In der orthodoxen Kirche spitzt sich der Machtkampf zwischen den beiden Zentren Moskau und Konstantinopel (Istanbul) um die Ukraine weiter zu. Aus Protest gegen die Loslösung der ukrainischen Kirche hat das russisch-orthodoxe Moskauer Patriarchat die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel abgebrochen. Einen entsprechenden Beschluss fasste das Leitungsgremium des Moskauer Patriarchats, der Heilige Synod unter dem Vorsitz von Patriarch Kyrill I., am Montag, 15. Oktober 2018, in der weißrussischen Hauptstadt Minsk.
"Von nun an, bis das Patriarchat von Konstantinopel seine dem Kirchenrecht widersprechenden Entscheidungen aufgibt, ist es für alle Geistlichen der russisch-orthodoxen Kirche unmöglich, mit Klerikern der Kirche von Konstantinopel zu konzelebrieren, und für die Laien unmöglich, die von dieser Kirche gespendeten Sakramente zu empfangen", heißt es in der Erklärung des Synods der russischen Kirche. "Zu unserem großen Bedauern ist es uns unmöglich, die eucharistische Gemeinschaft mit ihren Bischöfen, dem Klerus und den Laien fortzusetzen."
Das Ökumenische Patriarchat habe kein kanonisches Recht, Urteile des Bischofsrates der russisch-orthodoxen Kirche aufzuheben, wird mit Blick auf die in der Vorwoche in Konstantinopel beschlossene Aufhebung des von der russisch-orthodoxe Kirche gegen Patriarch Filaret (Denisenko) von Kiew, und den Primas der "Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche", Metropolit Makarij (Maletytsch), verhängten Kirchenbanns.
Die "Anmaßung von Vollmachten", um Entscheidungen anderer orthodoxer Ortskirchen zu kippen, sei eine Manifestation der "neuen falschen Lehre", die jetzt in Konstantinopel proklamiert werde und dem Ökumenischen Patriarch Bartholomaios einen universalen Jurisdiktionsprimat zuschreibe, hält der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats in seiner Erklärung fest. Diese Sicht des Patriarchats von Konstantinopel über seine Rechte und Vollmachten stehe in einem "unüberwindlichen Gegensatz mit der jahrhundertealten kanonischen Tradition, auf der die Existenz der russisch-orthodoxen Kirche und der anderen Ortskirchen" beruhe. Schon 2008 habe der russisch-orthodoxe Bischofsrat Konstantinopel - ebenfalls im Hinblick auf die Situation in der Ukraine - davor gewarnt, Schritte zu setzen, die zu einer Zerstörung der orthodoxen Einheit führen könnten.
Abschließend appellierte der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats an die orthodoxen Ortskirchen, die Aktionen Konstantinopels im Hinblick auf die Ukraine zu bewerten und gemeinsam nach Wegen zur Überwindung der "überaus ernsten Krise" zu suchen, die "den Leib der Kirche zerreißt".
"Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche hat beschlossen, die Kontakte zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel vollständig abzubrechen", bekräftigte der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), vor Journalisten in Minsk. Die russisch-orthodoxen Bischöfe würden hoffen, dass der "Gemeinsinn" die Oberhand behält und der Ökumenische Patriarch seine Haltung im Hinblick auf die kirchliche Wirklichkeit in der Ukraine ändert.
Solange das nicht der Fall sei und die "ungesetzlichen Entscheidungen Konstantinopels in Kraft" bleiben, sehe sich das Moskauer Patriarchat außerstande, mit einer Kirche in Gemeinschaft zu sein, "die sich heute inmitten des Schismas befindet". Zugleich äußerte der Metropolit die Hoffnung, dass die Gläubigen der Moskauer Kirche in der Ukraine keiner Verfolgung ausgesetzt sein werden. Er erwarte, dass die Zusicherungen des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko über die freie Entscheidung der Gläubigen eingehalten werden.
Sanktionen wie die jetzt von der russisch-orthodoxen Kirche verhängten sind in der orthodoxen Kirche nicht neu. Vor wenigen Jahren brachen auch die orthodoxen Patriarchate von Jerusalem und Antiochien ihre Kontakte ab. Anlass ist der Streit zwischen beiden Patriarchaten um die kirchliche Hoheit für den Golfstaat Katar.
