Zwei Tage nach Bekanntwerden des Schreibens aus dem Vatikan zum Kommunionempfang für nicht-katholische Ehepartner bleibt das weitere Vorgehen der deutschen Ortskirche offen. Der Passauer Bischof Stefan Oster bezeichnete den Brief des Präfekten der Glaubenskongregation, des designierten Kardinals Luis Ladaria Ferrer, am Dienstag, 5. Juni 2018 im Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA als "Aufforderung, weiterhin gemeinsam und möglichst einmütig nach Wegen zu suchen, wie wir in der Ökumene vorankommen". Für ihn sei der Brief klärend vor allem im Blick auf die weltkirchliche Relevanz des Themas, sagte Bischof Oster. Das Vorankommen in der Ökumene sei dabei "allen ja ein bleibendes Anliegen und eine Verpflichtung".
Ebenfalls optimistisch kommentierte der Vorsitzende der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Karl-Heinz Wiesemann (Speyer), den Ladaria-Brief. Auf Anfrage sagte Wiesemann am Mittwoch, er sei überrascht, habe aber die Erwartung, dass am Ende eine Lösung stehe, mit der die besondere Situation konfessionsverbindender Ehen mit ihren Nöten gewürdigt werde.
Wiesemann sprach von einem "positiven Signal", dass die von der DBK aufgeworfene Frage "als bedeutsam für die Universalkirche eingeschätzt wird und die deutsche Kirche hiermit einen wesentlichen Impuls zur Klärung einer wichtigen ökumenischen Frage auf Weltebene gegeben hat". Der Bischof zeigte sich hoffnungsvoll, dass die Frage "in der erforderlichen ökumenischen Weite und Sensibilität behandelt" werde. Mit dem römischen Schreiben sei "keine Korrektur der bisherigen, sensiblen pastoralen Handhabe verbunden".
Der evangelische Landesbischof Gerhard Ulrich wies Interpretationen zurück, Papst Franziskus sei am Montag, 4. Juni in einer Ansprache an eine von ihm geleitete lutherische Delegation ökumenisch auf die Bremse getreten. Er nannte es abwegig und unfair, einen Zusammenhang zwischen dem Konflikt um den Kommunionempfang und dem Fortgang des ökumenischen Dialogs herzustellen. Der Papst habe vielmehr betont, "dass wir miteinander und unbeirrt voranschreiten müssen auf dem ökumenischen Weg", sagte der Leitende Bischof der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Norddeutschland der KNA in Rom.
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, kommentierte das Schreiben aus dem Vatikan in der WDR-Sendung "Aktuelle Stunde" mit den Worten: "Ich war zunächst schon wirklich schockiert, weil ich nicht damit gerechnet hatte." Er sei bis dahin der Ansicht gewesen, die Debatte trage zu einer Stärkung der DBK bei, aber "jetzt fällt Rom offensichtlich doch wieder in die alten Systeme zurück". Man könne deswegen den Eindruck gewinnen: "Eine päpstliche Schwalbe macht noch keinen vatikanischen Sommer", so Sternberg.
Die Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Mechthild Heil, erklärte, die Praxis habe die theologische Debatte längst überholt. Seit Jahren gingen konfessionsgemischte Paare "in Absprache mit ihrem Pfarrer oder aufgrund eigener Gewissensentscheidungen gemeinsam zur Kommunion".
Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sich mit Dreiviertel-Mehrheit auf eine bisher nicht veröffentlichte Handreichung geeinigt, wonach nicht-katholische Ehepartner im Einzelfall zur Kommunion zugelassen werden können. Sieben Bischöfe um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, darunter auch der Passauer Bischof Oster, baten daraufhin den Vatikan um Klarstellung, ob eine solche Regelung überhaupt von einer einzelnen Bischofskonferenz beschlossen werden kann.
Am 3. Mai reiste eine Bischofsdelegation mit Vertretern beider Richtungen zu Gesprächen nach Rom. Der Vatikan verwies den Konflikt zunächst an die deutschen Bischöfe zurück. DBK-Vorsitzender Kardinal Reinhard Marx äußerte sich zuversichtlich, dass die Bischöfe eine einvernehmliche Lösung finden könnten. Über den am Montag bekanntgewordenen Brief von Erzbischof Luis Ladaria zeigte sich Marx daher "überrascht".
Zu der Handreichung heißt es darin, das Dokument werfe eine Reihe von ungelösten Problemen mit erheblicher Tragweite auf. Laut Ladaria ist Papst Franziskus zu dem Schluss gekommen, "dass das Dokument noch nicht zur Veröffentlichung reif ist". Das Thema betreffe die Kirche als Ganzes und habe auch Auswirkungen auf die ökumenischen Beziehungen zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Zugleich setze der Vatikan weiterhin auf den konstruktiven Dialog der deutschen Bischöfe untereinander.
