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22.01.2019

Die Faszination von Blut und Wunden

Warum sind Wunden und Verletzbarkeit im Christentum von so großer Bedeutung? Aktuelle Ausstellung im Wiener Dom Museum.

 

 

Der hl. Sebastian, dessen Fest die Kirche am 20. Jänner feiert, ist einer der berühmtesten verwundeten Heiligen des Christentums.

 

Die Ausstellung „Zeig mir deine Wunde“ im Wiener Dom Museum lässt ihm besondere Betrachtung zu kommen.

„Sebastian ist ein spannender Heiliger, zum einen, weil er sein Martyrium beim ersten Versuch, ihn zu töten, überlebt hat, und zum anderen weil sich seine Darstellung im Laufe der Geschichte völlig gewandelt hat“, erklärt Nina Schermann vom Dom Museum dem SONNTAG bei einem Gang durch die Ausstellung.

 

Die hl. Sebastiane unserer Zeit

„Sebastian wurde im frühen Christentum als älterer bärtiger Soldat dargestellt. Ab dem Mittelalter und seiner steigenden Bedeutung als Pestheiliger wird er als passiver, schöner Jüngling gezeigt, der im Laufe der Kunstgeschichte immer schöner wird“, führt die Kunsthistorikerin aus.

 

Marter des hl. Sebastian von Jan de Beer (um 1510).

 

Die Darstellung des Heiligen, der an einen Baum gefesselt von Pfeilen durchbohrt wird, wirkt bis in die Kunst der Gegenwart. Die französisch-US-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois zeichnete 1992 eine weibliche „Ste. Sebastienne“, einen von Pfeilen durchbohrten Frauenkörper.

 

zeichnete 1992 eine weibliche „Ste. Sebastienne“, einen von Pfeilen durchbohrten Frauenkörper. Nina Schermann über das Bild in der Ausstellung: „Bourgeois zeigt hier eine hl. Sebastiane als Frauenfigur ohne Kopf, auf die diese einzelnen Pfeile gerichtet sind. Hier geht es darum, dass man als Frau vielen Angriffen ausgesetzt ist und oft gar nicht weiß, woher diese Angriffe kommen. Diese Frau hier kann sich nicht wehren, sie hat keinen Kopf, keine Arme.“  


Gott macht sich verwundbar

Wunden und Verletzungen, Leid und Schmerz gehören seit über 2.000 Jahren zu den zentralen Themen der europäischen Kunstgeschichte.

 

„Gerade im Christentum ist die Wunde etwas sehr Wichtiges, denn nur durch die Wunde entsteht Öffnung“, erklärt Nina Schermann: „Christus lässt sich als kleines verwundbares Kind auf diese Welt ein, die voller Wunden und Schmerzen ist, und ermöglicht dadurch, dass Gott sich verwundbar macht in der Interaktion mit dem Menschen – extrem weitergeführt im Kreuzestod.“

 

Die Öffnung des Körpers, die Seitenwunde Christi und die aus ihr strömenden Flüssigkeiten wurden als zentrales Offenbarungsgeheimnis bzw. als Ursprung alles Heilbringenden empfunden.

 

Stark zum Ausdruck kommt dieser christliche Gedanke im Bild „Blut Christi“ von Guillaume Courtois (17. Jahrhundert): Aus den Wunden des gekreuzigten Jesus fließt das Blut in Strömen und bildet zu seinen Füßen ein unendliches Blutmeer. Der Bildinhalt geht auf die Vision der Karmelitin Maria Magdalena von Pazzi im Jahr 1585 zurück.

 

Ein Abschnitt der Ausstellung steht unter dem paradox erscheinenden Titel „Wunde als Fest“.

 

Nina Schermann sagt dazu: „Im Christentum sind die Wundmale Christi eigentlich ein Grund zur Feier und zur Freude wie im Barockgemälde von Courtois zu sehen ist, in dem das Blut aus den Wunden Christi fließt und der Welt das Heil bringt.“


Die Seitenwunde Christi wurde in der christlichen Tradition zum Geburtsort der Kirche sowie der Sakramente, Blut und Wasser zum Zeichen und Medium von Taufe und Eucharistie. Entsprechend verehrt wurde die Wunde als Quelle des Lebens und des Glaubens. „Demgemäß zahlreich sind Darstellungen von Wunden, die bei Herz-Jesu-Bildern bis zur realen Verletzung des Bildträgers in Form eines Schnitts ins Papier führen können“, heißt es in einer Information des Museums.


Hinwendung zur Wunde

Die Ausstellung im Dom Museum möchte auch positive Aspekte beim Thema „Wunde“ bewusst machen. Nina Schermann betont: „Blut reinigt meine Wunde. Durch unsere Hinwendung zu den Wundmalen Christi, haben wir eine Verbindung“. Nicht zuletzt war auch der Barmherzige Samariter  – ebenfalls in der Ausstellung auf einem Bild zu sehen – jemand, der sich Wunden zugewandt hat.

 

Körperliche und seelische Wunden heilen nur dann, wenn der Mensch aktiv an der Heilung mitwirkt. Bei „The Scar Project“ der kanadischen Künstlerin Nadia Myre sind die Besucher der Ausstellung eingeladen, ihre eigenen Wunden und Geschichten auf eine kleine Leinwand zu sticken, ein Angebot, das sehr gut angenommen wird. Denn: Nur Wunden die ehrlich angeschaut werden, können auch verheilen.

 

„Zeig mir deine Wunde“

ist bis 25. August zu sehen.

Infos unter: dommuseum.at