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07.01.2019

Wie viel Zeitgeist braucht die Kirche?

Was versteht man eigentlich unter „Zeitgeist“? Interview mit Kirstine Fratz

 

Der Zeitgeist hat uns fest im Griff, oft mehr als wir vermuten. Selbst beim Essen wollen wir dazugehören und dem entsprechen, was gerade als attraktiv gilt.

 

„Viele Menschen posten ihr Essen auf Facebook, wenn sie gerade Superfood wie Avocadosalat genießen, viel seltener aber, wenn sie gerade eine Schweinshaxe essen. Sie bekommen dadurch mehr Anerkennung“, sagt Kirstine Fratz, Kulturwissenschaftlerin und Zeitgeistexpertin.


Die Hamburgerin ist dem Zeitgeist beständig auf der Spur, erforscht ihn und berät Unternehmen darin, wie sie im Produkt- und Marketingbereich den Nerv der Zeit treffen können.

 

Als Vortragende versucht Kirstine Fratz ihrem Publikum ein Bewusstsein für die Dynamik des Zeitgeists zu vermitteln und ermutigt, die „Wellen“ des Zeitgeists positiv zu nützen.

 

Am 20. März ist Fratz in Wien zu hören – beim Theologischen Tag im Don Bosco Haus). „Dieser Tag will uns helfen, eine Zeitgeist-Empathie zu entwickeln und neue  Chancen für die Kirche zu sehen, ihre Botschaft von Liebe und Hoffnung frisch ins Feld der Zeit zu führen“, kündigt Fratz an.


Was ist „Zeitgeist“?
Der Begriff „Zeitgeist“ geht auf den Dichter und Philosophen Johann Gottfried Herder zurück und meint so viel wie die Denk- und Fühlweise eines Zeitabschnitts.

 

Was versteht Kirstine Fratz darunter? „Ich definiere Zeitgeist als temporäres Versprechen für ein gelungenes Leben“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin und führt aus: „Der Zeitgeist definiert unsere emotionalen Grundbedürfnisse. Darunter versteht man in meiner Branche alles, was bewirkt in der Gesellschaft resonanzfähig zu sein: Status, Zugehörigkeit, Anerkennung, Orientierung, Sicherheit.“

 

Uns alle, die wir jetzt leben, bezeichnet die Zeitgeist-Forscherin als „Zeitgeist-Teilnehmer“. Als solche fragen wir uns: Was muss ich tun, um Anerkennung zu bekommen, mich zugehörig zu fühlen, Status zu erlangen, um Sicherheit und Orientierung zu haben?

 

Je nach Zeitgeist-Welle stehen andere Dinge hoch im Kurs, die den jeweiligen Teilnehmern Anerkennung bringen.

 

Kirstine Fratz bringt ein Beispiel: „Wenn Sie heute junge Menschen fragen, was sie einmal werden wollen und einer sagt, er will Bankdirektor werden und der andere sagt, er macht ein Start-up und geht nach Tel Aviv – wer bekommt mehr Anerkennung?“

 

Die Antwort liegt auf der Hand: War Banker in den 80er Jahren noch ein angesehener Beruf mit solide-konservativem Image, haftet dem Bankengeschäft heute etwas beinahe Unseriöses an. In der gegenwärtigen Start-up-Szene bestehende Geschäftsmodelle hingegen immer wieder innovativ zu erneuern und generell immer wieder Neues zu wagen, gilt heute als besonders schick. „Denn das Verändern hat derzeit einen höheren Status als das Bewahren“, sagt Fratz.

 

Wie mit dem Zeitgeist umgehen?
Was wäre ein guter, was ein schlechter Umgang mit dem Zeitgeist?

 

Dazu Kirstine Fratz: „Ein schlechter Umgang wäre, wenn man den Zeitgeist verurteilt und immer auf ihn schimpft. Ein guter Umgang ist, sich zu vergegenwärtigen, was Zeitgeist eigentlich ist, dass er keine Werte hat, dass er nicht stabilisierend ist.“

 

Zeitgeist stehe für das Fieber des Aufbruchs, bringe das Neue in die Welt und sei dazu da, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Defizite zu bedienen. „Er spült das, was oben ist, nach unten und das, was unten ist, nach oben“, schildert die Zeitgeist-Expertin. Fratz empfiehlt, den Zeitgeist als Spielgefährten zu sehen: „Dann sieht man auch, welche Chancen er mit sich bringt.“

 

Ein Zeitgeist ist grundsätzlich nie etwas Ausbalanciertes, er ist immer in Bewegung, ein ewiges Rad von Mangel und Begehren. „Wenn sich eine Zeit immer nur mit Verändern und Erneuern beschäftigt, kommt es wieder zur Sehnsucht nach etwas Stabilem, Dauerhaften“, erklärt Fratz.

