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05.09.2018

„Schaut von da oben jemand auf uns?“

Franz Kerschbaum, Astrophysiker an der Uni Wien, erläutert das Geheimnis unseres Universums.

 

Zwei Meldungen in jüngster Zeit ließen nicht nur das Herz der Astronomen und Astrophysiker höher schlagen.

 

US-Astronomen entdeckten nicht weniger als zwölf neue Jupiter-Monde, insgesamt verfügt der Riesen-Planet damit über 79 Monde. Und auf der Suche nach flüssigem Wasser auf dem Mars stieß ein italienisches Team auf einen großen unterirdischen See, der eineinhalb Kilometer unter dem Eis des Mars-Südpols liegt.

 

Im Gespräch mit dem SONNTAG erläutert der Wiener Astrophysiker Franz Kerschbaum, warum ihn das Universum mit seinen noch immer vielen offenen Fragen fasziniert und beschäftigt. Er spricht demnächst bei den „Theologischen Kursen“ in Wien.


Warum hat der bestirnte Himmel über uns die Menschen schon immer fasziniert?
Weil er seit vorgeschichtlicher Zeit das Einzige ist, das uns Halt gibt. Wenn wir die Welt nicht verstehen, Chaos uns umgibt: Der Lauf der Sterne ist scheinbar unbeeinflusst und orientiert sich nicht daran, ob es auf der Erde durcheinandergeht oder nicht.


Gibt es einen Konflikt zwischen Glaube und Naturwissenschaft?
Diesen hat es gegeben. Heutzutage sehen wir, dass es zwei sehr separate Zugänge zur Welt gibt. Der eine ist die Welt im stofflichen, der andere ist jene Welt, wie sie sich uns darbietet, die in unserem Inneren abläuft. Einen möglichen Widerspruch sehe ich eher in den handelnden Personen als in den Disziplinen.


Sie lehren Astrophysik. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Ich versuche zu ergründen, wie das Universum so funktioniert, wie die Sterne „mechanisch“ funktionieren, wie sie geboren werden, wie sie leben und wie sie zu Ende gehen. Das ist die Physik hinter den Sternen.


Was lässt sich gegenwärtig über das Universum sagen?
Das Universum ist riesengroß, großteils leer mit Abgründen zwischen den wenigen Inseln dazwischen, sehr dynamisch über lange Zeitskalen und vielleicht, da sind wir uns nicht ganz sicher, Heimstätte für ganz viel mehr Leben, als wir es bis jetzt kennen.


Gibt es ein Universum oder ein Multiversum, also mehrere?
Für uns zugänglich ist genau eines, mit dem wir irgendwie interagieren können, das wir irgendwie erfahren können. Über Dinge, die sie wissenschaftlich nicht erforschen können, reden Naturwissenschaftler auch nicht.


Unsere Galaxie ist eine unter 100 Milliarden Galaxien. Haben Sie da noch einen Überblick ?
Nicht wirklich. Da geht es uns so wie dem Großgrundbesitzer mit großen Wäldern, der auch nicht jeden einzelnen Baum kennt. Aber er weiß ungefähr, wie viele Bäume er hat. Wir haben keinen kompletten Überblick, aber eine gute Gesamtbilanz.


Was suchen Sie im Weltall?
Vielleicht uns selbst. Vielleicht unsere Herkunft, unsere Bestimmung, unsere Zukunft.


Was war für Sie die bedeutendste astronomische Entdeckung der vergangenen Jahre?
Dass wir heute nicht mehr darüber spekulieren, ob es andere Planeten um andere Sonnen gibt, sondern dass wir das einfach wissen. Und dass damit die Erde in weiterer Folge sicher nicht einzigartig ist.


Was heißt das konkret?
Dass wir berechtigt davon ausgehen können, dass wir nicht allein im Kosmos sind.


Wo sind dann die anderen?
Das wissen wir noch nicht. Wir haben sie noch nicht gefunden. Wir sind aber draufgekommen, dass zumindest die Bedingungen an vielen Stellen im Kosmus so sind, dass wir berechtigt annehmen können, dass es dort zumindest Leben gibt.


Ist es also vorstellbar, dass es in den Weiten des Weltalls Menschen wie uns gibt?
Wahrscheinlich nicht wie wir. Da fehlt uns die Phantasie, uns vorzustellen, wie viele Möglichkeiten des Lebens es überhaupt gibt.

 

Allein die Größe des Universums, die unendliche Zahl von Sternen und damit auch der Planeten, macht sehr plausibel, dass es Leben, vielleicht sogar komplexes Leben, ja sogar höheres, weiter entwickeltes Leben als unseres, irgendwo gibt.


Sie fühlen sich also nicht allein im Universum?
Wenn ich jetzt im Sommer nachts rauf zum Sternenhimmel blicke, und dabei denke, dass vielleicht da oben gerade einer in die Gegenrichtung, also zu mir runterschaut, dann ist dieser Gedanke schon faszinierend. Wenn auch er sich dann denkt, da könnte was sein.


Schauen Sie auch privat zu den Sternen?
Ich schaue öfter privat als dienstlich zu den Sternen. Für mich ist der Sternenhimmel genau die Umgebung, wo ich zu mir selbst finde. Das ist dann nicht unbedingt der rationale Zugang zum Universum, sondern da bin ich dieser Weite, dieser Größe ausgesetzt. Das ist für mich fast ein meditativer Ort. 

 
Wie erklären Sie sich, dass der Vatikan seit Jahrzehnten eine Sternwarte betreibt?
Dass er gescheiter geworden ist und dass er gelernt hat, sich von den Entwicklungen der Naturwissenschaften nicht abzukoppeln. Das hat er ein paar Jahrhunderte lang gemacht. Aber es ist besser, beim Fortschritt der Wissenschaften aktiv und gestalterisch mitzumachen als passiv zu ertragen, was so alles entdeckt und herausgefunden wird.

 

Die Entscheidung für die Errichtung der vatikanischen Sternwarte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war eine sehr kluge Entscheidung.


Hat das auch ein Stück weit mit dem Urknall-Modell zu tun?
Ja. Man ist damals draufgekommen, dass das Universum einen Anfang hat. Dieses neue Denken hat gut zu einer Schöpfungstheologie gepasst und hat ab ca. 1930 die Kirche mit der astronomischen Forschung versöhnt. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist Georges Lemaître, ein belgischer Priester und Astrophysiker, der als Begründer der Urknalltheorie gilt.