Hinter einer Rokokofassade, in der Wiener Innenstadt, eröffnet sich ein mit Efeu bewachsener Pawlatscheninnenhof. 1801 wurde der Dramatiker Johann Nepomuk Nestroy in diesem Haus geboren.
Seit einem Jahr leitet Elisabeth Birnbaum hier das Österreichische Katholische Bibelwerk. Es ist eine entscheidende Phase, denn die deutschsprachige „Einheitsübersetzung“ der Bibel wurde überarbeitet. Manches ist für uns ungewohnt, vor allem ein Wort mit vier Buchstaben.
Seit kurzem klingt unsere Bibel anders. Die neuen Bibelausgaben gibt es ja schon länger. Am ersten Adventsonntag wird der neue Text auch erstmals in den Gottesdiensten zu hören sein…
Am meisten auffallen wird, dass im Alten Testament der Name Gottes nicht mehr mit Jahwe, sondern immer mit Herr übersetzt wird. Also immer dort, wo in der Hebräischen Bibel die vier Buchstaben JHWH stehen.
Auch bisher hat man die vier Buchstaben oft mit „Herr“ wiedergegeben, aber eben oft auch mit „Jahwe“. Das wurde nun vereinheitlicht. Vor allem aus Respekt gegenüber dem Judentum, wo ja aus Ehrfurcht der Gottesname nicht ausgesprochen wird.
Es ist ein Ersatzwort, das ist wichtig zu wissen! Und damit man sieht, dass nicht irgendein „Herr“ gemeint ist, wird das Wort durch besondere Buchstaben, durch Kapitälchen, hervorgehoben: Herr. Wenn man auf einen Text blickt, sieht man sofort die Stellen.
Wie hat Jesus den Namen Gottes ausgesprochen?
Wir haben im Neuen Testament die Bezeichnung Abba, das heißt Vater. Aber wie der Gottesname JHWH zur Zeit Jesu ausgesprochen wurde, wissen wir nicht.
Das Hebräische hat ja eine Konsonantenschrift. In den Originaltexten hat man den Gottesnamen JHWH zwar mit Vokalen versehen, also mit Punkten, aber…
…aber bewusst mit falschen! Man hat die Vokale von Adonai, also Herr, genommen, oder von Hashem, der Name.
Das Wort Gott steht aber weiterhin an vielen Stellen im Alten Testament...
Ja, freilich! Herr ersetzt nur den Gottesnamen JHWH.
Es gibt offenbar ein Ringen um Gott in der Bibel. Was sollen wir nun beim Wort Herr heraushören?
Dass es das Unaussprechliche benennt. Wir haben im Gottesnamen alles drin, was Gott ist.
Was ist das genau?
Gott stellt sich mit dem Namen JHWH am brennenden Dornbusch dem Mose vor. Das lesen wir in Exodus Kapitel 3 Vers 14. Man versucht das so zu übersetzen: „Ich bin, der ich bin“.
In der Einheitsübersetzung von 1980 hieß es „Ich bin der Ich-bin-da“. Wir hören Gottes Verlässlichkeit heraus, er ist für uns da. Auch seine Unverfügbarkeit, er ist immer er selbst, und nicht der, den ich gerne hätte.
Er bleibt, der er ist, und ist nicht der Vergänglichkeit unterworfen. Er ist der, der für uns kämpft, der gerecht ist, der barmherzig ist. Unendlich viel kann man heraushören. Weil Gott unendlich ist.
Nur männliche Eigenschaften?
Nein! Es soll kein patriarchales System gestärkt werden. Ich weiß aber, dass das Herr für viele schwierig ist. Zumal ja im Gottesdienst auch an anderen Stellen Herr gesagt wird.
Aber Herr ist ja ein Ersatzwort. Die Übersetzerinnen und Übersetzer der neuen, überarbeiteten Einheitsübersetzung haben darüber lange diskutiert. Im Judentum kennt man auch das Ersatzwort „Der Name“, aber das würde für uns ungewohnt klingen.
Hingegen hat „ Herr“ eine lange jüdische und christliche Tradition: Die älteste griechische Übersetzung, die Septuaginta, verwendet „Kyrios“, also Herr. Die lateinische Vulgata des Hieronymus übersetzt den Gottesnamen immer mit „Dominus“, also Herr. Auch die evangelische Lutherbibel und die reformierte Zürcher Bibel sagen Herr.
Vielleicht hilft die besondere Schreibweise zu sehen, dass es um eine andere Art von Herr geht, ein Herr, der über den Herren der Welt steht.
Herr ist also ein Ersatzwort. Wann darf man es ersetzen, und wodurch?
In den Kirchen werden wir die Bibel so lesen, wie es im approbierten Text steht.
In der persönlichen Bibellektüre und beim Beten ermutige ich dazu, auch andere Gottesbezeichnungen einzusetzen: Sie können einfach Gott sagen, aber auch weibliche Begriffe wie „Die Ewige“. Es gibt auch weiblich angehauchte Metaphern.
Gott ist wie eine Hebamme, oder wie eine Mutter, die ein Kleinkind hütet. Oder um die Andersartigkeit Gottes auszudrücken, kann man das griechische „Kyrios“ oder das hebräische „Adonai“ verwenden.
Mit einem Begrüßungsgottesdienst wird der neue Bibeltext am ersten Adventsonntag eingeführt. Dazu gibt es Material und einen Predigtentwurf. Dann beginnen drei „Jahre der Bibel“. Was wollen Sie damit erreichen?
Die Bibel ist die Seele jedes religiösen Tuns. Wir wollen vor allem Religionslehrer und -lehrerinnen, Priester, Altenpfleger/-innen, Krankenhausseelsorger/-innen, also Multiplikatoren, erreichen.
Unser Ziel ist es, dass diese Menschen die Bibel wieder mehr zur Grundlage ihres Tuns machen. In der Hoffnung, dass sie das an andere weitergeben, z.B. dass Priester wieder mehr biblisch predigen.
Eine wichtige Neuheit ist die Anrede „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen. Das ist in etlichen Pfarren schon lange üblich. Anderes wird tatsächlich ungewohnt oder befremdlich klingen? Wie soll man damit umgehen?
Es wird manches anders sein, gerade bei den Psalmen. Sie haben aber eine wunderbare neue Frische. Ich empfehle, hinsetzen und genießen, sich öffnen und wenn etwas zum Stolperstein wird, dann drüber nachdenken, was mich ärgert. Das kann zu einer neuen Begegnung mit der Heiligen Schrift führen.
Zu einer neuen Begegnung mit Gott?
Ja, das wäre schön!