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16.12.2018

Weihnachten kann kommen

Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl gibt Tipps wie Weihnachten ein Fest der Freude wird.

 

Irgendwie scheinen derzeit überall Lautsprecher zu hängen: Im Supermarkt, im Drogeriemarkt, selbst in der Apotheke wurde ich letztens von weihnachtlichen Klängen empfangen. Überall glitzert es, überall hängen Lichterketten und meine Laune, Kerzen zu kaufen, damit es zuhause noch behaglicher wird, steigt ins Unermessliche.

 

Gleichzeitgig aber steigt der Stress- pegel: Haben wir alles, was wir am 24. Dezember und die Tage danach brauchen? Und wenn nicht: Ist wenigstens alles so auf Schiene, dass alles rechtzeitig fertig wird?


Irgendwie ist die sogenannte „ruhigste Zeit im Jahr“ von „ruhigster Zeit“ immer Meilen entfernt. Aber warum ist das so? Warum ist gerade der Advent – trotz aller guten Vorsätze es heuer aber ruhiger anzugehen – immer so stressig? Generell habe Advent und Weihnachten viel mit kindlicher Sehnsucht nach Geborgenheit und Sorgenfreiheit zu tun – mit „unschuldiger Freude“, sagt Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl: „Gerade im Advent gibt es viele Rituale, die uns solche Momente schenken können. Leider sind aber viele schöne Rituale der Vorweihnachtszeit zu sinnentleerten Gewohnheiten geworden, die leicht in ein Zuviel kippen.“

 

Unzählige Märkte laden zu Punsch-Verabredungen ein, der Ausklang des einen Adventsingens geht fast zweistimmig ins nächste besinnliche Konzert über und dazwischen sollen Geschenke besorgt, noch besser natürlich gebastelt werden. Und Kekse wollen gebacken werden, von traditionell bis vegan. Dazu komme noch, dass an vielen Arbeitsplätzen neben Weihnachtsfeiern auch noch wirklich aufwendige Jahresabschlussarbeiten anfallen.


Weniger ist mehr

Kann aus all diesem Stress im Advent dann überhaupt noch (Vor)Weihnachtsfreude werden?

 

„Mein Zauberwort gegen den Stress ist Planung“, sagt Brigitte Ettl. Das gelte selbst noch für die letzten Tage des Advents. Planen Sie – auch jetzt noch – Momente der Stille ein und trauen Sie sich, auch in den letzten Tagen vor Weihnachten, Dinge nicht zu tun oder auch Termine abzusagen, wenn sie den Eindruck haben, dass Ihnen das guttut.

 

„Überlegen Sie, ob sie mit Freunden nicht besser schon jetzt Termine im neuen Jahr ausmachen, um gemeinsam zu spielen, ins Kino zu gehen, zu kochen. Das entlastet die Dezember-Termine“, gibt Brigitte Ettl zu bedenken und: „Vielleicht ist es ja mal möglich, später in die Arbeit zu kommen und ein ganz ruhiges Frühstück alleine zu genießen, wenn alle anderen schon unterwegs sind. Oder einen Teil des Heimwegs durch stille Gassen zu Fuß zurücklegen.“

 

Eigentlich sei der Advent ja auch Fastenzeit. „Da könnte man auch 2 oder 3 Abende Fernsehfasten in der Woche einplanen. Da darf es dann auch ruhig bleiben und es müssen keine Weihnachtslieder als Geräuschkulisse dienen. Schließlich sollen die dann ja am Heiligen Abend wirklich noch dazu beitragen, die Stunden zu einem Fest zu machen.“

 

Gerade im Advent sei weniger meist viel mehr, „fast egal wovon“, lacht Brigitte Ettl.


Gemütliche, ja „faule“ Tage einplanen

„Weniger ist mehr“ gelte oft dann übrigens auch im Hinblick auf den Heiligen Abend: „Jeder bringt hohe und oft gar nicht so bewusste und vor allem auch nicht erfüllbare Erwartungen nach Harmonie und Romantik zum Fest mit“, sagt Brigitte Ettl. Die Werbung im Advent verstärke diese Bilder noch.

