Freitag 22. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

12.05.2018

Pilgerweg im Kleinformat - Klare Botschaft: „Bleib nicht stehen“

Das Labyrinth ist ein Pilgerweg im Kleinen es führt uns zur Mitte, zu uns selbst und zur Liebe.

 

Das Leben ist ein beständiges Gehen im Labyrinth: Ankommen und aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen. Sich wenden müssen und doch immer weiterkommen“, sagt Gernot Candolini. Er ist Labyrinthbauer, Buchautor und Schulleiter aus Innsbruck.


Heute gibt es eine Wiederentdeckung des Labyrinths. Allein in den vergangenen Jahren wurden in Europa 5.000 bis 6.000 Labyrinthe gebaut. Gernot Candolini ist einer der bekanntesten Labyrinth-Experten in Europa, hat viele Labyrinthe selbst designt und gebaut.

 

„Was macht Labyrinthe so faszinierend? Warum wollen immer mehr Gemeinden, Schulen, Krankenhäuser und Pfarren – auch auf dem Gebiet der Erzdiözese Wien – ihr eigenes Labyrinth?“, möchte ich von ihm wissen.


„Das Symbol des Labyrinthes fasziniert die Menschen: Sie können einfach hineingehen und nachdenken. Niemand schreibt ihnen dabei etwas vor, man geht mit sich selber und empfindet es als guttuend“, schildert Candolini und der Tiroler fügt hinzu: „Der Mensch kann im Gehen sich selber am besten zuhören. Da fängt die Seele an zu reden.

 

Das nimmt ein jeder Mensch dankbar an und dann entsteht die Idee: Können wir nicht einen Labyrinthplatz gestalten, damit dieses Erlebnis für viele Menschen zugänglich wird?“ Damit haben Labyrinthe eine große spirituelle Kraft, die vor allem auch Gläubige anspricht. Damit sind sie im kirchlichen Bereich allgegenwärtig.


Pilgerweg im Kleinformat

Labyrinthe laden zur Einkehr nach Innen ein. „Wenn man durchgeht, kommt aus dem Inneren heraus, was einem gerade beschäftigt. Man kann auch sagen: Labyrinthe sind Pilgerwege im Kleinformat vor Ort“, erklärt Candolini.

 

Im Mittelalter wurden Labyrinthe vor allem in Frankreich und Spanien in die Böden der Kathedralen eingepflastert, um den Gläubigen eine Art Pilgerweg  zu bieten, denn nicht jeder konnte nach Santiago oder nach Jerusalem pilgern.

 

Das Labyrinth ist ein uraltes Kultursymbol mit einer über 5.000-jährigen Geschichte. Ursprünglich hatte es definitiv nichts mit einem Irrgarten zu tun, sondern zeigte immer nur einen, wenn auch verschlungenen Weg zur Mitte.

 

„,Falsch oder richtig?’, ist die ständige Frage der Welt. ,Bleibe nicht stehen!’, ist die Antwort des Labyrinths“, sagt Labyrinth-Experte Candolini.


Die Bereitschaft sich einzulassen

Das meditative Gehen auf einem Labyrinth braucht Zeit und innere Bereitschaft, erklärt Labyrinth-Experte Gernot Candolini: „Man muss sich darauf einlassen.

 

Der Irrgarten stellt die Frage: Geh ich richtig oder geh ich falsch? Das Labyrinth stellt die Frage: Geh ich oder geh ich nicht? Wer geht, kommt an. Wer sich drauf einlässt, kommt zur Mitte“, ermutigt Candolini, der mehrere Bücher zum Thema verfasst hat. 


Auch die Begegnung ist ein großes Thema im Labyrinth: Gehen mehrere Menschen gleichzeitig darauf, begegnen sie einander und lächeln sich oft zu, weiß Candolini aus eigener Erfahrung. „Der Weg zur Mitte ist ein Weg zur Kraft.

 

Der Weg aus der Mitte ist der Weg zur Liebe“, erklärt der Experte. Und: „Christus ist der unablässig Wartende in Leid und Freude, in Nähe und Ferne, am Anfang und Ende jeden Weges.“


Gernot Candolini kam erstmals 2003 bei einer Gartengestaltung in Bad Tatzmannsdorf mit dem Thema Labyrinth in Kontakt. Auf einer Wiese hatte er zu Anschauungszwecken ein Labyrinth ausgemäht, was zu einer Reihe von Begegnungen und Gesprächen führte, „nur weil auf einmal ein Labyrinth da war. Dieses Erlebnis hat sich seither oft wiederholt, auf all diesen vielen Plätzen, wo vorher nichts war und danach ein Ort der Begegnung und Einkehr“, erinnert sich Gernot Candolini.


Sehenswert

Auf dem Wiener Schwarzenbergplatz ist noch bis 3. Juni die Outdoor-Ausstellung „Sharing Heritage: Labyrinths in Europe“ zu sehen. Hier hat man die Möglichkeit, ein Labyrinth aus heimischen Nutzpflanzen zu begehen. Im Außenraum stellen Plakate 40 verschiedene Labyrinthe der europäischen Kulturgeschichte – vom historischen Mosaik bis zur Gegenwartskunst – vor.