Donnerstag 21. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

25.06.2018

Was macht die Mission im Weltmuseum?

Das neue Weltmuseum Wien verdankt einen beachtlichen Teil seiner Sammlung den Steyler Missionaren.

Wer in Wien Kulturanthropologie (früher Ethnologie oder Völkerkunde) studiert hat, kennt die Steyler Missionare. Bis in die 1950er Jahre war das „Institut für Völkerkunde“ fest in der Hand der Patres. (Mehr darüber erfahren Sie in: Die Ära der Kulturkreislehre)

 

Christian Schicklgruber hat als Student viel über die Theorien und Forschungen der Steyler gelernt. Heute verwaltet er als Direktor des Weltmuseums die umfangreiche Sammlung der Geistlichen.

 

Was haben er und die Steyler Missionare sich heute noch zu sagen? So einiges, stellen wir beim Gespräch zwischen Christian Schicklgruber und dem Steyler P. Franz Helm fest.


Direktor Schicklgruber, was möchte das neue Weltmuseum Wien vermitteln?


Christian Schicklgruber: Wir hoffen, dass bei unseren Besucherinnen und Besuchern ein Eindruck von der Vielfalt der Welt und der Kulturen entsteht. Mehr als Mosaiksteinchen dieser Vielfalt kann ein Museum nicht bieten.

 

Noch mehr wünschen wir uns eine Wertschätzung der Vielfalt. Im Gegensatz dazu wollten die frühen Völkerkundemuseen eine kulturelle Differenz oder Hierarchie herstellen.

 

In diesem Zusammenhang stehen auch die Begriffe „Kulturvolk“ und „Naturvolk“ – man sollt’s nicht glauben, aber der Begriff ist noch immer nicht verschwunden. Damit war ganz klar, dass wir diese Herrschaften ökonomisch ausbeuten, beherrschen und missionieren können. (Zu P. Helm:) Und jetzt können wir zu streiten anfangen. (lacht)


Franz Helm: Der Ansatz der Mission ist eine Reibungsfläche zur Kulturanthropologie: Ein Missionar geht nicht hin, um etwas zu dokumentieren, sondern um etwas zu verändern.

 

Damals war es, um ihnen das ewige Heil zu bringen. Wer nicht getauft ist, kommt in die Hölle – das war die offizielle Linie der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Daher wurde alles unternommen, damit die Menschen zum Glauben finden.


P. Helm, wie verstehen Sie Mission heute?


Franz Helm: Mission wird heute eher so definiert, einen Beitrag zu leisten, dass Menschen zum Heil hinfinden: dass Beziehungen heil werden, Menschen ihre persönliche Würde entdecken und leben, dass Gerechtigkeit in einer Gesellschaft wächst, dass es zum Frieden kommt.

 

Solche Prozesse werden versucht in Gang zu setzen – natürlich mit dem Evangelium in der Hand, weil da diese Werte herkommen.


Christian Schicklgruber: Es gibt keine Gesellschaft ohne Religion und keine Religion ohne einen Kodex an Ethikvorstellungen. Wenn Sie mit Ihrem Glauben wo hin kommen und dort Glauben antreffen, ist es letztendlich das Ersetzen des einen durch das andere?


Franz Helm: Ich glaube, in gewissen christlichen Gruppierungen wird das so gesehen. Das ist nicht das Verständnis von uns Steyler Missionaren und auch nicht das, was ich in offiziellen Dokumenten des Vatikan finde.

 

Wenn ich einen Menschen treffe, der einen anderen Glauben hat, geht es zuerst darum, mit ihm in Dialog zu kommen. Ich werde nicht versuchen, andere zum christlichen Glauben zu bekehren.

 

Das muss von ihnen ausgehen, wenn es für sie ein Wunsch wird. Bischof Kräutler hat gesagt: „Ich habe noch keinen Indianer getauft und werde das auch nicht.“


Christian Schicklgruber: Ich weiß von einem Jesuiten, der sein ganzes Leben in Bhutan verbracht hat und ganz stolz war, weil er niemanden getauft hat. Er hat seinen Schülern buddhistische Texte gekauft, sie haben darin gelesen und er in der Bibel. Darüber sagte er: „It was a very prayering atmosphere.“ (in etwa: „Es herrschte eine intensive Gebetsatmosphäre.“)

 

Ich dachte, dieser Mann ist ein Einzelfall, deshalb finde ich es sehr spannend, was Sie da sagen: Es geht also nicht um ein Ersetzen, sondern Sie treten mit ihrem Verhalten in den Dialog. Und wenn die Menschen katholisch werden, ist es gut, und wenn nicht, ist es genauso gut?


Franz Helm: Genau. Das Ziel der Mission ist es nicht, mehr Kirchenmitglieder zu bekommen, sondern dass im Sinn von Jesus Christus Reich Gottes wächst.

 

Reich Gottes bedeutet, dass Menschen aufleben, ein qualitätsvolleres Leben finden. Und dafür müssen wir miteinander im Dialog sein und uns miteinander einsetzen.  


Ganz konkret: Ich war in Brasilien, wo die Bevölkerung noch immer großteils katholisch ist. Die große Herausforderung dort war die ungerechte Landverteilung und die Gängelung der Bevölkerung durch die Massenmedien, die in der Hand der mächtigen Oberschicht waren. Mich da einzusetzen, gemeinsam mit den Menschen in der Ortskirche, so habe ich Mission verstanden.


Viele Kulturschätze, die das Weltmuseum ausstellt, wurden geraubt. Sollte man sie den Nachfahren der Besitzer zurückgeben?


Christian Schicklgruber: Ich möchte mich nicht aus der Diskussion stehlen, aber das ist eine politische Entscheidung. Die Benin-Sammlung ist ganz klar eine koloniale Kriegsbeute.

 

Rein rechtlich gibt es aber keine Rückgabeverpflichtung. Wir suchen Kontakt zu den Ursprungsgesellschaften und schicken Teile unserer Sammlung als langfristige Leihgaben dorthin, wo sie herkommen. Soweit können wir als Museum agieren.


Franz Helm: Das Weltmuseum hat eine ganz wichtige „Mission“: das Differenzieren zu lehren. In unserer Gesellschaft, in der manche Dinge derart plakativ gesehen werden, ist das sehr wichtig. Damit nicht einfach über „die Muslime“ oder „die Katholiken“ oder „die Frauen“ geredet wird, sondern genau hingeschaut wird. Wer ist das und in welchem Umfeld lebt der.

 
Christian Schicklgruber: Letztendlich geht es um Menschen und die sind alle verschieden. „Die Moslems“ oder „die Afrikaner“ gibt es nicht, genauso wenig wie „die Österreicher“.