Auch wenn der Krieg in der nordsyrischen Metropole Aleppo vorbei zu sein scheint, von Normalität kann noch lange nicht die Rede sein. Das schreibt die polnische Ordensfrau Brygida Maniurka in einem aktuellen Bericht an die "Initiative Christlicher Orient" (ICO), der "kathpress vorliegt. Sie sei zwar grundsätzlich optimistisch, so die Ordensfrau. Doch die Menschen in Aleppo bräuchten noch einen langen Atem und vor allem auch Hilfe von außen.
Maniurka: "Die Welt glaubt, dass der Krieg in Aleppo schon vorbei ist und die Leute nach Hause und in die Arbeit zurückkommen sollen. Aber sehr oft gibt es hier kein Haus mehr, keine Werkstatt, keine Gesundheitseinrichtung und ähnliches mehr." Rund um Aleppo herrsche zum Teil auch immer noch Krieg. Deshalb gebe es auch keine größeren Investitionen in die Wirtschaft und daher riesige Arbeitslosigkeit. Die Menschen bräuchten weiterhin jeden Monat Unterstützung, im über die Runden zu kommen.
Vor kurzem seien in den Außenvierteln von Aleppo wieder erbitterte Kämpfe geführt worden, berichtete die Ordensfrau: "Gerade während ich dieses Mail schreibe, höre ich nicht weit von hier Schüsse."
Ein Riesenproblem sei die medizinische Versorgung, vor allem auch für Kinder. 2017 hätten die Franziskanerinnen finanzielle Unterstützung aus Polen bekommen, dem Heimatland Maniurkas. "Damit konnten wir die medizinische Behandlung von Kindern nicht nur in Aleppo, sondern auch in anderen Städten in Syrien bezahlen."
2018 sei allerdings bislang kein Geld geflossen "und keine Organisation hilft uns in diesem Bereich". Viele Eltern kämen in die Pfarre der Franziskanerinnen und würden um Hilfe bitten, "und oft gehen sie weinend zurück, weil wir ihnen keine Unterstützung für ihre Kinder geben konnten, und ich weine mit ihnen".
Zu den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Aleppo berichtete die Ordensfrau, dass ihr Kloster in einem Stadtviertel liegt, das zu 99 Prozent muslimisch sei. "Seit sechs Jahren leben in unserem Kloster fünf muslimische Familien, die ihre Häuser verloren haben. Und im Kloster haben wir einen Studentenwohnheim eingerichtet, das derzeit ausschließlich von 25 Muslimen bewohnt wird." Eine Mitschwester leite zudem einen Workshop für Frauen, der sowohl von Christinnen als auch Muslimas besucht wird. Alle bräuchten Hilfe, so Maniurka.
Freilich habe es schon auch vor dem Krieg fundamentalistische muslimische Gruppen gegeben. Die wären aber letztlich politisch motiviert gewesen und wollten die Assad- Regierung stürzen. In ihrer sozialen Arbeit in Aleppo gebe es für die Christen derzeit jedenfalls keine Behinderungen aufgrund ihrer Religion, berichtete die Ordensfrau.
Sie bekräftigte auch den allgemeinen christlichen Standpunkt im Land: Die Alternative zur Assad-Regierung wären nur islamistische Fundamentalisten, die der christlichen Minderheit im Land jede Lebensgrundlage entziehen würden.
Die Franziskanerinnen wollen heuer vor allem die Menschen dabei unterstützen, beruflich wieder Fuß zu fassen und beispielsweise kleine Geschäfte oder Handwerksbetriebe zu eröffnen. "Damit sie wieder auf eigenen Füssen stehen und ein Leben in Würde führen können." Das sei letztlich auch die einzige Chance, weitere Auswanderungswellen von Christen zu verhindern, unterstrich die Ordensfrau.
Das Kloster der Franziskanerinnen liegt im westlichen Teil der Stadt, der nicht so stark von den Kampfhandlungen betroffen war. Zur Gemeinschaft in Aleppo zählen fünf Schwestern. Die Ordensfrauen werden in ihrer sozialen Arbeit von der "Initiative Christlicher Orient" unterstützt.