 

Viele Menschen in unserer hochindividualisierten und säkularisierten Gesellschaft sehnen sich heute nach Stabilität und nach höherer Führung. „Das Individuum sucht nach Stabilisierungskonzepten, damit es weiß, wo es hin muss.“

 

Die Zeitgeist Forscherin und Kulturwissenschaftlerin spricht von einer „neuen konservativen Avantgarde“, die auf verbindliche Werte setzt wie Familie, Vertrauen und Nachhaltigkeit. Hier biete sich eine Riesen-Chance für die Kirche, die Menschen bei ihrer Sehnsucht abzuholen.


Freiheit und Verbindlichkeit

Allerdings bedeute die neue Sehnsucht nach Werten und Stabilität kein Zurück in frühere Zeiten, wie Kirstine Fratz betont: „Sie kriegen nie mehr einen Geist zurück in die Flasche. Das Individuum, das sich jetzt nach höherer Anbindung sehnt, hat kein Interesse zurück in ein enges Regelwerk zu gehen. Den Geschmack der Freiheit hat es implementiert.“

 

Jetzt gehe es darum, Verbindlichkeit in die Freiheit zu bekommen und das sei keine Entweder-Oder-Entscheidung. „Durch die Säkularisierung und die Individualisierung hat die Gesellschaft sehr wichtige Prozesse gemacht: sich von Machtstrukturen zu befreien, sich von unterdrückerischer Erziehung zu befreien, mehr bei sich selber anzukommen als bei den gesellschaftlichen Erwartungen – das sind sehr positive gesellschaftliche Schritte.“


Die Frage ist nun, wie sich eine Institution wie die Kirche positionieren kann, so dass sie wieder gehört wird.

 

Kirstine Fratz: „Die Leute werden nicht vor den Kirchentüren stehen und sagen: ‚Wir haben einen Fehler gemacht.‘ Sie werden vor den Türen stehen und sagen: ‚Wir haben eine Sehnsucht. Habt ihr eine Idee, wie ihr uns da abholen könnt?‘  Das ist der positive Umgang mit Zeitgeist.“

 

Die Kirche müsse ihren Blick auf die Menschen verändern. „Wir haben es mit Zeitgeist-Teilnehmern zu tun, die nicht mehr bereit sind, sich falsch zu fühlen. Das spüren auch andere Institutionen wie Schulen und Wirtschaftsunternehmen.“ Die Institution hat für sie nicht mehr die Bedeutungshoheit, ob sie richtig oder falsch sind“, betont Fratz.

 

Den Mitgliederschwund der Kirchen in Europa erklärt die Trendforscherin so: „Das liegt daran, womit die Kirche assoziiert wird: dass man in ihr auf viel verzichten muss, dass man in ihr sehr schnell bewertet wird und sehr schnell falsch ist. Das ist dem Zeitgeist nach nicht mehr attraktiv, nicht resonanzfähig.“

 

Sehnsucht nach dem Richtigkeitsgefühl

Es gehe heute um Menschen, „die gelernt haben, dass sie sich nicht mehr verbiegen müssen.“ Aber jedes Individuum, das sich nicht mehr falsch fühlen will, möchte sich dennoch richtig fühlen, ein Richtigkeitsgefühl haben. „Dieses versuchen die Menschen heute über verschiedene Arten zu erreichen wie z. B. über Selbstverwirklichung, Optimierung, Konsum oder Resonanz in der digitalen Welt“, sagt Fratz.

 

Wie können/sollen Gläubige mit dem Zeitgeist umgehen? „Der Glaube kann davor schützen, sich im Zeitgeist zu verlieren“, erläutert Fratz: „Wenn man sich nur auf den Zeitgeist konzentriert, ist das ein sehr instabiles Konzept, denn der Zeitgeist ändert sich schnell und stetig. Wenn man gläubig ist, hat man ein Zeitgeist unabhängiges Fundament und kann von da aus stabiler auf den Zeitgeistwellen surfen“.


Die Zeitgeist-Expertin empfiehlt der Kirche, ein Zeitgeist-Bewusstsein zu entwickeln, um die Nöte und Glaubenssätze der Menschen wahrzunehmen und sich immer wieder zu fragen: Wie können wir uns entwickelwn, dass man uns auch gerne hört? Wie können wir den neuen Sehnsüchten und Bedürfnissen mit unsere Weisheit begegnen.