Der Informationsdienst der Stiftung "Pro Oriente" berichtete derweil am Dienstag über Gerüchte, wonach der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, Theodoros II., nach Konstantinopel und Moskau reisen könnte, um im Konflikt um die ukrainische Kirche zu vermitteln. Der Patriarch hält sich derzeit zu einer Pastoralvisite in Simbabwe auf.
Theodoros II. trat zuletzt mehrfach öffentlich dafür ein, dass die orthodoxe Kirche in der Ukraine im Verband des Moskauer Patriarchats verbleibt. Der Patriarch von Alexandrien kennt die Verhältnisse in der Ukraine sehr gut. Er hat in Odessa studiert, fünf Jahre residierte er als Vertreter des alexandrinischen Patriarchats bei der russisch-orthodoxen Kirche in der kosmopolitischen Hafenstadt am Schwarzen Meer. Vor kurzem stattete er Odessa einen Solidaritätsbesuch ab und appellierte an die Gläubigen, der kanonischen Kirche die Treue zu halten.
In der Ukraine bekennen sich rund 70 Prozent der 45 Millionen Einwohner zum orthodoxen Christentum. Sie gehören allerdings drei verschiedenen Kirchen an: entweder der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats mit Metropolit Onufrij (Berezowskij), dem 1992 gegründeten Kiewer Patriarchat mit Patriarch Filaret (Denisenko) oder der vor gut 90 Jahren entstandenen "Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche" deren Primas Metropolit Makarij (Maletytsch) ist. Die Weltorthodoxie erkennt bisher einzig die mit Moskau verbundene Kirche an.
Die einzelnen orthodoxen Konfessionen machen selbst keine genauen Angaben über ihre Mitgliederzahl, nennen aber die Zahl ihrer Pfarren. Demnach verfügt die Kirche des Moskauer Patriarchats mit großem Abstand über die meisten Gemeinden. Zum Kiewer Patriarchat bekannten sich jedoch in einer im September veröffentlichten Meinungsumfrage deutlich mehr Bürger als zur mit Moskau verbundenen Kirche: Knapp 45,2 Prozent der orthodoxen Ukrainer fühlen sich dem Kiewer Patriarchat zugehörig, der ukrainischen Kirche des Moskauer Patriarchats hingegen nur 16,9 Prozent. Ein Drittel bezeichnete sich als "einfach orthodox", ordnete sich also keiner Konfession zu. Zur "Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche" bekannten sich 2,1 Prozent.
Vor dem Hintergrund des politischen Konflikts zwischen der Ukraine und Russland hat sich in den vergangenen Monaten auch das Ringen zwischen dem orthodoxen Patriarchat von Moskau und dem Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel über die Zuständigkeit für die Ukraine zusehends verschärft. Moskau wirft Konstantinopel vor, mit in der Vorwoche erfolgten Rehabilitierung von Filaret und Makarij die Spaltung der Kirche verstärkt zu haben. Konstantinopel unterstützt die Gründung einer autokephalen (eigenständigen) und damit von Moskau unabhängigen Kirche in der Ukraine. Moskau will die Oberhoheit über die Ukraine behalten und wertet das Vorgehen Konstantinopels als "Invasion" in sein Territorium.
Bereits Mitte September hatte die russische Kirche ihren Bischöfen die Konzelebration mit Bischöfen von Konstantinopel verboten. Auch die Mitarbeit in kirchlichen Gremien, die von Konstantinopel geleitet werden, setzte sie aus. Vorausgegangen war die Entsendung zweier Bischöfe durch Bartholomaios I. in die Ukraine. Sie sollten dort die Bildung einer autokephalen und vereinten Kirche vorbereiten, die aus den drei bestehenden Kirchen errichtet werden soll.
Auch Russlands Regierung hatte die Initiative des Ökumenischen Patriarchats für die Ukraine verurteilt. Außenminister Sergej Lawrow nannte es eine "Provokation", dass sich Konstantinopel in der Ukraine zweier "schismatischer Kirchen" bediene. Washington habe das direkt unterstützt und so unzulässig in Kirchenangelegenheiten eingegriffen.
Die mögliche Loslösung der Ukraine von der russisch-orthodoxen Kirche beschäftigte am vergangenen Freitagabend auch den von Staatspräsident Wladimir Putin geleiteten russischen Sicherheitsrat.