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15.02.2019

„Ein täglicher Wettkampf mit mir selbst“

Der Kärntner Ex-Skispringer Lukas Müller sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl.

 

 

Es ist ein herrlicher Wintertag. Die Sonne scheint, die Landschaft schneebedeckt. Wir sind in Rif bei Salzburg. Im Olympiastützpunkt trainieren hier das ganze Jahr über heimische Spitzensportler.

 

Wir treffen Lukas Müller. Sein Leben veränderte sich am 13. Jänner 2016 schlagartig. Der 26-jährige stürzte beim Einspringen auf der Skiflugschanze in Bad Mitterndorf. Müller bricht sich dabei den 6. und 7. Halswirbel.

 

Seither arbeitet er fast täglich daran, wieder selbstständig ein paar Schritte gehen zu können. Lukas Müller sitzt im Rollstuhl. Wir machen uns zum Gespräch auf – in einen Besprechungsraum. Immer wieder muss Müller seinen Rollstuhl abbremsen.

 

Viele kennen ihn und manche fragen: „Wie geht es dir?“ Will er diese Frage überhaupt noch hören?


Lukas Müller: „Es ist lustig, dass das jeder Außenstehende viel mehr beachtet, als ich selber. Ich ändere meinen Sprachgebrauch nicht, nur weil der zweite Sinn hinter einem Wort mich vielleicht stören könnte, weil das eine Fähigkeit ist, die ich vielleicht nicht mehr habe.


Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute beim Skispringen zusehen? In wenigen Tagen beginnt ja z.B. die Ski-Nordisch-WM..


Natürlich kommt Wehmut auf, besonders bei der Vierschanzentournee. Ich war auch 2018 am Kulm, wo ich 2016 abgestürzt bin. Aber Skispringen ist nach wie vor so präsent in meinem Leben, auch in meinen Träumen. Wenn ich vom Skispringen träume, springe ich sehr gut.


Wie kam es zum Sturz am Kulm?

Ich bin während der Luftfahrt aus einem Schuh rausgeschlüpft. Mich hat es auf den Boden gedreht und ich bin am Steißbein aufgeschlagen, die Peitschenbewegung hat mir das Genick gebrochen. Daran habe ich volle Erinnerung. Ich habe sofort gemerkt, ich kann meine Füße nicht mehr bewegen, obwohl ich sie gespürt habe. Ich hatte nie etwas mit einer Querschnittslähmung zu tun gehabt, habe aber gleich gewusst, das ist eine.


Sie erlitten einen inkompletten Querschnitt?
Ja - Teile des Rückenmarks sind noch intakt, daher habe ich auch immer noch Gespür in den Füßen. Ich fühle aber keine Temperatur, kaum Schmerz, schwitze nicht und habe im Winter eiskalte Füße.


Wie sind Sie überhaupt zu so einem risikoreichen Sport gekommen?

Der Papa vom Thomas Morgenstern hat meinen Papa angeredet, ich soll einmal Skispringen ausprobieren, weil er wusste, dass ich beim Schifahren gerne über Schanzen springe. Mit zehn, elf Jahren bin ich knapp über 30 Meter gehupft, das haben wir mit Skistöcken ausgemessen. Die Geschwindigkeit hat mir gefallen und die Luftfahrt.


Wann waren Sie das erste Mal auf einer Skisprungschanze?

Mit zwölf Jahren auf einer 30 Meter-Schanze. Es gehört schon Mut dazu, wenn du oben wegfährst und oben den Balken auslässt. Das ist der größte Nachteil und Vorteil im Skispringen: Du kannst nicht mehr zurück. Du musst dich so gut vorbereiten, dass du halbwegs verletzungsfrei hinunterkommst.


Skispringer gelten als die „Adler“ der Nation. Sind sie nicht eher „komische Vögel“?
Unbestritten ist, dass Skispringen zu über 95 Prozent im Kopf stattfindet. Man kann in der besten körperlichen Verfassung sein, einen Supersprungstil haben, die beste Kraft haben, sich auf der Lieblingsschanze befinden und Aufwind haben. Wenn es im Kopf nicht passt, kannst du die aufgezählten Sachen vergessen.


