Ob sie sich 2015, als die vielen Flüchtlinge nach Österreich kamen, auch persönlich engagiert hat, will DER SONNTAG von der Wiener Pastoraltheologin Regina Polak wissen.
„Ich war zwei Mal am Westbahnhof, habe einige Leute unterstützt, kam mir dabei aber ziemlich hilflos und überfordert vor“, erzählt Polak. „Mein Charisma besteht eher darin, mit geflüchteten Menschen zu sprechen. Ich lasse sie zu Wort kommen und versuche dann, ihre Erfahrungen öffentlich zugänglich zu machen.“
Die Theologin sieht ihre Aufgabe auch darin, zwischen den Zugewanderten und Einheimischen zu vermitteln und eine theologisch-spirituelle Unterstützung dafür zu entwickeln, auch mit Publikationen.
Sie stellt fest: „Ich habe dabei gelernt, dass wir in unseren Breitengraden immer über die eigenen Ängste, aber kaum über die Ängste geflüchteter Menschen sprechen.“
In seinem jüngsten Schreiben „Gaudete et exsultate“ (Nr. 102) sagt Papst Franziskus, dass wir in jedem Fremden Jesus aufnehmen.
Was bedeutet das?
Die Themen „Flucht und Migration“ sind in der katholischen Kirche derzeit „Chef-Sache“. Papst Franziskus legt hier einen besonderen Schwerpunkt. Das heißt aber nicht, dass er etwas Neues erfindet. Denn die katholische Kirche ist eine der ältesten internationalen Institutionen, die sich mit dem Thema Flucht und Migration auseinandersetzt. Das begann in den 1950er Jahren, angesichts der Millionen Flüchtlinge in Europa.
Hinweis der Redaktion: Am 1. Jänner 2017 hat das römische „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ seinen Dienst aufgenommen. Die „Abteilung für Flüchtlinge und Migranten“ leitet Papst Franziskus selbst.
Was heißt das konkret für uns Katholiken?
Wahrnehmen, zuhören, weder ignorieren noch bagatellisieren mit Sätzen wie: „Das ist ein pastoraler Papst, ein politischer Papst – aber mit Theologie hat das nichts zu tun“. Das stimmt schlichtweg nicht: Denn Migration und Flucht sind urbiblische Themen.
Der jüdische und der christliche Glaube sind von Menschen gelernt worden, die Erfahrungen mit Flucht, Verfolgung, Katastrophen hatten. Der ethische Monotheismus ist inmitten von Flucht und Migrationsphänomenen entstanden: Aufbruch, Wanderschaft, Exil, Vertreibung, Verfolgung, Diaspora.
Diese Erfahrungen reflektierend haben Menschen glauben gelernt, daher ist dieses Thema theologisch verpflichtend. Daran erinnert Papst Franziskus.
Gibt es also die eine katholische Antwort auf diese Frage?
Natürlich kann man aus der Bibel nicht unmittelbar politische Antworten auf die heutigen Herausforderungen ableiten. Da gibt es nicht die eine katholische Antwort auf Flucht und Migration. Aber die Bibel stellt Kriterien dafür zur Verfügung: Globale Gerechtigkeit, Einheit der Menschheit, Verantwortung für Arme und Fremde, Anerkennung von Verschiedenheit.
Papst Franziskus lädt auch uns Österreicher ein, uns aktiv an diesen Diskussionen zu beteiligen. In jeder Pfarre, in jeder Diözese müssten Prozesse stattfinden, in denen man sich mit der Fülle der vorliegenden lehramtlichen Texte auseinandersetzt.
Der Papst weiß, dass er darauf angewiesen ist, dass aus den verschiedenen Ländern Rückmeldungen kommen, weil man seine Vorstellungen nicht 1:1 in jedem Land übernehmen kann. Also: Sich Engagieren – und nicht aussitzen und warten, bis die Amtszeit dieses Papstes vorbei ist.
Die Instruktion „Erga migrantes caritas Christi“ sagt schon im Jahr 2004: „Die Aufnahme des Fremden gehört zum Wesen der Kirche selbst und bezeugt ihre Treue zum Evangelium“.
Haben wir Katholiken diese Aussage verinnerlicht?
Leider nein. Aber die Migranten und geflüchteten Menschen geben der Kirche die Möglichkeit, sich wieder an ihr Erbe und ihre Herkunft zu erinnern. Christen verstehen sich von Anfang an (Hebr 11,13; 1 Petr 2,11) als Gäste, als Fremde auf Erden, deren Heimat der Himmel ist. Die Verantwortung für die Fremden gehören konstitutiv zum Kirche-Sein dazu.
Das hat die arme, verfolgte Kirche des Anfangs noch gewusst, ist aber im Zuge der Machterweiterung in Vergessenheit geraten. In der Pastoral haben wir vor allem auf Kirche als Heimat gesetzt.
Es fehlt aber die ebenso wichtige, zweite Seite: Christsein bedeutet auch, immer wieder aufbrechen, unterwegs sein, vermeintliche Sicherheiten in Frage stellen. Im Zusammenleben mit MigrantInnen kann man sich daran erinnern und den Glauben neu vertiefen.
Wie erklären Sie Ihr Modell der „Convivenz“, des Zusammenlebens?
Die Convivenz ist ein auf der nachbarschaftlichen Ebene angesiedeltes Zusammenleben, und beschreibt das Teilen des Lebens, von Freud und Leid und des Alltags.
Sie beschreibt die Bereitschaft, sich auf wechselseitige Lernprozesse einzulassen. Drittens meint es, gemeinsam zu feiern, das man in seiner Kraft für ein gutes Zusammenleben gar nicht überschätzen kann.
Jeder fünfte Katholik in Wien ist ausländischer Herkunft. Was bedeutet das?
Eine unglaubliche Bereicherung und die Möglichkeit zu lernen, in versöhnter Verschiedenheit katholisch zu sein.