Die Debatte um den Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung dauert an: Der Münchner Weihbischof Wolfgang Bischof erklärte dazu, das Kreuz sei kein Symbol für Bayern "und erst recht kein Wahlkampflogo". Vielmehr sei es eine Verpflichtung dazu, in der Nachfolge Jesu Christi zu handeln. Es habe mehrere Tage gedauert, dass Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eingeräumt habe, dass es sich beim Kreuz um ein religiöses Symbol handle, schrieb Bischof in einem Beitrag für die München-Ausgabe der "Bild"-Zeitung am Samstag, 28. April 2018. Doch viel wichtiger scheine dem Politiker die "bayerische Identität" zu sein.
Söder bringe das Kreuz zwar mit "christlichen Werten" in Verbindung, räumte der Weihbischof ein. Doch: "Wer im Geist des Kreuzes handeln will, der muss die Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns stellen, und zwar besonders die Menschen in Not." Konkret bedeute dies, so Bischof, etwa für Pflegebedürftige und Kranke einzutreten und in der Flüchtlingspolitik die Menschenwürde an die erste Stelle zu rücken. Auch heiße dies, Familien so zu fördern, dass alle Kinder eine gute Perspektive hätten. "Und im Sinne der Glaubwürdigkeit wäre es übrigens angebracht, erst einmal mit Taten zu überzeugen, bevor man medienwirksame Symbolpolitik folgen lässt", so Bischof.
In einem Interview mit dem "Straubinger Tagblatt" (Wochenendausgabe) konkretisierte Söder indes seine Regierungserklärung zum Kreuzerlass. "Natürlich ist das Kreuz in erster Linie ein religiöses Symbol", räumte er ein. "Aber im Symbol des Kreuzes bündelt sich auch die Grundidee eines säkularen Staates. So steht es auch in der bayerischen Verfassung und ist es durch Rechtssprechung der Verfassungsgerichte akzeptiert." Menschenwürde, Nächstenliebe, Toleranz seien Grundwerte des Christentums und "unserer Werteordnung". Daher habe das Kreuz "auch mit tiefgreifender Prägung und der Identität unseres Landes zu tun".
In den bayerischen Gerichten und Schulen gebe es bereits Kreuze, erklärte Söder. Dann könne es nicht falsch sein, sie auch im Eingangsbereich von Behörden aufzuhängen. Sogar die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, habe das begrüßt. "Da ist es schon erstaunlich, dass manch einer innerhalb der Kirche dies problematisch sieht", meinte der Ministerpräsident. Die Frage, ob sich die CSU damit nicht nur bei christlichen Wählern anbiedern wolle, beantwortete Söder mit nein.
Der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), befürwortete den bayerischen Kreuz-Erlass. Der Weg von Ministerpräsident Söder sei richtig, sagte Weber der "Mittelbayerischen Zeitung" (Freitag). "Ich glaube: Die Väter und Mütter des Grundgesetzes und der bayerischen Verfassung würden angesichts der aktuellen Kreuz-Debatten den Kopf schütteln." Sie seien nach der NS-Zeit zu dem Schluss gekommen, dass ein Volk nur dann eine gute Zukunft haben könne, wenn es sich seiner Wurzeln bewusst sei, so der Politiker. "Jeder, der die christliche Prägung unseres Landes negiert, müsste auch konsequenterweise sagen, ich schaffe christliche Feiertage ab."
FDP-Chef Christian Lindner sieht dagegen eine Profanierung des Kreuzes gegeben. Söder habe das Kreuz zu einem kulturellen Symbol erklärt "und damit von seiner christlichen Bedeutung getrennt". Gläubige Christen müsse es empören, "dass er aus ihrem Symbol ein Symbol des Staates macht", so der Politiker in der "Passauer Neuen Presse" (Samstag).
Auch in Österreich sorgt der Erlass für Diskussionen. In einem in den sozialen Medien viel beachteten Beitrag auf der theologischen Feuilleton-Website "feinschwarz.net" erinnerte der Innsbrucker Professor für Pastoraltheologie, Christian Bauer, an den ersten Hirtenbrief des Würzburger und späteren Münchner Bischofs, Kardinal Julius Döpfner, aus dem Jahr 1948. Dort heiße es - so Bauer im Pathos der unmittelbaren Nachkriegszeit: "Die Liebe des Gekreuzigten drängt uns auch zur helfenden [Schwester- und] Bruderliebe. [...] Ohne den Geist echter Liebe sind alle Maßnahmen des Staates und der Kirche nutzlos. Ohne wahres Verstehen und selbstloses Helfen im Kleinen und Großen wird die Flüchtlingsfrage eine lebensgefährliche Wunde für alle, die von gewissenlosen Hetzern bewusst verschlimmert wird. Um des Gekreuzigten willen beschwöre ich Euch: Lasst den Herrn in den notleidenden [Schwestern und] Brüdern nicht vergeblich rufen. Sonst entfernt das Kreuz von allen Wänden, holt es von allen Türmen; denn es ruft das Gericht über ein Land, das sich christlich nennt und das Gesetz der Selbstsucht und des Hasses erfüllt."
Bauers kritische Anmerkung dazu: Söder "stellt seinen christlichen Glauben gerne ins Schaufenster der Politik". Vielleicht sollte sich der Ministerpräsident "nicht nur ostentativ eine Bibel auf den Schreibtisch legen", sondern auch einmal diesen Hirtenbrief des Konzilsmoderators Döpfner nachlesen.
Die Mehrheit der Deutschen will laut einer Umfrage keine Kreuzpflicht für Behörden. 64 Prozent seien dagegen, dass in jeder staatlichen Behörde in Deutschland ein christliches Kreuz aufgehängt werden müsse, so eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid für die Zeitung "Bild am Sonntag" am 29. April 2018. Für ein verpflichtendes Kreuz seien 29 Prozent; 7 Prozent seien unentschieden gewesen oder hätten keine Angabe gemacht.
Auch unter Katholiken überwiegt laut Umfrage die Ablehnung: 48 Prozent seien gegen und 38 Prozent für eine Verpflichtung, in allen staatlichen Behörden Kreuze aufzuhängen. Unter Protestanten seien 62 Prozent dagegen und 34 Prozent dafür. Befragte anderer Konfessionen und Konfessionslose lehnen den Angaben zufolge solch eine Maßnahme mit einer deutlichen Mehrheit von 87 Prozent ab.