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21.06.2018

Kennen die Pfarren "ihre Schäfchen"?

Kennen unsere Pfarrer die sogenannten „Lebenswelten“ ihre Gemeindebewohner?

 

Ein Workshop für Pfarren über das Thema „Lebenswelten“: Das ist ein sperriger Begriff! Aber es geht um Wesentliches: Und zwar um nicht weniger als um die zentrale Frage, wie die Menschen in der eigenen Gemeinde drauf sind – also wie sie salopp formuliert „ticken“. Also nicht nur welcher Bildungsschicht sie angehören und wie alt sie sind. Sondern vielmehr: Welche Wertvorstellungen haben sie? Welche Musik gefällt ihnen? Sind sie liberal oder konservativ?  


Genau darüber Bescheid zu wissen, ist grundlegend wertvoll für jede Pfarre. Denn in der Regel leben Akademiker anders als Nicht-Akademiker. Junge haben einen anderen Musikgeschmack als Ältere. Ortsansässige haben eine andere Bindung zum Ort als Zugezogene usw. Die entsprechenden Fakten wurden übrigens bereits vor ein paar Jahren durch sogenannte Sinus-Milieu-Studien erhoben und prinzipiell gibt es über jede einzelne Pfarre in der Erzdiözese Wien eine genaue Aufschlüsselung über die Menschen in der Gemeinde.

 

Lebenswelten sind unterschiedlich

Alle Pfarren, die sich dafür interessieren und diese Daten nutzen möchten, bekommen begleitend dazu Tipps und Tricks, wie sie die Erkenntnisse in der Pfarrarbeit umsetzen und wie sie die Lebenswelten der Menschen in den Gemeinden besser verstehen können: „Wir wissen durch die Studien, wie unterschiedlich die Menschen in den einzelnen Pfarren ihre Lebenswelt gestalten. Die Ergebnisse helfen, dass man diese Lebenswelten und das soziale Handeln der Menschen besser versteht und einordnet. Somit kann man sich als Pfarre in einem zweiten Schritt überlegen, welche Angebote man anbietet, um die Menschen in der Gemeinde anzusprechen“, erklärt Marius Stelzer. Er ist Experte für das Thema „Lebenswelten“ und Hauptreferent des Workshops.

 

Raus aus der Kirche, rein ins Leben

„Wir müssen in unseren Pfarren eine komplett neue Angebotsmentalität entwickeln. Dabei müssen wir uns fragen: Wo halten sich die Menschen aufgrund ihrer Milieu-geprägten Situation in ihrem Alltag auf? Dabei werden wir merken, dass das nicht das Kirchengebäude und das Pfarrheim sind, sondern das sind Kindergärten, Schulen, Sportplätze, Heurigen, Pflegeheime usw.“, erklärt Marius Stelzer.

 

Er ist überzeugt davon, dass man an genau diesen Orten Leben und Glaube am besten teilen und kombinieren kann: „Wenn man als Seelsorger, Priester, Diakon, Pfarrgemeinderat, Pastoralassistent zu diesen Orten geht, kann genau dort das Evangelium stark werden. Wichtig dabei ist, dass man als Gemeinschaft auftritt. Also nicht als Pfarrer oder Diakon alleine. Sondern der Pfarrer mit dem Diakon, oder mit ein bis zwei Leuten aus dem Pfarrgemeinderat oder der Pfarrgemeinde.“


Nicht versuchen zu rekrutieren

Laut Marius Stelzer zeigt die Erfahrung, dass Pfarren immer dann besonders erfolgreich sind und die Menschen besonders dann gut ansprechen, wenn sie „nicht versuchen, unreflektiert zu rekrutieren und auch nicht versuchen, die Menschen für ein Kirchenmodell zu begeistern, das mit ihrem Leben letztendlich wenig zu tun hat“.


Was der Experte damit konkret meint? Das verdeutlicht er an einem Beispiel: „Wenn man als Pfarrer etwa als Nikolaus verkleidet in den Kindergarten geht, um den Kindern eine Botschaft zu vermitteln, dann steht das für eine moderne missionarische Kirche. Wenn sich der Pfarrer stattdessen im eigenen Kirchengebäude als Nikolaus verkleidet, nur damit die Eltern mit ihren Kindern in die Kirche kommen, dann hat das einen Rekrutierungscharakter, der Menschen auf Dauer eher abstößt, als anspricht.“


 

5 Tipps

von der Projektgruppe Milieusensible Pastoral in der Erzdiözese Wien

 

  1. In einem ersten Schritt nicht an Angebote denken:
    Ziel milieusensibler Pastoral ist nicht ein „maßgeschneidertes“ Angebot an alle Milieus, sondern Inhalte, Werte, Lebensphilosophie und die Sicht auf die Welt in den verschiedenen Milieus zu verstehen und auf vielfältige Weise in das pfarrliche Leben einzubeziehen
     
  2. Kontakte differenziert und kirchlich vernetzt gestalten:
    Manche Milieus schätzen Gemeinschaft, Regelmäßigkeit oder Geselligkeit, andere ziehen eigene spirituelle, anonyme Wege vor. Es braucht in der Pfarre die Vernetzung mit anderen kirchlichen Orten und offene Formen von Kontakt.
     
  3. Neue Lebenswelten und Menschen zu Wort kommen lassen:
    So manche Schwierigkeit mit Glaube und Kirche ist ein prophetisches Zeichen für ein tieferes Verständnis des Evangeliums. Die Einladung zu einem Glaubenszeugnis in einem Gottesdienst bietet Anlass die verschiedenen Zugänge zu Gott zu würdigen.
     
  4. Hemmschwellen abbauen:
    Die Kenntnis der Milieus und ihrer Lebenswelten gibt Aufschluss, was als wenig anziehend oder sogar störend empfunden wird bzw. Unsicherheit erzeugt. Schon kleine Veränderungen können Hemmschwellen abbauen.
     
  5. offene Räume schaffen:
    Die Pfarre begegnet vielen als ein „fertiger Komplex“, wo alles organisiert ist und nur auf Interessenten (Publikum) wartet. Junge und moderne Milieus wollen nicht passive Teilnehmer sein. Sie empfinden es als reizvoller, selbst aktiv zu sein und in Projekten Verantwortung zu übernehmen.