Auch Marx sieht weiteren Gesprächsbedarf. Zum einen innerhalb der DBK "vor allem auch im Ständigen Rat und in der Herbstvollversammlung", zum anderen mit den entsprechenden Römischen Dikasterien "und dem Heiligen Vater selbst", wie er am Dienstag betonte.
In einem am Mittwoch, 6. Juni veröffentlichten "Nachruf auf eine unsägliche Entwicklung" hat der Ökumenebischof der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Gerhard Feige, den Vatikan kritisiert. Es sei "völlig unverständlich", wie sich Rom im deutschen "Kommunionstreit" verhalten habe. Den Gegnern der von der DBK geplanten, jedoch am Montag vom vatikanischen Glaubenspräfekten Erzbischof Luis Ladaria Ferrer per Brief gestoppten pastoralen Handreichung warf Feige "Doppelmoral" vor.
Es würden "höchste Ansprüche für einen Kommunionempfang" erhoben und sogar dessen Unmöglichkeit behauptet, zugleich aber "unzählige Ausnahmen" erkannt und ohne weiteres toleriert. Der Magdeburger Bischof bezog sich direkt auf die Äußerung des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki.
Dieser hatte am Wochenende erklärt, dass evangelische Ehepartner von Katholiken in Ausnahmefällen die Kommunion erhalten könnten, wobei diese Frage allerdings ausschließlich in den Raum der persönlichen Seelsorge, der geistlichen Begleitung und der individuellen Gewissensentscheidung der Gläubigen gehöre. Pastoral begründete Ausnahmeregelungen dürften jedoch nicht als neue Normen festgeschrieben werden, hatte Woelki erklärt. Entsprechend "einer ungeschriebenen Regel der katholischen Kirche" weise er Betroffene an der Kommunionbank aber nicht zurück.
Feige plädierte im "Nachruf" von Mittwoch dafür, nichtkatholischen Ehepartnern offiziell zu erlauben, "im Einzelfall unter besonderen Umständen nach geistlicher Beratung und individueller Gewissensentscheidung die Kommunion zu empfangen". Mit dieser pastoralen Praxis könne selbst Kardinal Woelki leben, "kämpft aber - für mich nicht nachvollziehbar - dagegen, diese Möglichkeit ins Wort zu heben", so der Vorsitzende der DBK-Ökumenekommission.
Er kritisierte überdies die Haltungsänderung an der Kirchenspitze seit 3. Mai. Beim Gespräch im Vatikan an diesem Tag habe es geheißen, die deutschen Bischöfe sollten in der Kommunionfrage eine "möglichst einmütige" Regelung finden. Einen Monat später sei dieser Auftrag "offensichtlich durch Papst Franziskus selbst" wieder rückgängig gemacht worden. "Die Enttäuschung ist bei vielen groß, der Schaden noch nicht abzusehen", so Feige.
"Opfer" seien vor allem die betroffenen konfessionsverbindenden Ehen und Familien, betonte der Bischof weiter: "Ihnen gilt meine besondere Verbundenheit: Lassen Sie sich nicht entmutigen, bewahren Sie sich Ihre Liebe und Treue, vertrauen Sie der Barmherzigkeit Gottes, und gehen Sie den Weg, den Christus Ihnen weist."
Papst Franziskus sei "eben doch nicht so progressiv, wie viele glauben", kommentierte der Wiener evangelische Theologe Ulrich Körtner am Mittwoch gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) die Causa. Körtner forderte nach der Entscheidung des Vatikan gegen die Handreichung zum Kommunionempfang evangelischer Ehepartner mehr Realitätssinn in der Ökumene. Im Jahr des Reformationsjubiläum habe daran "offenkundig mancherorts gemangelt".
Franziskus habe zunächst selbst dazu beigetragen, dass "die römische Zentralmacht in Frage gestellt wird". Nun ziehe er "die Reißleine und genauso wie seine Vorgänger eine rote Linie, wenn es in lehramtlichen Fragen ans Eingemachte geht". So kehre vielleicht jetzt "nach der anfänglichen Franziskus-Begeisterung, die es auch unter evangelischen Christen gab, endlich wieder die Nüchternheit ein, welche die Ökumene braucht", meinte Körtner.
Im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 seien in Deutschland und weltweit hohe ökumenische Erwartungen geweckt worden, sagte der an der Universität Wien lehrende Theologe: "Viele Hoffnungen richteten sich auch auf Papst Franziskus. Nun hat er den hoch gespannten Erwartungen innerhalb weniger Tage gleich mehrere gehörige Dämpfer versetzt." Auch bei der Audienz mit deutschen Vertretern des Lutherischen Weltbundes am Montag habe der Papst "auf die ökumenische Bremse" getreten.
Roms Entscheidung in der Kommunionfrage bedeute nicht nur für DBK-Vorsitzenden Kardinal Reinhard Marx einen "Gesichtsverlust", so Körtner. Sie sei auch "peinlich" für die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die ganz auf den Münchner Erzbischof gesetzt habe.