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26.04.2018

Das Buch, das für Aufregung sorgt...

Bischof Hermann Glettler Bischof hat mit dem Grazer Psychiater Michael Lehofer ein ungewöhnliches Jesus-Buch geschrieben.

Die Diözese Innsbruck ist kleiner und überschaubarer als die Diözese Graz-Seckau, von der ich komme, aber die großen Herausforderung unserer Zeit gleichen sich“, sagt Bischof Hermann Glettler zum SONNTAG.


„Ich bin viel unterwegs, habe mit einer systematischen Besuchstour in den 16 Dekanaten der Diözese begonnen“, erzählt Glettler. Was der Steirer über das sprichwörtliche „heilige Land“ Tirol sagt? „Es gibt in Tirol noch eine starke traditionelle Verbundenheit mit der Kirche, die zumindest als Schale hält. Aber es geht jetzt darum, diese mit neuer Lebendigkeit zu füllen.“ Auch in die Berge
wollte Glettler schon gehen, aber: „Da kam ein Buch dazwischen, das ich mit meinem Freund Michael Lehofer trotz der Bischofsernennung schreiben wollte“, schmunzelt er. „Eine Schitour habe ich allerdings schon gemacht. Es ist toll, wenn man vor der Haustür wunderbare Berge hat.“


Wie ist diese Idee zum Buch entstanden? Offensichtlich pfegen Sie schon eine lange Freundschaft?


Glettler: Wir kennen uns schon lange und stoßen in unseren Überlegungen immer wieder auf sehr existentielle Fragestellungen. In unseren Gesprächen geht es oft um Spiritualität, um einen lebensrelevanten Glauben und nicht selten auch um Jesus. Der Auslöser für das Buch war ein Sonntagsevangelium im September des Vorjahres.


Lehofer: Es war das Evangelium, in dem Jesus eine kanaanäische Frau mit Hunden unter dem Tisch vergleicht, ein einigermaßen aggressiver Zugang. Da hat Hermann zu mir gesagt: „Schreiben wir doch ein Buch über den unbequemen Jesus.“ Und er hatte die Idee, dieses Buch „Die fremde Gestalt“ zu nennen. Unser Ziel war, das vertraute Jesus-Bild einmal hintanzustellen und uns mit jenen Texten zu konfrontieren, die nicht gleich unseren Vorstellungen entsprachen.


Inwiefern „menschelt“ Jesus im Vollsinn des Wortes, wie Sie schreiben? Warum ist das die „unterschätzte Frohe Botschaft“?


Lehofer: Wir neigen einerseits in den christlichen Kirchen dazu, Jesus zu überhöhen. Auf der anderen Seite wird immer wieder betont: Gott ist Mensch geworden. Das habe ich an unserem gemeinsamen Buchprojekt so geschätzt, dass wir uns wirklich dem gestellt haben, dass Jesus auch Mensch ist. Das ist das Wertvolle an der christlichen Botschaft: Dass Gott wirklich, total Mensch geworden ist. Wir lesen in den Evangelien: Jesus hat sich geärgert, Jesus ist zornig geworden. Aber er hat dann immer wieder sein Herz geöffnet. Insofern ist er uns ein Vorbild. Wir haben auch alle diese Eigenschaften, aber wir öffnen oft nicht unser Herz.


Die Jesus-Botschaft ist eine Ermutigung zur Herzens-Öffnung, man könnte es als Liebe bezeichnen. Im Christentum heißt es: Gott ist die Liebe. Jesus ist für uns ein großes Vorbild als Liebender, dem wir nachfolgen können – in jeder Beziehung.


Warum ist die Liebe, wie Sie schreiben, „ein Wachstumsfaktor“?


Lehofer: Aus meiner Sicht ist Liebe kein Gefühl, sondern das Empfinden einer tiefen Verbundenheit und hat andere neurobiologische Wurzeln als die Gefühle. Sie ist ein Grundfaktor für die Herzensruhe, die wir brauchen, damit wir entsprechend handeln. Insofern ist Liebe ein Wachstumsfaktor. Wenn wir uns geliebt fühlen, können wir in die eigene Größe hineinwachsen, uns also entwickeln.

 

Warum ist Jesus „eine fremde Gestalt“?


Glettler: Meine Eltern haben mich in den Glauben eingeführt, durch den Religionsunterricht habe ich ein sehr inniges Verhältnis zu Jesus bekommen. Den richtigen Aufwecker habe ich jedoch mit 15 Jahren erlebt, als ein Priester uns das Herausfordernde, das Provozierende und Aufregende der Person Jesus vor Augen gestellt hat. Diese Aspekte waren für mich bis dahin fremd. Die Balance zwischen dem Vertrauten und dem Fremden ist entscheidend – das gilt für jede menschliche Beziehung, aber auch für die Wahrnehmung von Jesus. Wenn alles vertraut erscheint, dann kann eine Beziehung banal werden. Es gibt nichts Unerwartbares mehr, Langeweile und Ermüdung können sich einstellen.


