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11.01.2019

Als Christ im EU-Parlament

Im Ausblick auf die EU-Wahlen im Mai bitten wir Parlamentarier Lukas Mandl zum Interview.

 

 

 

Lukas Mandl bezeichnet sich als bekennender Christ. Der 39-jährige ÖVP-Politiker ist Vermögensverwaltungsrat in seiner Heimatpfarre Seyring in der Gemeinde Gerasdorf in Niederösterreich. Als Kind hat er sechs Jahre lang ministriert, mittlerweile tun ihm das seine drei Kinder fallweise gleich.

 

Mandl ist Mitglied in drei katholischen Mittelschülerverbindungen (im MKV) und in zwei katholischen Hochschulverbindungen (im ÖCV), er war Obmann beim Förderverein der Jugendkirche Wien.

 

Und er führt eine starke persönliche Beziehung mit Gott, wie er sagt: „Ich war immer schon gläubig, aber eine Sache hat mein Leben verändert: Wir hatten vor einigen Jahren eine sehr kritische gesundheitliche Situation mit einem unserer Kinder.

 

Da habe ich mit meiner Frau so intensiv gebetet, wie ich es vorher in meinem Leben noch nie getan hatte. In dem Moment haben wir beide eine unbeschreibliche Bindung an Gott gespürt, wir haben ihn ganz stark wahrgenommen. Und mein Kind wurde dann Gott sei Dank wieder gesund.

 

Ich war und bin auch nach wie vor beeindruckt von der fachlichen und menschlichen Qualität und dem unermüdlichen Einsatz des medizinischen Personals auf der Intensivstation.“, erzählt Lukas Mandl: „Das hat mein Glaubensleben stark geprägt.

 

Gott ist in meinem Leben ständig präsent in Form einer ganz persönlichen, intensiven Gottesbeziehung. Wir beten als Familie daheim immer wieder gemeinsam.“


Sie sind seit November 2017 Politiker im EU-Parlament (ÖVP). Wie schwierig ist es, als bekennender Katholik in Europa Politik zu machen?


Vergleichsweise einfach, weil wir Religionsfreiheit haben. Das ist nicht selbstverständlich und definitiv nicht auf der ganzen Welt so. Ich darf mich als Christ in Europa völlig frei bewegen und generell frei sein.

 

Ich lebe nach dem Motto von Paul Claudel: „Rede von Gott nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass du gefragt wirst.“ Auf dieser Basis trete ich in Europa als Politiker ganz offen als Christ auf.

 

Es ist schön, das Gefühl zu haben, dass die Kraft vom lieben Gott kommt, dass Er die Kraftquelle ist. Was mir gelingt, darf ich nicht allein auf mich selbst beziehen.


Es gibt kritische Stimmen, die sagen, dass die EU-Politik Religion aus dem öffentlichen Raum verdrängt und dem Christentum daher schadet. Verstehen Sie diese Stimmen?


Wenn Menschen die EU in diesem Zusammenhang als Bedrohung empfinden, dann liegt es zum großen Teil daran, dass sie sich von der EU wünschen, dass sie die christliche Religion bevorzugt fördert. Dann muss ich aber sagen, dass man als bekennender Christ, der Respekt und Menschenliebe als Geschenk Gottes betrachtet, nur für Religionsfreiheit für alle eintreten kann. Wir alle sind dazu aufgerufen, Freiheit für alle Religionen sicherzustellen.


Österreich hatte bis zum Ende des Jahres den Vorsitz im Rat der Europäischen Union inne. Diese Zeit ist jetzt vorbei.

 

Fällt man da als EU-Parlamentarier nicht in ein gewisses emotionales Loch?
Nein, weil wir im Parlament ja eine andere Rolle haben. Das Parlament und ganz konkret wir als Parlamentarier vertreten die Bürgerinnen und Bürger Europas kontinuierlich über die fünfjährige Periode. Im Rat, wo Österreich den Vorsitz innehatte, sind hingegen die Mitgliedstaaten der EU vertreten.

