Mit „First Reformed“ ist Regisseur Paul Schrader ein eindrucksvolles Filmdrama gelungen, das um eine große Frage kreist: Wird Gott uns vergeben, was wir seiner Schöpfung angetan haben?
In seiner ganzen Tragik gelingt es dem Film, das Gewicht dieser Frage in Zeiten der Erderwärmug schmerzhaft spürbar werden zu lassen.
Worum geht es? Der ehemalige Militärpfarrer Ernst Toller (Ethan Hawke) betreut die kleine Filialkirche einer Reformgemeinde im Norden von New York. Das Gotteshaus aus weißem Holz wird eher von Touristen als von Gläubigen aufgesucht.
In seinem spartanisch eingerichteten Pfarrhaus lebt Toller allein: Seine Frau verließ ihn, nachdem der gemeinsame Sohn im Irak ums Leben kam. Toller selbst hatte ihn – der Familientradition entsprechend – ermutigt, Soldat zu werden.
„Wenn ich nur beten könnte“, hören wir Toller sagen. Weil er nicht mehr beten kann, beginnt der Reverend ein Tagebuch, an dem er ein Jahr lang schreiben möchte. So sehen wir ihn häufig am Schreibtisch, neben sich ein Glas Whisky, oder er räumt den Friedhof rund um die Kirche auf und richtet umgefallene Grabsteine wieder auf.
Wenn Toller, von Zweifeln geplagt, nicht schlafen kann, legt er sich mit Mantel und Schal in eine Kirchenbank. Hin und wieder führt er Touristen durch das Gotteshaus und verkauft ihnen Souvenirs. Das bald anstehende 250-jährige Jubiläum der Kirche soll groß gefeiert und von einem Papierindustriellen gesponsert werden.
Eine junge schwangere Frau aus seiner Gemeinde, Mary (Amanda Seyfreid, zurzeit des Filmdrehs tatsächlich schwanger), reißt Toller aus seiner depressiven Verlorenheit.
Sie klopft bei ihm nach dem Gottesdienst an und bittet ihn um ein seelsorgliches Gespräch mit ihrem Mann Michael (Philipp Ettinger), der nicht möchte, dass sie das gemeinsame Kind zur Welt bringt. Michael ist radikaler Umweltaktivist und meint, es sei verantwortungslos, in diese von der Erderwärmung bedrohten Welt ein Kind zu setzen.
Das Gespräch mit Michael zeigt, wie sehr Toller trotz seiner persönlichen Krise um eine gute Seelsorge bemüht ist und dass er gute Antworten geben kann.
Zugleich beginnen die Aussagen des Umweltaktivisten über die bevorstehenden, verheerenden Auswirkungen des Klimawandels den Pfarrer in seinem Innersten zu erschüttern.
Die ihm von Michael gestellte Frage „Wird Gott uns vergeben, was wir seiner Schöpfung antun?“ wird ihn von nun an ständig beschäftigen.
Tragische Entwicklungen wie der Selbstmord Michaels und das Auftauchen einer Sprengstoffweste in dessen Hinterlassenschaft lassen es mit Tollers seelischem Zustand weiter bergab gehen. Auch gesundheitlich steht der Priester, den schwere Bauchschmerzen und Blut im Urin plagen, kurz vor einem Zusammenbruch.
Im Kino-Publikum wächst die Ahnung, Toller (der die Sprengstoffweste statt sie zu entsorgen, bei sich aufbewahrt hat) könnte sich und anderen etwas antun. Diese qualvolle Spannung hält der Film fast bis zum Schluss aufrecht.
Wenn auch einige Entwicklungen im letzten, sehr krassen Drittel von „First Reformed“ weit hergeholt sind, ist Regisseur Paul Schrader doch ein beeindruckender spiritueller Film gelungen, in dessen Zentrum Ethan Hawke, einen depressiven, aber bemühten Seelsorger in zu Herzen gehender Weise verkörpert. Seine Darstellung eines Geistlichen in der Krise fasziniert.
Wer bisher noch nicht für ein Stoppen der Erderwärmung gebetet hat, wird es nach dem Film „First Reformed“ mit ziemlicher Sicherheit tun...