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23.08.2018

Null-Toleranz bei Missbrauch!

Missbrauch darf keinen Platz in der Kirche haben. Für dieses Ziel wird seit 2010 bei uns viel getan.

 

Die Missbrauchsfälle in Pennsylvania haben dazu geführt, dass sich in den vergangenen Tagen Medienvertreter und Menschen aus Wien und Niederösterreich bei uns gemeldet haben.

 

Mit der konkreten Frage, wie die Erzdiözese Wien mit Missbrauchs- und Gewaltprävention umgeht. SONNTAG-Leser Heinz Kellner aus Wien z.B. hat uns geschrieben und möchte wissen, was bei uns getan wird, damit „nichts übersehen oder gar ausgeblendet wird“.


Diese Frage tragen wir ganz offen an Martina Greiner-Lebenbauer heran. Sie ist Leiterin der Stabsstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention in der Wiener Erzdiözese.

 

Versteht sie, dass solche Fragen aktuell auch wieder bei uns gestellt werden?

„Ja. Das, was jetzt in Pennsylvania aufkommt, erinnert mich an das, was wir in Österreich im Jahr 2010 erlebt haben. Damals haben sich ja auch in der katholischen Kirche in Österreich Menschen gemeldet, die durch Gewalt von kirchlichen Mitarbeitern betroffen waren. Bis heute sind das über 1.800 Fälle, die zugunsten der Opfer entschieden wurden.

 

Das war für uns damals ein einschneidender Wendepunkt, der aber dazu geführt hat, dass wir mittlerweile in unserer Erzdiözese Wien flächendeckende Präventions- und Schutzkonzepte haben“, erklärt Greiner-Lebenbauer.

 

Flächendeckendes Schutzkonzept

Laut Auswertung haben sich die meisten dieser Fälle in den 1960-er und 1970-er Jahren ereignet. Bei 44 Prozent hat es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt. Bei allen anderen Vorfällen ist es um Formen von körperlicher bzw. psychischer Gewalt gegangen.

 

In Summe wurde den Opfern in Österreich eine Summe von 25,6 Millionen Euro zuerkannt, davon 20,4 Millionen als Finanzhilfen und 5,2 Millionen für Therapien.

 

Gleichzeitig wurden umfangreiche Schutz- und Präventionskonzepte erarbeitet, die heute in der Erzdiözese Wien flächendeckend greifen, erklärt Martina Greiner-Lebenbauer: „Wir haben im Wesentlichen drei Stufen.

 

Erstens verpflichtende Aus- und Weiterbildungen für alle hauptamtlichen Mitarbeiter und für viele Ehrenamtliche, zum Beispiel für alle Gruppenleiter.

 

Dabei thematisieren wir präventive Maßnahmen für Themen wie Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt. Alle Mitarbeiter sollen wissen, was zu tun ist, wenn sie einen Verdacht haben, oder wenn sich ihnen jemand anvertraut, der belästigt wird oder Gewalt erfährt.


Zweitens haben wir in all unseren Pfarren Präventionsbeauftragte. Diese sind Themenanwälte, die das Thema in der Pfarre wachhalten und die auch genau hinschauen.


Drittens haben wir in der Erzdiözese Wien eine eigene Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche eingerichtet.

 

An diese kann sich jeder wenden, der irgendwo eine Verfehlung feststellt – selbstverständlich auch anonym. Wir gehen jeder Meldung ausnahmslos nach und arbeiten dabei eng mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, zum Beispiel dem Jugendamt, zusammen.“

 

Ist vertuschen heute noch möglich?

Martina Greiner-Lebenbauer stellt klar, dass Vertuschen in unserer Erzdiözese nicht mehr möglich ist: „Jeder Meldung, die bei uns in der Ombudsstelle einlangt, wird ausnahmslos nachgegangen.

 

Und es gibt auch immer Konsequenzen, wenn es irgendwo zu einer Gewaltausübung gekommen ist. Und wir stellen fest, dass diese Maßnahmen greifen. Haupt- und Ehrenamtliche im kirchlichen Umfeld sind dadurch sensibilisiert und achten bewusst darauf, was in ihrem Umfeld los ist.“


Null-Toleranz-Haltung

„Ja - Wir haben eine Null-Toleranz-Haltung“ betont Greiner-Lebenbauer: „Unsere flächendeckenden Schutzkonzepte sind ein klares Signal an alle, dass hier genau hingeschaut wird.

 

Kinder und Jugendliche sollen und müssen in unserer Kirche einen sicheren Ort haben. Wir sind uns der Verantwortung bewusst und nehmen sie sehr ernst. Dadurch bekommt die Kirche in Österreich von den Menschen mittlerweile auch wieder ein großes Vertrauen.“


Wie reagiert man richtig, wenn man Zeuge von Gewalt wird?

Greiner-Lebenbauer: „Oft vertrauen sich Kinder und Jugendliche, die zuhause Gewalt oder sexuelle Gewalt erfahren, gerade ihren Gruppenleitern, Lehrern oder Seelsorgern an. Dadurch sind unsere kirchlichen Mitarbeiter oft ganz zentral in die Aufdeckung von Gewalt im familiären Umfeld involviert.

 

Jeder, dem so etwas anvertraut wird, oder der einen Verdacht hat, kann und soll sich bei uns melden, damit wir gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen jeden Fall lückenlos aufarbeiten.“