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04.10.2018

„Ich habe lange mit Gott gehadert“

Kurt Schuschnigg verdankt es Schutzengeln, dass er noch immer da ist.

 

"Ich sehe zwar fast nichts mehr, aber hören und sprechen kann ich noch, also kommen Sie ruhig!“ Und so sitze ich Kurt Schuschnigg alsbald an einem sonnigen Sommertag in seiner Wohnung in Reith bei Kitzbühel gegenüber, an seiner Seite seine amerikanische Frau Janet. Quirlig, mädchenhaft und aufmerksam, hilft sie ihm bei jedem Schritt.


Sie wohnen hier in einer Ferienwohnung. Hat Ihnen Ihr Vater kein Haus hinterlassen?

(Lacht) Aber wo! Er war so bescheiden, er hat zuletzt bei einem Eisenbahner in Untermiete gewohnt.


Sie heißen wirklich „von“ Schuschnigg?

Ja. Als mein Vater einen amerikanischen Pass bekam, übernahmen die Amerikaner den Namen aus seiner Geburtsurkunde, und mir als Sohn schrieben sie ihn auch in den Pass. Und das wiederum kopierten später die Österreicher. Es ist mir aber egal, wie ich angesprochen werde.


Als Kind eines hohen Politikers hatten Sie Promistatus. Gab es Privilegien?

Ich habe das nicht so empfunden. Mein Vater bekam oft Geschenke für mich, schickte sie aber zurück oder spendete sie, um nicht den Verdacht zu erwecken, korrupt zu sein. Nur Schokolade wurde mir ständig in den Mund gestopft, dabei hasse ich Schokolade.


Sie waren ein Einzelkind. Es klingt so, als wären Sie einsam gewesen.

Ja, so habe ich mich oft gefühlt. Mein Vater war selten zuhause, streng und unnahbar. Meine Mutter war meine Bezugsperson, sie war zwar auch streng, aber sehr liebevoll. Nach ihrem Tod war die Einsamkeit für mich besonders schlimm.


Inwiefern hat Religion in der Erziehung eine Rolle gespielt?

Keine, die mir besonders aufgefallen wäre. Ich war in katholischen Schulen, habe ministriert, und mir wurde gesagt, dass alles, was passiert, Gottes Wille ist. In Wien hat mich einmal ein Mitschüler gefragt, ob ich Katholik, Protestant oder Jude sei. Ich antwortete: „Ich bin Tiroler“, denn ich konnte mit diesen Unterscheidungen nichts anfangen.


Ihre Mutter kam 1935 bei einem als Anschlag getarnten Autounfall ums Leben.

Man hatte dem Fahrer ein Schlafmittel in sein Getränk gemischt, sodass er während der Fahrt einschlief und gegen ein Baum fuhr. Das war die Urkatastrophe meines Lebens. Es stellte sich später heraus, dass hinter der nächsten Straßenecke ein Nazi mit einer Bombe gestanden war. Hätte er Gelegenheit bekommen, sie auf unser Auto zu werfen, wären wir vielleicht alle umgekommen.


Wie ging man mit Ihnen in der Situation um?

Mein Vater war einerseits gebrochen, er hatte Mutter über alles geliebt. Andererseits wurde er mir gegenüber viel zugänglicher. Er sagte, es sei Gottes Wille, und den müssten wir annehmen. Das war sehr schwer für mich.

 

Seelisch rettete mich mein Kindermädchen, das mir die Mutter zu ersetzen versuchte.


Die nächste Katastrophe brachte für Sie die Machtübernahme der Nazis 1938.

Zwar kam niemand mehr aus meiner Familie um, aber mein Vater darbte fast eineinhalb Jahre im Gestapogefängnis. Als er endlich nach München überstellt wurde, wog er bei 183 cm nur mehr 40 kg. Meine Schule, das Kollegium Kalksburg, wurde geschlossen. Mich nahm in Österreich keine Schule mehr auf aufgrund meines Namens.

 

Zum Glück konnte ich bei der Familie meines Kindermädchens wohnen. Ich bekam einen Hauslehrer, einen fürchterlichen Nazi. Und die meisten Menschen, die uns hofiert hatten, kannten uns plötzlich nicht mehr. Das tat alles sehr weh.

 

1939 gelang es meiner Stiefmutter Vera, mich in München unterzubringen. Ich durfte meinen Vater nach seiner Verlegung dorthin wöchentlich besuchen. Ich hatte ihn davor fast zwei Jahre nicht gesehen. So verrückt es klingt, aber erst im Gefängnis baute ich eine richtige Beziehung zu ihm auf.


1941 wurde er ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg bei Berlin verlegt.

Das war schlimm für mich, denn nun war ich wieder allein im Internat. Im selben Jahr war meine Schwester zur Welt gekommen. Meine Stiefmutter wollte verständlicherweise mit meinem Vater zusammen sein, und das ging nur dort. Sie lebten im KZ in einem eigenen Häuschen. Mein Vater durfte natürlich nicht raus, aber Vera und meine Schwester schon.


Das heißt, Sie verbrachten, wenn man das so formulieren darf, Ihre Ferien im KZ?

Ja, so verrückt das auch klingen mag. Aber, um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen – der Ort war grauenhaft. Um uns waren Mauern, ein furchtbarer Gestank, und wir hörten alles, was hinter der Mauer geschah.


Schließlich mussten Sie auch einrücken.

Ja, leider. Nach dem Kriegsabitur 1944 ging ich zur Marine. Auch da entging ich dem Tod mehrmals um Haaresbreite. Einmal verschlief ich. Darauf stand die Todesstrafe. Einen anderen haben sie wirklich erschossen, ich wurde zum Glück nicht verraten.

 

Anfang 1945 aber wurde mein Schiff bombardiert. Ich erlitt dabei schwere Verbrennungen auf der rechten Körperhälfte und einen Lungenriss. Ich habe seither nur einen funktionierenden Lungenflügel, aber mit dem bin ich immerhin schon 92 geworden.


Kurz nach Ihrer Verwundung wären Sie noch einmal beinahe umgekommen.

Ich hätte auf einem Schiff weiter transportiert werden sollen. Das lehnte ich ab. Genau dieses Schiff wurde dann bombardiert und sank. Ich hätte das niemals überlebt.


Wie haben Sie das alles verarbeitet?

Da hat mir mein Glaube geholfen. Ich habe wirklich viele Schutzengel, und dafür bin ich jeden Tag dankbar. Es hat aber sehr lange gedauert, bis ich darüber sprechen konnte.