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25.02.2019

Kardinal Marx zu Missbrauch: Papst hat konkrete Richtlinien vorgegeben

Münchner Kardinal weist Kritik an Papst und Kinderschutzgipfel wegen schwacher Ergebnisse zurück.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, betrachtet den Anti-Missbrauchsgipfel als wichtigen Schritt hin zu einer weltweiten Bewegung gegen sexualisierte Gewalt. Die Konferenz habe "noch einmal einen Schub gegeben, dass die ganze Weltkirche sieht, hier ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen", sagte er am Sonntagabend, 24. Februar 2019 im "ZDF-heute Journal". "Aber es ist nicht die letzte Konferenz, und es wird ein weiterer Weg notwendig sein", so der Münchner Erzbischof.

 

Den Vorwurf, Papst Franziskus sei in seiner Ansprache zum Abschluss der viertägigen Konferenz zu allgemein geblieben, wies Marx zurück. "Er hat schon sehr konkret gesprochen in seinen sieben Punkten." Franziskus habe "einige Guidelines, Richtlinien" vorgegeben, "aber nicht alles kann von Rom erledigt werden".

 

Die Bischöfe seien nun gefordert, in der großen Linie - "keine Vertuschung, Hinschauen auf die Opfer, Aufarbeitung der Vergangenheit" - voranzuschreiten. Dagegen könnten etwa Fragen des Kirchenrechts nur auf weltkirchlicher Ebene behandelt werden: "Das geht nicht von heute auf morgen."

 

Franziskus habe deutlich machen wollen, dass es "nicht nur um das Problem einiger Teile der Kirche" gehe, sondern dass "die ganze Welt gefordert" sei: "Und wenn wir beitragen wollen, dass dieses schreckliche Verbrechen des Kindesmissbrauchs bekämpft wird in der ganzen Welt, dann müssen wir zunächst im Innern der Kirche aufräumen und Klarheit schaffen und eine Reinigung vorantreiben. Das hat er deutlich gesagt", hob Marx hervor.

 

Die Kirche arbeite seit Jahren an der Aufarbeitung des "Jahrhundertskandals". Es gelte, die 2010 von der Deutschen Bischofskonferenz aufgestellten Leitlinien weiterzuentwickeln, auch auf Weltebene. "Die rechtliche Situation in den Ländern ist zum Teil unterschiedlich", so der Münchner Erzbischof: "Aber es muss klar sein, dass niemand, der sexuellen Missbrauch begeht, im Seelsorgebereich der Kirche tätig sein kann."

 

Marx verwies auch auf die Ergebnisse der von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie zum Missbrauch: "Dafür kann man sich nur schämen, das ist eine Schande." Bei der Aufarbeitung und Prävention sei "noch nicht alles auf dem Niveau, wie es sein sollte; daran arbeiten wir in der Deutschen Bischofskonferenz".

 

Von Rom erwarte er Unterstützung bei der Umsetzung, "und da bin ich froh, dass der Papst ein Zeichen gesetzt hat", so der Kardinal. Dies sei auch im Gespräch mit Opferverbänden ein wichtiger Punkt gewesen. Hier befürworte er die Idee eines "Monitoring, einer Task Force", ergänzte der Kardinal: "Der Papst hat ja angedeutet, dass er das tun will. Da werden wir ihn sehr unterstützen."

 

Bischof Ackermann: Vatikan-Gipfel endete "ein bisschen vage"

Aus Sicht des Trierer Bischofs Stephan Ackermann ist der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan im Ergebnis "doch ein bisschen vage" geblieben nach vielen starken und offenen Worten während des Treffens. Er habe sich zum Abschluss "eine Art to-do-Liste" erhofft, einen konkreteren Fahrplan für die nächsten Schritte, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz am Sonntagabend in der ARD-Talkshow "Anne Will".

 

Insgesamt aber, so Ackermann weiter, seien bei dem viertägigen Treffen viele wichtige Themen klar und offen angesprochen worden. Papst Franziskus sei es vor allem darum gegangen, die Bischöfe aus aller Welt auf denselben Stand zu bringen, was das Bewusstsein für den Umgang mit Missbrauch angehe. Und das sei sicher gelungen.

 

Verständnis äußerte der Bischof für die Kritik etlicher Missbrauchsopfer daran, dass diese nicht selbst an den Diskussionen teilnehmen konnten. Zwar seien bei allen Sitzungen eindrucksvolle vorab aufgezeichnete Zeugnisse von Betroffenen zu hören gewesen, doch "es wäre wahrscheinlich gut gewesen, noch mehr direkte Kontakte zuzulassen". Lobend erwähnte Ackermann in diesem Zusammenhang den Besuch von Kardinal Reinhard Marx bei den in Rom versammelten Opferverbänden.