Wie ist es Ihnen unmittelbar nach dem Unfall ergangen?
Nach der Operation, wo ich ein Schanier zur Stabilisierung eingesetzt bekommen habe, habe ich den Arzt gefragt: Ist es eh ein Querschnitt? Er sagte: Ich muss mir bewusst sein, was ich habe: einen funktionierenden Kopf, halbwegs funktionierende Hände, das ist mein Startkapital. Damit kann man ein annähernd normales Leben führen. Und: Genauso ist es.


Körperliche Einschränkungen sind oft ein Tabu-Thema. Können Sie darüber reden?
Wenn man sich die Wirbelsäule ansieht, dann sind im Hals die vitalen Funktionen und je weiter man runter geht, desto mehr Körperteile des unteren Körpers werden versorgt. Der Bauch, dann die Füße. Ganz unten ist die Kreuzbein- und Steißbeinwirbelsäule, dort ist der Stoffwechsel und das Sexualzentrum. Das wirkt unterhalb des Gehzentrums, denn das liegt in der Lendenwirbelsäule.

 

Jeder Mensch mit Querschnitt hat damit zu kämpfen. Es sagen viele: Ich könnte auf das Gehen verzichten, wenn der Stoffwechsel halbwegs funktionieren würde. Der ist auch bei mir betroffen. Logisch.

Gibt es Momente, in denen Sie weinen?
Ich bin kein Roboter. Ich bin bekannt dafür, dass ich damit umgehen kann, aber das heißt nicht, dass nicht auch ich schlechte Tage habe.


Was war so ein Moment?
Mitte November, vor Beginn der Skisprungsaison, war das Abschlusstraining vor dem ersten Weltcup. Stefan Kraft, Michael Hayböck und Daniel Huber haben in Rif trainiert und ich hatte daneben Physiotherapie. Ich dachte mir: Eigentlich schon arg, vor drei Jahren haben wir miteinander trainiert. Da hatte ich Mühe, das unter Verschluss zu halten.


Wie oft haben Sie Physiotherapie?
Zwischen drei und sechs Einheiten wöchentlich. Dazu spiele ich Rollstuhlrugby. Es kommen immer noch Funktionen zurück. Ich kann ohne Hilfe vom Boden aufstehen und kurz stehen. Das ist sehr viel wert.


Was gibt Ihnen Kraft im Alltag?

Jeder einzelne kleine Meilenstein, den ich in der Therapie erreiche. Mir gibt Kraft, wenn ich realisiere, wie viel auch trotz des Rollstuhles möglich ist.


Was zum Beispiel?
Ich habe vor kurzem Monoskifahren gelernt. Das ist richtig lustig. Ich habe nicht lang gebraucht, um es zu können. Wenn man sich im Winter auf einem Berg bewegen will, dann ist das essentiell.


Körperliche Gesundheit setzen viele als selbstverständlich voraus ...
Man soll sich nicht jeden Tag Gedanken darüber machen müssen, was alles passieren kann. Jeder Skispringer weiß, was jederzeit passieren kann. Das weiß aber auch jeder Autofahrer.

 

Das Schicksal schläft nicht. Früher habe ich mich immer in einem Wettkampf gegen andere befunden, jetzt befinde ich mich täglich in einem Wettkampf mit mir selber.


Was machen Sie beruflich?
Ich bin staatlich geprüfter Vermögensberater. Da habe ich mit Leuten mit unterschiedlichen Berufen, Lebensverhältnissen, Zielen und Wünschen zu tun.

 

Welche langfristigen Ziele haben Sie?
Ich will mir so ein Rollstuhl-Leben aufbauen, dass ich irgendwann sagen kann: Obwohl ich weiß, dass unten ein Querschnitt auf mich wartet, würde ich oben trotzdem wegfahren.

 

Was möchten Sie der Öffentlichkeit vermitteln?
Dass man Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe begegnet. Nur weil ich im Rollstuhl sitze, bin ich sicher nicht auf den Kopf gefallen.