Papst Franziskus hat beim Weltkirchenrat in Genf vor einem falschen Schutz von Eigeninteressen in der Ökumene gewarnt. "Im Namen des Evangeliums sich für den Bruder anstatt für sich selbst zu entscheiden; das bedeutet oftmals in den Augen der Welt, mit Verlust zu arbeiten", sagte er am Donnerstag, 21. Juni 2018 vor der Organisation, die 350 christliche Kirchen mit rund einer halben Milliarde Gläubigen weltweit vertritt. Ökumene sei "ein großes Verlustgeschäft", das aber dem Evangelium gemäß sei. Um der Einheit willen gelte es eigene Zwecke aufs Spiel zu setzen, "die oftmals eng an ethnische Zugehörigkeiten oder überkommene Vorstellungen gebunden sind, seien sie mehrheitlich 'konservativ' oder 'fortschrittlich'", betonte der Papst.
"Zu leicht bleiben wir angesichts der bestehenden Unterschiede stehen; zu oft bleiben wir, vom Pessimismus niedergedrückt, im Aufbruch strecken", rief Franziskus, der sich selbst als "Pilger auf der Suche nach Einheit und Frieden" bezeichnete, die Christen dazu auf, gemeinsam voranzugehen: "Wir sollten uns nicht mit den Entfernungen herausreden, es ist jetzt schon möglich, im Geist zu wandeln: beten, evangelisieren, gemeinsam dienen, das ist möglich und Gott wohlgefällig! Gemeinsam gehen, gemeinsam beten, gemeinsam arbeiten: Das ist unser Königsweg."
Franziskus sprach im Rahmen eines Gebetsgottesdienstes in der Kapelle am Sitz des Weltkirchenrats. In der Feier beteten Vertreter unterschiedlicher christlicher Konfessionen um Vergebung für die Uneinigkeit der Christen und um Einheit. Anliegen waren auch der Friede, Respekt vor der Schöpfung und eine Überwindung der Trennungen von Rasse, Geschlecht, Alter und Herkunft.
Neben dem Papst sprachen u.a. die anglikanische Vorsitzenden des ÖRK-Zentralausschusses, Agnes Abuom, und ihre Stellvertreter, der griechisch-orthodoxe Metropolit Gennadios von Sassima und die methodistische Bischöfin Mary Ann Swenson bei dem Gebetsgottesdienst. ÖRK-Generalsekretär Pastor Olav Fykse Tveit und der Präsident des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch, trugen abwechselnd ein gemeinsames Bußgebet vor.
Der Papst betonte in seiner Ansprache, was nicht der Gemeinschaft diene, führe zu Kriegen und Zerstörung. "Die Welt, zerrissen von zu vielen Spaltungen, die vor allem die Schwächsten treffen, ruft nach Einheit", sagte er. Die Spaltung der Christen "widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums", zitierte Franziskus aus dem Ökumenismusdekret "Unitatis redintegratio" des Zweiten vatikanischen Konzils (1962-65)
Die getrennten Christen mahnte er dazu, "in der Vergebung fortzuschreiten". Dies gehe nicht "mit der dröhnenden Gangart der Machtanmaßung, sondern mit jener, die dem Rhythmus eines einzigen Gebotes folgt: 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst'". Gemeinsam zu gehen sei Christen "nicht eine Strategie, um größer herauszukommen, sondern ein Akt des Gehorsams zum Herrn und der Liebe gegenüber der Welt".
Für Kirchenspaltungen und frühere Misserfolge in der Ökumene machte Franziskus "weltliches" Machtdenken unter Christen verantwortlich: "Zuerst versorgte man die Eigeninteressen, dann jene von Jesus Christus", so der Papst. Auch Versuche in der Vergangenheit, diese Trennungen zu überwinden, seien "elend gescheitert, weil sie sich hauptsächlich an einer weltlichen Logik orientierten".
Der Papst sprach von einer "heimtückischen Versuchung" im Dialog der Kirche, "miteinander zu gehen, aber in der Absicht, irgendein Eigeninteresse durchzusetzen". Franziskus nannte dies eine Logik "des Judas, der zusammen mit Jesus wandelte, aber zum eigenen Vorteil". Ökumene könne nicht gelingen, wenn man das Eigene retten wolle, argumentierte Franziskus. Wer Christus nachfolgen wolle, müsse "mit heiliger Hartnäckigkeit den Weg des Evangeliums wählen und die Schleichwege der Welt ablehnen".
"Wie Jesus selbst lehrt, bringen nicht diejenigen, die anhäufen, im Weinberg des Herrn Frucht, sondern diejenigen, die dienen und der Logik Gottes folgen, der weiterhin schenkt und sich selbst schenkt", sagte der Papst. Dies sei eine "österliche Logik, die einzige, die Frucht trägt", so Franziskus.
In seiner Ansprache ging der Papst von einer Bibelstelle aus dem Paulusbrief an die Galater (Gal 5,16.25) aus, die zu Beginn der Feier vorgelesen wurde. Gleich zwei Mal lade der Apostel Paulus die Gläubigen darin ein, "im Geist zu wandeln", wies Franziskus hin. Diese Einladung nahm der Papst als roten Faden seiner Überlegungen über das Ziel der Einheit der Christen.