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21.06.2018

„Der besondere Blick auf die Wirklichkeit“

Im Religionsunterricht dem Glauben begegnen

 

Ganz ehrlich: Wie war Ihr Religionsunterricht? Ein Nebenfach, dem Sie keine allzu große Bedeutung beigemessen haben? Oder mitreißend, fordernd, horizonterweiternd, schlichtweg spannend – so wie meiner?

 

Ich persönlich hatte Zeit meines Schullebens das Glück, von Religionslehrern unterrichtet zu werden, die es nicht nur verstanden haben, mir Wissen über meine Religion, oder die Religion anderer Menschen näher zu bringen, sondern mir auch klar zu machen, dass dieses Unterrichtsfach jenseits des puren Wissens eine Dimension hat, die es sich lohnt zu entdecken.

 

Eine Dimension, die so viel mehr mit mir und meinem Leben zu tun hat, die meinem Leben so viel mehr Positives bringen kann, als jedes andere Fach.

 

Ich sehe meinen Lehrer in der Oberstufe noch vor mir, wie er authentisch und mit Leidenschaft davon erzählt, was der Glaube für sein Leben bedeutet, wie er ihn lebt. Und ich höre vor allem noch, wie er uns immer und immer wieder gesagt hat: „Beweisen kann ich Euch das nicht. Aber Ihr könnt es für Euch entdecken. Glaubt mir, das lohnt sich.“


Authentisch und kompetent

„Der Religionsunterricht ist ein Ort, an dem junge Menschen mit Kirche und Glaube in Berührung kommen – bisweilen auch nur mehr dort, muss man heute ehrlicherweise sagen“, so Andrea Pinz, Leiterin des Erzbischöfliches Amt für Schule und Bildung und damit verantwortlich für rund 1.500 Lehrende und 128.000 Kinder und Jugendliche in der Erzdiözese Wien.

 

Im Religionsunterricht werde heute Glaube und Glaubenspraxis thematisiert. Die Entscheidung über Praxis und Bekenntnis kann dabei aber nicht eingefordert werden.

 

„Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen religiösen Einstellungen und Erfahrungen begegnen Lehrenden, die nicht nur eine religionswissenschaftliche, eine neutral-vergleichende, Perspektive einnehmen, sondern als Betroffene von der Sache Jesu erzählen: authentisch und kompetent.“

 

Der Religionsunterricht „verführe“ zu einem besonderen Blick auf die Wirklichkeit, die Welt und stehe vor dem hohen Anspruch, Evangelium und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler zusammenzubringen. „Insofern ist es mir wichtig, dass die Antworten, die ihnen angeboten werden, für sie lebensrelevant und lebensdienlich sind“, sagt Andrea Pinz.

 

Die zentrale Frage sei dabei immer: „Wie kann man auf zeitgemäße Weise dem Evangelium gerecht werden und wie kann man auf evangeliumsgemäße Weise den Herausforderungen der Zeit gerecht werden?“


Sinkende Schülerzahlen

Religion – ein Fach also, das sich umfassend mit dem Leben, mit dem Zusammenleben, mit Geist und Seele beschäftigt, mit Geschichte, Kultur und Spiritualität. Und trotzdem sieht sich der Religionsunterricht immer neuen und immer größeren Herausforderungen gegenüber. Allen voran die sinkenden Schülerzahlen.

 

Früher war das anders, sagt Andrea Pinz. Religion habe zum Stundenplan gehört wie Geografie und Latein. In ihrer Klasse, in einem öffentlichen Gymnasium in NÖ, war Abmeldung „ein gänzlich unbekanntes Vokabel.“

 

In den vergangenen beiden Jahrzehnten hätten sich die Rahmenbedingungen für den Religionsunterricht aber deutlich verändert. Während 2000/01 an den Wiener Volksschulen 57,4 Prozent der Kinder katholisch waren, sind es heute 31,7 Prozent. „Hinzu kommt, dass der Glaube in vielen Familien deutlich geschwächt ist“, sagt Andrea Pinz.

 

Das Weitergeben von Glaubensinhalten von einer Generation zur nächsten sei keine Selbstverständlichkeit mehr. „An manchen Schulen bieten acht oder neun Kirchen und Religionsgesellschaft ihren Unterricht an“, so Andrea Pinz.

 

Grundsätzlich hat jede Klasse zwei Stunden Religion pro Woche, wenn die Zahl der Schülerinnen und Schüler unter zehn sinkt, ist es eine Stunde. Klar sei auch: Die Schülerinnen und Schüler ohne Bekenntnis stellen die am stärksten wachsende Gruppe dar.


Religionsunterricht gehört in die Schule

Zur Herausforderung werde auch immer wieder die Diskussion, wie notwendig der Religionsunterricht eigentlich sei. Eine Diskussion, die Andrea Pinz nicht nachvollziehen kann. „Religionsunterricht gehört in die Schule, weil Religion zum Menschen gehört“, ist sie überzeugt.

 

Tatsache sei doch, dass Religion in den Medien und in den sozialen Netzwerken äußerst präsent sei, „vor allem im Kontext von Fanatismus und Gewalt, aber auch Infragestellung der Säkularisierungsthese oder als Phänomen der Respiritualisierung. „Religionslehrer fördern da die Selbstkompetenz und religiöse Urteilsfähigkeit der Schüler und geben dem christlichen Glauben ein Profil.“

 

Der Religionsunterricht mit all seinen Inhalten, mit seiner Art der Wissensvermittlung trage damit ganz intensiv dazu bei, dass Kinder und Jugendliche religiös sprach- und argumentierfähig werden.

 

„Die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln befähigt Kinder und Jugendliche, in einen Dialog mit Andersdenkenden zu treten“, konkretisiert Andrea Pinz. Der Religionsunterricht sei damit also auch ein Fach, das ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Anschauungen erleichtert, in vielen Fällen vielleicht sogar erst möglich macht.

 

„Der Religionsunterricht ist ein Beitrag zu einer umfassenden Welterschließung. Hier liegt auch sein Unterschied zu anderen Fächern“, so Andrea Pinz: „Religionsunterricht ist damit allein deshalb notwendig, weil die Bedeutung von Religion für den Menschen in Geschichte, Gesellschaft und Kultur außerordentlich hoch ist. Unter diesen Voraussetzungen verstehe ich Religion als Hauptfach. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, es als Nebenfach zu sehen.“