Außerdem können wir Gott ohnehin nie ganz fassen, nie ganz begreifen. Das Geheimnisvolle und Überraschende an Gott lässt sich nicht auflösen. Wir verfügen nicht über Gott – das wäre eine grobe Anmaßung.


Die Person Jesus betreffend kommen wir oft aus einem kleinen, kindlichen Format nicht heraus. Jesus ist jedoch die faszinierendste und wichtigste Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte – mit vielen Facetten, die uns unbekannt, fremd und überraschend erscheinen. Mit dem Buch möchten wir viele Leser anregen, eine persönliche Beziehung zu Jesus aufzubauen oder zu verlebendigen.

 

Glettler: Der Ausgangspunkt der 12 Grafiken waren katechetische Bilder aus dem 19. Jahrhundert. Durch das Ausnehmen von zentralen Stellen, meist Kreissegmente, wird ein nochmaliges Hinschauen provoziert: Wenn das Vertraute fehlt, wird vielleicht der kreative Blick des Betrachters stimuliert. Ich möchte die üblichen Jesus-Bilder intensivieren.


Warum ist es „eine Sünde, nicht an Gottes Barmherzigkeit zu glauben“, wie Papst Franziskus sagt?


Glettler: Die bekannte Frage lautet: Was ist die Sünde gegen den Heiligen Geist? Papst Franziskus hat meiner Meinung nach die beste Antwort gegeben: „Die Sünde gegen den Heiligen Geist bedeutet, nicht an Gottes Barmherzigkeit zu glauben.“ Denn Barmherzigkeit ist seine innerste Gestalt, seine Herzmitte. Diese abzulehnen, verunmöglicht es Gott, in unserem Leben zu wirken. Jesus ist Gottes Barmherzigkeit in Person. Wie er gelebt hat, wie er Menschen integriert und in eine tiefe Einheit mit sich und Gott geführt hat und vor allem auch, wie er die vielfältigen Verhärtungen einer vermeintlichen Gesetzestreue aufgedeckt hat. Es gibt so viele Stellen im Evangelium, die zeigen, dass Gottes Gesetz durch die Barmherzigkeit im Übermaß erfüllt wird. Zugleich ist die Barmherzigkeit auch subversiv, weil sie die absolute Maßgabe des Gesetzes unterläuft. Bei Jesus finden sich Passagen, wo er das Gesetz bricht und damit provoziert, auch wenn er dann wieder behauptet: Ich bin gekommen, um zu erfüllen. Diese Spannung in der Person Jesu ist äußerst interessant.


Wie leben Sie Barmherzigkeit?


Lehofer: Für mich ist Barmherzigkeit ein Ausdruck der Anarchie von Liebe. Der barmherzige Gott ist die Verheißung der Anarchie der Liebe, weil die Liebe gegenüber allen unseren Regeln immer anarchisch ist. Auf gut österreichisch gesagt: „Die Liebe schert sich um nichts.“ Das befreit ungemein. Wir müssen uns natürlich gewissen Regeln unterwerfen, denn nur so wird ein gesellschaftliches Zusammenleben ermöglicht. Aber darüber hinaus hat die Liebe immer die Möglichkeit, alles aufzulösen.


Papst Franziskus sagt: „Wenn bei einem Menschen nur die Sehnsucht da sein sollte, das alles verziehen ist, dann ist es von Gott schon verziehen.“ Das ist ein großartiges Bild für Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit zeigt in unserem Leben, dass alles gut werden kann, wenn etwas passiert ist.


Wann ermöglicht die Kirche Begegnungen mit Jesus und wann blockiert sie diese?


Glettler: Im Evangelium von der Heilung der blutfüßigen Frau verstellen die Leute den Zugang zu Jesus. Die sehnsuchtsvoll auf Heilung Wartende kommt nicht durch. Das passiert sehr oft durch eine gewisse religiöse Praxis, die dem inneren Kreis vertraut ist, aber Suchende ausschließt. Menschen, die eine Sehnsucht nach Jesus haben, können durch ein falsches kirchliches Getue abgeschreckt werden. Das heißt, wir sind bisweilen in Gefahr, den Zugang zu Jesus zu verstellen. Aber, um nicht pauschal zu urteilen: Kirche versucht in vielfältiger Weise und an vielen Orten, eine Begegnung mit Jesus zu ermöglichen. Sei es durch lebendige Gottesdienste, eine lebensrelevante Verkündigung des Wortes Gottes – oder im Engagement für Menschen, denen es nicht gut geht, die zu kämpfen haben, die leiden.


Wenn Leute in der Kirche vom Geist Jesu inspiriert sind, dann sind sie Türöffner: Durch ihr Verhalten und ihre Freundschaft, ihre Freude und Zivilcourage erleben Menschen etwas von Gottes Barmherzigkeit.