Vor ein paar Tagen veröffentlichte der Vatikan ein Dokument zum Thema Finanzwirtschaft. Darin werden mehr überstaatliche Kontrolle der Finanzwirtschaft sowie stärkere ethische Elemente in der Kultur der Finanzunternehmen gefordert.
„Das Geld muss dienen und nicht regieren“, heißt es in dem Papier „Oeconomicae et pecuniariae questiones“ (Wirtschafts- und Finanzfragen).
Und weiter ist zu lesen: „Die jüngste Finanzkrise hätte uns die Gelegenheit bieten können, eine neue Wirtschaft zu entwickeln. Eine, die größeren Wert auf ethische Prinzipien legt und die Finanzgeschäfte neuen Regelungen unterwirft, um ausbeuterischen und spekulativen Absichten einen Riegel vorzuschieben und den Dienst an der Realwirtschaft in den Vordergrund zu stellen.
Wenn auch auf verschiedenen Ebenen viele positive Schritte gemacht wurden, die Anerkennung und Wertschätzung verdienen, ist ein Überdenken jener überholten Kriterien, die immer noch die Welt beherrschen, ausgeblieben.“
Einen anderen Weg geht seit 43 Jahren die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Als Pionierin des ethischen Investments verbindet sie ethische Grundsätze mit Wirtschaftlichkeit. In einem Wiener Kaffeehaus treffe ich Bart van Eyk, Mitglied des Vorstands von Oikocredit, um zu erfahren, wie diese Verbindung gelingen kann.
Die Idee für die Organisation kam vor 50 Jahren von den christlichen Kirchen. Welchen Part nehmen diese heute ein?
Sie waren 1975 die offiziellen Gründer und begannen mit den ersten Initiativen. Im Laufe der Jahre spielte immer mehr der private Sektor eine entscheidende Rolle. Das heißt nicht, dass diese Menschen keinen religiösen Bezug haben. Die meisten kommen von der katholischen oder evangelischen Kirche. Sie sprechen nicht nur darüber, Gutes tun zu wollen, sie machen es einfach.
Die Kirchen haben in Europa ein wenig an Einfluss verloren, aber die soziale Idee ist noch immer in den Köpfen der Menschen geblieben. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie nichts tun. Dieser soziale Ansatz überzeugt Menschen, Teil unserer Organisation zu werden.
Aber nur mehr fünf Prozent des investierten Kapitals kommt von den Kirchen selbst, 95 Prozent macht der Privatsektor aus. Zu den rund 600 Direktmitgliedern, die das Stimmrecht auf der Generalversammlung haben, gehören jedoch noch immer auch Kirchen und kirchliche Organisationen. Unsere Mission ist seit der Gründung in 1970er Jahren dieselbe geblieben.
Was ist denn Ihre Mission?
Einkommensschwache Menschen nachhaltig zu stärken. Mikrofinanz ist ein wachsender Sektor und ist notwendiger denn je. Weltweit haben zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zum herkömmlichen Finanzmarkt. Menschen haben Ideen, wie sie ihr Leben verändern können. Oft fehlt ihnen nur ein kleiner Kredit als finanzieller Anschub. Wir geben ihnen ein Darlehen, damit sie es verwirklichen können.
Welches Ziel verfolgen Sie dabei?
Wir sehen unsere Rolle als Impulsgeber, der den sozialen Wandel vorantreibt. Unser Ziel ist es, nicht den Profit, sondern die soziale Wirkung zu maximieren.
Dabei wollen wir gleichzeitig die Umwelt schützen, angemessene Finanzerträge erwirtschaften und eine annehmbare Dividende an unsere Anleger ausschütten. Neben unserem Angebot von Finanzdienstleistungen unterstützen wir besonders kleinbäuerliche Betriebe und investieren in erneuerbare Energie, damit die Menschen unabhängiger von den herkömmlichen Energielieferanten werden.
Sie kommen ursprünglich aus dem kommerziellen Bankwesen. Warum haben Sie die Seiten gewechselt?
Ich war in Peru unterwegs und lernte eine Hilfsorganisation kennen, die ein Mikrofinanzprogramm am Laufen, aber Probleme damit hatte. Als Experte im Bankwesen bot ich meine Unterstützung an.
Aus einer Reise von drei Wochen wurde ein Aufenthalt von sechs Monaten. Das war der Moment, an dem ich dachte, ich verlasse meinen alten Bankjob, um ins Mikrofinanzwesen zu wechseln.
Ich möchte einfach meinen Teil dazu beitragen, dass die Welt eine bessere wird. Ich war anschließend mehrere Jahre als Mikrofinanzunternehmer in Kenia tätig und während dieser Zeit lernte ich Oikocredit kennen.
Diese Organisation ist im Gegensatz zu den kommerziellen Investoren tatsächlich ein sozialer Investor. Unsere Entwicklungsgenossenschaft ist wirklich interessiert, welche Auswirkungen ihre Geschäfte haben. Sie verbringt viel Zeit und Energie damit, ihre Partner zu unterstützen und sie fit für die Zukunft zu machen. Das hat mich einfach in den Bann gezogen und ich habe 2015 Ja zu der neuen Aufgabe bei Oikocredit gesagt.
Wie sehen Sie die Zukunft des Mikrofinanzwesens?
Die Nahrungsmittelproduktion muss in den nächsten 30 Jahren um 70 Prozent gesteigert werden, um die Menschen auf dem Planeten ernähren zu können. Die stärkste Nachfrage wird von Ländern kommen, in denen wir gerade tätig sind. Unglücklicherweise wird die Notwendigkeit unserer Kredite weiterhin gegeben sein, weil die Probleme in unserer Welt so groß sind.
In Wirklichkeit wollen die kommerziellen Banken nichts mit diesen Segmenten zu tun haben, weil ihnen das Risiko zu hoch ist und die Erträge zu gering sind.
Die Entwicklung geht ganz neue Wege, wenn man die Finanztechnologie betrachtet. Viele Menschen, unabhängig davon, wie arm sie sind, haben schon ein Smartphone. Dieser Umstand ermöglicht effektivere und kostengünstigere Finanzlösungen. Menschen bekommen Zugang zu Kredit- und Sparkonten sowie Versicherungspolizzen via Handy.