Jetzt im Dezember hat der Winter auch den Osten Österreichs erfasst. Im Flachland ist erstmals eine größere Menge an Schnee gefallen. Damit niemand in Wien schutzlos auf der Straße stehen und frieren muss, öffnen seit 2012 Wiener Pfarren in den kalten Wintermonaten ihre Tore und bieten bedürftigen Menschen einen Platz, um sich aufzuwärmen.
„Die Wärmestuben sind eine ganz alte Idee der pfarrlichen Caritas für Menschen, die sich das Heizen nicht leisten können“, erzählt Rainald Tippow, Leiter der PfarrCaritas unserer Erzdiözese, im Gespräch mit dem SONNTAG.
„Wir wurden nach der großen Wirtschaftskrise 2008/2009 damit konfrontiert, dass Wohnungsloseneinrichtungen und Notschlafstellen der Caritas gesagt haben, unsere Leute können tagsüber nicht unterkommen.“
Vor sechs Jahren wurde deshalb begonnen, Pfarren zu suchen, die sich vorstellen können, einen Tag aufzusperren. Im ersten Jahr kamen 420 Gäste und in der vergangenen Saison 2017/2018 konnten die 25 an der Aktion teilnehmenden Pfarren 11.000 Besucher willkommen heißen.
„Es kommen teilweise Menschen, die wohnungslos sind, aber auch Leute, die eine Wohnung haben, aber sich im Winter die Frage stellen: heizen oder essen? – beides geht sich oft nicht aus. Die Wärmestube ist eine Entlastung für das Haushaltsbudget, aber auch ein sehr bedeutsamer sozialer Brennpunkt“, berichtet Rainald Tippow.
Ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich laut dem Leiter der PfarrCaritas darum, dass ihre Gäste aus ihrem tristen Alltag herauskommen und für ein paar Stunden Anteil an einem guten Leben haben können.
Die Wärmestuben haben den ganzen Tag über offen – in der Regel von 10 bis 17 Uhr. Es gibt einfache Gerichte zu essen, einen wärmenden Tee zu trinken und die Möglichkeit zu sprechen.
Rainald Tippow: „Meist wenn es zum Nachmittag hingeht, entstehen sehr gute Gespräche. Es ist für die Mitarbeiter eine unglaubliche Bereicherung, Lebensgeschichten von Menschen zu hören, die es oft von Anfang an alles andere als leicht gehabt haben. Es sind Personen, denen sonst niemand zuhört, die genauso wie wir alle von Weihnachten, von einer Familie, von einem sozialen Miteinander träumen.“
Einige Pfarren wie die Dompfarre St. Stephan bieten traditionell eine Weihnachtsfeier an, entweder für ältere oder für obdachlose Menschen. „Die Idee, die dahintersteckt, ist, einfach Menschen in die Gemeinschaft hereinzuholen“, sagt Tippow, „und damit das zu leben, was das Evangelium erzählt, was Jesus gemacht hat, nämlich Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen, zu zeigen: Ihr gehört dazu!“
„Kann ich ein bisschen mit Ihnen reden? Meine Frau ist vor kurzem gestorben. Es ist so leer ohne sie, ich fürchte mich vor Weihnachten.“ – „Meine Mutter trinkt viel zu viel. Ich habe Angst vor dem Heiligen Abend, der jedes Jahr in einem groben Streit ausartet.“ – „Ich war so lange erfolgreich trocken, aber rund um Weihnachten wird mir alles zu viel. Ich habe Angst, wieder rückfällig zu werden.“
Solche und ähnliche Anrufe kennen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge Österreich – Notruf 142 nur zu gut. Marlies Matejka, Leiterin der TelefonSeelsorge Wien: „Die Anruferinnen und Anrufer können bei uns ohne Angst vor Bewertungen oder Konsequenzen, ohne das Gefühl, versagt zu haben, und ohne Scham mit einer neutralen Person über ihre Schwierigkeiten, Sorgen, Ängste und Nöte sprechen.“
Die TelefonSeelsorge, die auch rund um die Weihnachtsfeiertage kostenlos unter der Rufnummer 142 erreichbar ist, hat für jeden Menschen ein offenes Ohr. Auf www.onlineberatung-telefonseelsorge.at gibt es auch ein Angebot für Chat- bzw. Mail-Beratung.