
Die Breitenseer Straße in Wien wurde von unseren k.u.k.-Vorfahren klugerweise als Kastanienbaum-Allee angelegt. Die Bäume spenden Schatten und erlauben an heißen Sommertagen, ein Stück zu Fuß zu gehen.
Die nächste Station auf unserer „Reise ins Damals“ ist die Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne an der Breitenseer Straße 61 in Wien-Penzing. Sowohl Straße als auch Kasernengebäude gehen auf die „Kaiserzeit“ zurück und gelten in ihrer Planung als wohl durchdacht.
Am Haupteingang der Kaserne schützt ein bewaffneter Wachposten den Zugang zum militärischen Gelände. Wo sich vor mehr als hundert Jahren die modernste Reiterkaserne Europas, die Kaiser-Franz-Joseph-Kavallerie-Kaserne befand, ist heute die Heereslogistikschule des Bundesheeres untergebracht.
Militärpfarrer und Bischofvikar Alexander Wessely ermöglicht dem SONNTAG, das ansonsten nicht öffentlich zugängliche Areal zu betreten.
Alexander Wessely trägt Uniform, Barett und geschnürte Militärstiefel. Ein eingesticktes Kreuz auf seinem militärgrünen Hemd verweist auf seinen seelsorglichen Dienst. Seit zwölf Jahren ist Wessely Militärpfarrer für Wien und das Burgenland sowie Bischofsvikar der Militärdiözese.
„Militärseelsorge war schon in der Monarchie ein zentrales Thema. Alle Kasernen, die sich nicht in unmittelbarer Nähe zu einer Kirche befanden – wie z. B. die Rossauer Kaserne zur Votivkirche, die somit ,Garnisonkirche’ war – wurden mit einer Kapelle oder Bildstöcken ausgestattet,“ erzählt der Seelsorger.
Einem solchen – heute vollkommen verborgenen – Gebetsraum nähern wir uns nun bei unserem Besuch. Wessely zeigt auf den Balkon in der Mitte des großen Torgebäudes: „Von da wurden hl. Messen gefeiert, indem man am Balkon einen Altar aufgestellt hat“.
Die große Zahl der hier Garnison beziehenden Reitersoldaten hatten nicht im dahinter liegenden Gebetsraum Platz gefunden. Als wir jedoch das Stiegenhaus im großen Torgebäude hinaufsteigen und den Raum hinter dem Balkon betreten, erinnert hier nichts mehr an eine Kapelle oder einen Gebetsraum.
Der Blick von der Balkontür aus zeigt die Dimension der Kaserne. Vor uns liegt der riesige Appellplatz, der einst von Hufgetrappel, Pferdewiehern und Kommandorufen erfüllt war. Im Raum hinter dem Balkon befindet sich heute ein Sitzungszimmer der Offiziere.
Wir gehen also wieder hinaus und im Treppenhaus noch einen Stock höher. Durch eine Tür gelangen wir auf den originalen k. u. k.-Dachboden des Torgebäudes und von dort durch eine kleine quadratische Brandschutztür in eine unerwartet zauberhafte, ganz andere Welt.
Zarte Frauengestalten mit Schleier beten hier still mit nach unten gesenktem Blick. Die Skulpturen an den Wänden scheinen das Gebäude zu tragen. Die Seitenwände des Raumes schmücken Rosenbögen aus Stuck mit Blüten in den Pastelltönen Rosa, Gelb und Blau.
Auch ein rundes Christusbild an der Breitenseer Straße zugewandten Wand ist in zarten Farben gemalt und mit Gold umrahmt: Überraschend frisch und strahlend wirkt dieses Jesus-Bild.
In den Kapellenraum wurde in den 1960er Jahren eine Decke eingezogen. Der untere Teil wurde profanisiert, der obere, das bis heute zwar leicht beschädigte, aber erhaltene Jugendstilgewölbe blieb verborgen erhalten. Am Fußboden liegt Glaswolle als Wärmedämmung für den unteren Raum.
Was für eine fremde Welt hinter einer kleinen Tür liegen kann! Für eine Renovierung fehlt dem Heer derzeit freilich das Geld (Vielleicht kommt irgendwann ein reicher Prinz hierher und erweckt diesen schlafenden Schatz?). In der Cafeteria der Kaserne dürfen wir uns noch mit kühlem Mineralwasser stärken und dann erzählt Alexander Wessely von seiner Arbeit ...

„Kirche und Militär –ja geht denn das zusammen?“, fragte sich Alexander Wessely vor seiner Zeit beim Bundesheer. Seinen Antrag auf Zivildienst zog er am letzten Tag zurück und „rückte ein“.
Der ausgebildete Kindergärtner, Religionslehrer und Schauspieler wurde in der Folge in der Militärpfarre für den Firmunterricht eingesetzt. Vor zwölf Jahren weihte ihn der damalige Militärbischof Christian Werner zum Priester.
Der Satz des hl. Paulus „Allen bin ich alles geworden“ ist Wessely wichtig. Deshalb trägt er die Uniform – er versteht sich als Teil des Ganzen. Als Militärpfarrer für Wien und das Burgenland ist der Geistliche jede Woche viele Kilometer unterwegs: „Mir ist wichtig, dass ich einmal in der Woche in jeder Kaserne bin. Als Militärpfarrer nehme ich mir Zeit für die Soldatinnen und Soldaten.“
Wessely: „Die Militärseelsorge ist eine große Chance in der Begleitung junger Menschen.“ Viele Kameraden im Raum Wien seien weder getauft noch gefirmt.
„Beim Wachestehen oder bei einer Übung besteht Zeit zum Nachdenken: Was mache ich nach dem Bundesheer? Was habe ich bisher in meinem Leben gemacht, vielleicht auch falsch gemacht?“ Auch der Salzburger Erzbischof Franz Lackner fand auf diesem Weg seine Berufung.
Als Militärpfarrer kann Alexander Wessely auch seiner zweiten Leidenschaft, der Schauspielerei, nachgehen und spielt für seine Soldaten den „Herrn Karl“ oder den „Braven Soldaten Schweig“.
„Da kommen oft mehr als zu den Gottesdiensten, dann sage ich zu den Kameraden: Meine Hauptvorstellung ist am Sonntag um zehn!“