. Er verlas eine Erklärung zum Urteil gegen Pell, der in seinem Heimatland wegen sexuellen Missbrauchs eines 13-Jährigen sowie sexueller Belästigung in weiteren Fällen schuldig gesprochen worden war. Pells Verteidiger kündigten Berufung an.
"Das ist eine schmerzhafte Nachricht, und wir sind uns sehr bewusst, dass sie viele Menschen nicht nur in Australien schockiert hat", sagte Gisotti. Er bekräftigte, dass der Vatikan "höchsten Respekt für Australiens Justizbehörden" habe. Zugleich erinnerte Gisotti daran, dass Pell stets seine Unschuld beteuert und ein Recht auf Verteidigung bis zur letzten Instanz habe. Der Vatikan werde das Ergebnis des Berufungsprozesses abwarten.
Gisotti bekräftigte erneut, dass der Vatikan alles tue, damit die Kirche eine "sichere Heimat für alle, besonders Kinder und leicht verletzliche Menschen", sei. Kardinal Pell ist weltweit der bislang ranghöchste katholische Würdenträger, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde.