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Monika Fischer
07.08.2018

Auf der Suche nach dem heilsamen Klang

Interview mit dem Geigenbaumeister und Gottsucher Martin Schleske.

 

Jede Geige, jede Bratsche und jedes Cello, das Martin Schleskes Werkstatt im bayrischen Landsberg am Lech verlässt, trägt nicht nur seinen Brandstempel, sondern auch ein Kreuz.

 

Unter dieses Kreuz setzt der Meister seine Initialen und dazu stellt er einen Bibelspruch, der ihn während der Arbeit an dem Instrument begleitet hat. „Ich möchte dem Instrument nicht nur den Klang mitgeben, sondern auch eine Segensberufung“, sagt der passionierte Geigenbauer und Klangforscher.

 

Viele Musiker hat der Spruch ihrer Geige tief berührt. „Ich lebe sehr intensiv und mit großer Liebe aus der Weisheit der Heiligen Schrift. Das ist eine große Inspirationsquelle und ich bin froh, wenn ich davon etwas in die Instrumente hineingeben kann.“


Martin Schleske, Sie vergleichen den Werdegang der Geige mit dem menschlichen Lebensweg. Worin bestehen die Gemeinsamkeiten?

Da entdecke ich viele Parallelen. Allein schon das Wort „Person“, es kommt aus dem Griechischen und bedeutet „hindurch tönen“. Person sind wir vor allem durch das, was durch uns geschieht.

 

Wir leben in einer überpsychologisierten Zeit, wo es ständig nur um die eigene Befindlichkeit geht. Das ist jämmerlich. Es reicht nicht, nur zu fragen, wie fühle ich mich, sondern die Frage ist, was durch uns ausstrahlt und wirksam wird. Das nimmt uns in eine Verantwortung. Wer bin ich als Person, was tue ich, was kommt durch mich zum Klingen?


Sie sehen auch Ähnlichkeiten zwischen den Menschen und dem Holz, aus dem Sie Ihre Instrumente bauen.

Es gibt kein ideales Holz. Die Kunst im Geigenbau ist eigentlich die Barmherzigkeit mit dem Gegebenen. Als Geigenbauer bin ich kein Idealist, ich fordere vom Holz nicht etwas, das es nicht ist, sondern ich erkenne, was dieses einmalige, einzigartige Holz braucht und was daraus werden kann.


Das andere, das dazukommt, ist die Ehrfurcht vor dem Gebotenen – im Geigenbau sind das die Eigenfrequenzen. Diese Ehrfurcht ist kein Fanatismus, der alles dem Gebotenen unterwirft, sondern im Blick hat, was möglich ist.

 

Barmherzigkeit und Ehrfurcht sind ein notwendiger harmonischer Gegensatz. Wehe die Barmherzigkeit verliert die Ehrfurcht und wehe die Ehrfurcht verliert die Barmherzigkeit. Beide brauchen einander.


Was ist das schönste Lob für Sie und Ihre Arbeit?

Wenn Musiker sagen: Du hast mir meine Stimme gegeben. Neulich war ein Geiger bei mir, der seit 30 Jahren Profigeiger in einem bekannten deutschen Symphonieorchester ist und vor zwei Jahren eine Geige von mir gekauft hat. Er kam zu mir mit Tränen in den Augen und sagte: „Diese Geige hat mein Leben verändert, ich wusste nicht, dass es so etwas gibt.“ Das fand ich überwältigend.

 

Für ihn ist die Musik ganz neu lebendig geworden durch diese starke Persönlichkeit der Geige, die Klangschönheit der Resonanzen. Er hat eine neue Dimension in seinem Musikersein gewonnen – durch ein gutes Instrument.

 
Sie kommen nicht aus einem religiösen Elternhaus. Wie haben Sie Zugang zu Gott gefunden? Oder wie hat er Sie gefunden?

Das hat angefangen, als ich mit 13 Jahren auf einer Jugendfreizeit in Schottland war. Bis heute ist die für mich hell und leuchtend von Erfahrungen, die ich Gotteserfahrungen nennen würde.

 

Damit bin ich nach Hause gekommen und meine Eltern waren erst mal entsetzt, dass ihr Sohn religiös geworden ist. Es gab jahrelang Diskussionen und Auseinandersetzungen mit meinem Vater. Ich habe mir das eigentlich selbst erkämpft, die Dinge des Lebens und des Glaubens.


In welchen Situationen erfahren Sie Gott?

Es sind verschiedene Situationen. Ich fühle mich sehr stark eingebunden in einen großen Freundeskreis von Menschen in verschiedensten Gemeinden und Gemeinschaften. Dann zu merken, dass zur rechten Zeit eine E-Mail, ein Anruf, oder ein Zuspruch kommt – wie neulich: Da schreibt eine liebe ältere Freundin aus der Schweiz, sie hat heute früh im Gebet an mich gedacht und wollte mir ein Psalmwort schreiben – und das war so unglaublich treffend in genau diesem Moment.

 

Da bin ich dann manchmal tief gerührt. Das sind die kleinen Zeichen der Güte Gottes, die so wunderbar sind und von denen ich lebe.


Ich erlebe aber auch selber, wenn ich morgens in meiner kleinen Dachkapelle in das stille Gebet gehe, sehr starke Zeiten. Das gemeinsame Schweigen mit Gott genieße ich sehr, es ist ein liebendes Schweigen oder eine schweigende Liebe, in der ich in dieser Gottesgegenwart verweile.

 

Oft passiert es, dass ich ein inneres Bild sehe, durch das ich Dinge tiefer begreife, oder ein Wort höre, das mich sehr bewegt. Gotteserfahrung ist auch eine Frage der inneren Kultur, wie wir Stille und Rückzugszeiten suchen. Ich brauche nicht zu meinen, dass ich atemlos durchs Leben hetzen kann und dann Gottesbegegnung ein Thema in meinem Leben ist.  


Gibt es Momente, in denen Sie die Welt umarmen möchten?

Selten. Ich glaube, ich bin manchmal stark am Rand von Schwermut, zumindest sehr melancholisch.

 

Es gibt schon Glücks­momente. Neulich habe ich eine frisch fertig gewordene Geige in der Musikkapelle gespielt. Danach war ich ganz tief glücklich und habe gemerkt: Das ist ein heilsamer Klang und es tut meiner Seele so gut, in diesen Klang einzutauchen.

 

Da war ich sehr glücklich. Weil es ist mein großes Ziel, nicht einfach einen schönen Klang zu schaffen, sondern tatsächlich einen heilsamen Klang, wo es einem danach anders geht.


Sie sagen, wir dürfen Mut haben, mehr mit Gott zu rechnen. Wie meinen Sie das?

Wir haben oft einen sehr feigen Glauben, der fast nur so etwas wie ein Sicherungssystem ist. Ich brauche einen Glauben, um mir meiner Weltanschauung sicher zu sein. Das bekommt schnell etwas Rechthaberisches.

 

Anders ist ein Glaube, der damit rechnet, dass Gott ein lebendiges Gegenüber ist, das mich und das Resonanzprofil meines Herzens, die Liebe und die Sehnsucht ernst nimmt, die es in mir vorfindet.

 

Gott suchen heißt, mich aufsuchen lassen von ihm. Nicht meinen Glauben machen wollen, sondern mich zur Verfügung stellen, damit Gott sich mir zeigen kann. Es ist eine atemberaubende Demut Gottes, sich den Menschen nicht aufzudrängen. Es ist keine Unterwerfungsgeschichte, es ist eine Berufungsgeschichte.

 

Dieses innige Zusammenspiel zwischen der Gnade, dieser Zuwendung Gottes, und dem Glauben – das ist eine Liebesbeziehung, etwas ganz Inniges. Ich würde sagen: Die Gnade Gottes möchte unseren Glauben spielen wie ein Musiker sein Instrument.

 

Gott sucht uns, aber es liegt an uns, uns finden zu lassen. Der einzige Weg ist zu sagen: Hier bin ich, zeig’ du, wer du bist. Und sich dann zu öffnen.