 

„Hinzu kommt, dass es zu Weihnachten häufig wesentlich mehr Nähe gibt also gewohnt: Besuche wechseln sich ab und die Kilometeranzahl, die manche Familien während dieser Tage am Weg von einer Bescherung zur nächsten zurücklegt, würde einen Fernfahrer ermüden.“

 

Der Stresspegel steigt, die Toleranz sinkt – Enttäuschungen seien da leider vorprogrammiert. „Vielleicht hilft da ja dann das Ziehen der Notbremse, damit es auch gemütliche, ja faule Tage gibt“, so Brigitte Ettl: „Und wenn trotzdem die Funken sprühen, kann es nicht schaden, mühsamen Familienmitgliedern mit liebevollem Humor zu begegnen – es wird auch nach diesen Feiertagen wieder der Alltag einkehren. Das Gute ist, dass diese Spannungen selten überraschend kommen, die Familie kennt ja ihre Stärken und Schwächen.“


Und was rät die erfahrene Psychotherapeutin all jenen Menschen, die zu Weihnachten weniger die großen Konflikte befürchten als kleine „Sticheleien“,  unterschwelligen Kommentare, die die Atmosphäre vergiften?

 

„Gerade bei Familienfesten kommt es oft zu Kränkungen durch Menschen, mit denen kaum an einer konstruktiven Lösung des Konflikts gearbeitet werden kann“, sagt Brigitte Ettl: „Zum einen hilft es auch hier, realistische Erwartungen zu haben und sich darauf einzustellen und es vor allem mehr als Selbstmitteilung der verletzenden Person als als Beziehungsbotschaft zu verstehen: Tante Emma ist sich selbst zuwider, drückt es halt leider mit Kritik an den übrigen Familienmitgliedern aus. Also nicht in Diskussionen einsteigen, sondern nach Möglichkeit, die Aussagen auf sich beruhen lassen. Oder Abstand suchen – kurz raus aus dem Zimmer und dann nach Möglichkeit Platz wechseln.“


Realistische Erwartungen zu haben hilft

Und, nebenbei bemerkt: Realistische Erwartungen an das Fest zu stellen, gilt auch für den Ablauf der Feier selbst.

 

Hier mit Krampf ein Idealbild durchsetzen zu wollen, bringe gar nichts. „Ich denke da etwa an Weihnachten in Familien mit Kindern, an die Bescherung und die Erwartungen, die manche Familienmitglieder daran haben – dass Kinder nicht nur die Geschenke sehen sollen, dass lieber noch gemeinsam beim Baum gesungen wird, das Weihnachtsevangelium gelesen wird und ähnliches“, sagt Brigitte Ettl.

 

Man müsse dabei aber immer bedenken: Die Vorfreude auf die Bescherung steigere sich bei den Kindern während des Advents von Tag zu Tag. „Es ist also ganz natürlich, dass sie sich dann auf die Geschenke stürzen, wenn das Christkind endlich da war“, sagt Brigitte Ettl: „Und es braucht schon eine große Portion Geduld und Frustrationstoleranz, in diesem spannenden Moment nach wie vor nur schauen zu dürfen.“ Da seien vor allem kleine Kinder wirklich überfordert.

 

„Da ist es sinnvoller, die Wartezeit mit einer Krippenandacht und einem Spaziergang zu überbrücken. Sind die Kinder schon ein wenig größer, kann dann auch zuhause noch ein wenig gesungen werden und es hilft ihnen, wenn sie vielleicht schon das Evangelium lesen dürfen – das alles sollte sich aber noch in einem anderen Zimmer, also nicht beim Christbaum abspielen – und auf keinen Fall zu lange dauern. Weihnachten soll für alle ein Fest der Freude sein und nicht eine stressige Disziplinübung.“