 

Der Bischof verteidigte zudem Papst Franziskus gegen die Kritik, dieser habe die Missbrauchstaten von Geistlichen verharmlosen wollen, indem er darauf hingewiesen habe, dass es auch in Familien oder Sportvereinen Missbrauch gebe. Der Papst habe keinesfalls etwas relativiert, so Ackermann, denn er habe zugleich betont, dass solche Taten im Umfeld der Kirche umso schlimmer seien.

 

Enttäuschung und Kritik

Enttäuscht vom Gipfel und vor allem von der Abschlussrede des Papstes äußerte sich der Vorsitzende des Betroffenennetzwerks "Eckiger Tisch", Matthias Katsch: "Solche Erklärungen haben wir zuhauf gehört in den letzten Jahren - warum sollte ich dem glauben, solange keine Taten folgen. Da ist der Papst zu kurz gesprungen." Von den wichtigen und auch diskutierten Forderungen etwa nach Null Toleranz für die Täter oder nach strengeren rechtlichen und kirchenrechtlichen Regelungen sei am Ende "nichts Konkretes übrig geblieben".

 

Aus Sicht des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist entscheidend, was in den nächsten Wochen konkret auf den Gipfel folgt. In Rom seien wichtige Dinge besprochen worden, aber ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass innerhalb von vier Tagen keine Entscheidungen fallen könnten.

 

Der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan hat nach Ansicht des katholischen Theologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller nicht die gewünschte Wende oder gar Umkehr eingeleitet. Die katholische Kirche habe ihre Chance nicht genutzt, erklärte der frühere Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach am Sonntag in Würzburg. Was bei dem Treffen erreicht worden sei, hätte schon vor zehn oder zwanzig Jahren geschehen müssen und können, sagte der Theologe. Angesagt sei jetzt eine "radikale Umkehr" und zwar nicht nur, was den Schutz der potenziellen Opfer angehe und den Umgang mit den Tätern und den Bischöfen, die vertuscht haben.

 

Eine solche Umkehr müsse sich vor allem darin zeigen, Macht abzugeben und zu teilen, forderte der Theologe. Endlich müssten Positionen aufgegeben werden, die sexualisierte Gewalt in der Kirche begünstigen könnten. Konkret nannte er den Pflichtzölibat, die negative Einstellung zur Homosexualität und das Verbot, schwule Männer zur Priesterweihe zuzulassen. Auch wäre es notwendig, sich von einer Morallehre zu verabschieden, die der Wirklichkeit der Menschen von heute nicht gerecht werde.

 

Bischof Oster für deutsche Kirchengerichte gegen Missbrauch

Der Passauer katholische Bischof Stefan Oster hat nach dem Ende des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan konkrete Vorschläge für einen anderen Umgang mit dem Thema in Deutschland gemacht. Im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" (Montag) forderte er unter anderem eine eigene kirchliche Gerichtsbarkeit für Missbrauchsfälle, "damit die Verfahren für Priester nicht immer langwierig und zum Teil ergebnislos über Rom laufen müssen". Darüber hinaus sei eine "intensive Kooperation mit staatlichen und anderen unabhängigen kompetenten Stellen" notwendig.

 

Zugleich verteidigte Oster die Abschlussrede von Papst Franziskus gegen die zum Teil heftige Kritik: "Ich war sehr gespannt, was der Papst sagen würde und bin dankbar für seine Klarheit." Insgesamt müsse es vor allem darum gehen, "weltkirchlich ein Bewusstsein dafür herzustellen, welche dramatischen Folgen Missbrauch für Betroffene hat und dass wir als Kirche alles uns Mögliche tun müssen, um das zukünftig zu verhindern." Alle kirchlichen Bemühungen müssten zuerst den Opfern gelten "und nicht zuerst dem Schutz der Institution".

 

Weitere und raschere Verbesserungen in Deutschland mahnte der Bischof auch in den Punkten an, zu denen sich die Bischofskonferenz bereits verpflichtet hat: "zum Beispiel Professionalisierung der Personalaktenführung, hohe und kontrollierbare Standards bei der Prävention, unabhängige Anlauf- und Beratungsstellen, Aufarbeitung der systemischen Aspekte, die Missbrauch begünstigen und eine Überprüfung der Art und Weise, wie wir Betroffene begleiten und entschädigen".