Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Chile schickt Papst Franziskus erneut zwei Sondergesandte. Der frühere vatikanische Chefstrafverfolger für Sexualdelikte und maltesische Erzbischof Charles Scicluna sowie der Kirchenjurist Jordi Bertomeu aus der Disziplinarabteilung der Glaubenskongregation sollen in den nächsten Tagen in die chilenische Diözese Osorno reisen, wie der Vatikan am Donnerstag, 31. Mai 2018 mitteilte.
Zweck des Aufenthalts sei, für die Missbrauchsopfer den "Prozess der Wiedergutmachung und Heilung" voranzubringen, erklärte der Leiter des Presseamts, Greg Burke. Zugleich kündigte der Sprecher ein persönliches Schreiben des Papstes an die chilenischen Katholiken an. Der Brief werde dem Vorsitzenden der Chilenischen Bischofskonferenz, Militärbischof Santiago Silva, demnächst übersandt.
Leiter der südchilenischen Diözese Osorno ist Bischof Juan Barros, an dessen Person sich die jüngste Debatte über sexuellen Missbrauch durch Kleriker entzündete. Barros entstammt einem Kreis um den charismatischen Geistlichen Fernando Karadima, der 2011 vom Vatikan wegen sexueller Vergehen an Minderjährigen verurteilt wurde. Barros wird von Opfern beschuldigt, Zeuge der Taten gewesen zu sein, seinen geistlichen Mentor aber geschützt zu haben.
Scicluna und Bertomeu hatten bereits im Februar im Auftrag des Papstes Ermittlungen zum Umgang mit Missbrauchsfällen in Chile unternommen. Ihr 2.300 Seiten starker Bericht führte zur Einbestellung sämtlicher chilenischer Bischöfe in den Vatikan. Nach dem dreitägigen Treffen Mitte Mai boten 29 von 31 Bischöfen ihren Rücktritt an.
Vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals in Chile hat Papst Franziskus sich in einem persönlichen Brief an die Katholiken des Landes gewandt und sie zur Erneuerung des kirchlichen Lebens aufgerufen. Die "Kultur des Missbrauchs" und das "System der Vertuschung" könnten nur durch die Mitarbeit aller beseitigt werden. Dabei bekannte sich der Papst auch zu innerkirchlicher Freiheit und Vielfalt. Eine synodalere und prophetischere Kirche verlange "erneuerte Formen der Teilhabe", so der Papst. Das achtseitige Schreiben wurde am Donnerstag, 31. Mai 2018 von der Chilenischen Bischofskonferenz in Santiago de Chile veröffentlicht.
Die chilenische Kirche begleite den Brief des Papstes mit tiefer Dankbarkeit, ließen die Bischöfe wissen. Sie arbeiteten angesichts der Situation an einem umfassenden Vorschlag, der unter anderem auch eine Reform des Nationalen Rates zur Prävention von Missbrauch und Begleitung von Opfern vorsehe.
In seinem Schreiben stellte Papst Franziskus erneut die sexuellen Vergehen an Minderjährigen durch katholische Kleriker in Zusammenhang mit einem Missbrauch von Macht und Autorität. Die Bildung kleiner Eliten und bestimmte theologische und spirituelle Engführungen machte er für eine "Verödung und Pervertierung" der Kirche verantwortlich. Auch wandte er sich gegen einen Klerikalismus, der das Charisma der Gläubigen "immer kontrollieren und bremsen" wolle.
Die katholischen Christen Chiles rief er auf, "keine Angst zu haben, Protagonisten der Veränderung zu sein, die heute gefordert ist, und kreative Alternativen anzustoßen und voranzubringen". Es gelte Räume zu schaffen, "in denen die Kultur des Missbrauchs und der Vertuschung nicht das beherrschende Schema ist, in denen man Kritik und Hinterfragen nicht mit Verrat verwechselt".
Als ein Hauptversäumnis bezeichnete es Franziskus, den Opfern keine Beachtung geschenkt zu haben. Dies habe zu einer falschen Bewertung der Situation geführt. "Mit Scham muss ich sagen, dass wir nicht zu hören und zeitiger zu handeln verstanden haben", so der Papst wörtlich.
Weiter mahnte Franziskus zu mehr Prävention gegen Missbrauch. Diese Bemühungen riefen vor allem Bildungsinstitute, aber auch Gesundheitseinrichtungen und Universitäten in die Pflicht. Katholische Diözesen müssten dabei mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.
Zugleich nahm der Papst die Katholiken vor einer Generalverurteilung in Schutz. Bei aller Scham über den Missbrauch in seiner ganzen Tragweite wäre es "ungerecht", die katholischen Gläubigen, Ordensleute, Priester und Bischöfe nicht zu würdigen, die "aus Liebe ihr Leben in den entlegensten Gebieten des geliebten chilenischen Landes gegeben haben", so Franziskus.