 

Der Rat und das Parlament sind die beiden Kammern im Herzen den Europäischen Union, die gemeinsam die politischen Entscheidungen verhandeln. Österreich ist im Ratsvorsitz als Brückenbauer aufgetreten, zwischen den Nationen Europas und den vielen Interessen der Menschen, die wir Europa-Abgeordnete vertreten dürfen.


Wie beurteilen Sie die zu Ende gegangene EU-Ratspräsidentschaft?
Vom ersten bis zum letzten Tag hat Österreich in der EU-Präsidentschaft einen Beitrag zu einem Europa der Freiheit nach innen, der Stärke nach außen, der Bürgernähe geleistet, also auch für ein Europa der starken Regionen, für Subsidiarität, gegen Zentralismus und Bürokratismus. Österreich hat damit die richtigen Prioritäten gesetzt.


Und darüber hinaus ist in Europa ein Wiedererstarken des Nationalismus zu beobachten. Wie nehmen Sie das wahr?
Nationalistisches „Mia san mia-Denken“ halte ich für sehr gefährlich und für den absolut falschen Zugang. Ich bin überzeugt davon, dass genau dieses Denken Populismus fördert, der immer destruktiv ist, weil dann oft mit falschen Fakten und mit Verschwörungstheorien gearbeitet wird.

 

Die zweite Gefahr in Europa ist aber die des Zentralismus, der den Populismus wachsen lässt. Konstruktive Politik, der aktiv gelebte Parlamentarismus, also die Arbeit für die Interessen der Bürger ist die einzige Lösung, um am Europa der Bürger weiterzubauen, am Grundstein, den die beiden Generationen vor uns gelegt haben.


Ein Thema, das eine Herausforderung für Europa darstellt, ist der anstehende Brexit. Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken, dass Großbritannien bald die EU verlassen wird?
Durch den Brexit wird Großbritannien in ganz ernste Schwierigkeiten steuern. Auch der EU wird das schaden. Ich halte es für eine sehr tragische Tatsache, dass Großbritannien durch eine nicht-parlamentarische Entscheidung die Situation einzementiert hat und unbeirrt auf den Brexit zusteuert.

 

Wenn die Entscheidung sich von der EU zu lösen durch eine Volksbefragung herbeigeführt wird und trotzdem so erkennbar falsch ist, dann ist das ein klares Zeichen dafür, wie wichtig demokratischer Parlamentarismus ist.

 

Abgeordnete dürfen sich nicht von populistischen Stimmungen beeinflussen lassen, sondern müssen das Beste im Sinne derer entscheiden, die sie vertreten. Und genau diese haben in einem parlamentarischen System regelmäßig die Möglichkeit, bei Wahlen Korrekturen vorzunehmen.


Wie bleiben Sie trotzdem zuversichtlich?
Ich bemühe mich, in eine positive, konstruktive und funktionale Richtung zu arbeiten. Mich stimmt vor allem die Tatsache zuversichtlich, dass bei der EU-Wahl im Mai die erste Generation wahlberechtigt ist, die aufgrund ihres Geburtsalters gar keine Zeit vor dem Euro und der EU kennt. Das ist eine Generation, für die friedliche Einigung Europas komplett selbstverständlich ist.

 

Ich bin voller Zuversicht, dass sich die EU langfristig in eine gute Richtung entwickeln wird.


Wohin glauben Sie, dass sie sich entwickelt?
Ich hoffe in erster Linie, dass die EU geographisch finalisiert wird – ich denke da besonders an Südosteuropa, an Albanien, Bosnien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Diese Länder bilden heute, wenn man auf die Landkarte schaut, ein Loch mitten in Europa.

 

Ich bin mir bewusst, dass viele Reformen, rechtsstaatliche und bildungspolitische Anstrengungen und Korruptionsbekämpfung notwendig sind, damit diese Länder in die EU kommen können. Aber wir müssen das mit Kräften vorantreiben, denn diese Länder sind enorm wichtig für die Stabilität ganz Europas.