Die Leiterin des Pastoralamts der Erzdiözese Wien, Veronika Prüller-Jagenteufel - sie wird ab Herbst für die Caritas St. Pölten tätig sein - hat in einem Interview für die "Wiener Zeitung" (Oster-Ausgabe) am Samstag, 31. März 2018, der jüngst medial geäußerten Kritik widersprochen, die Caritas sei ein "Sozialkonzern", den man "gesundschrumpfen" müsse. "Ich hoffe nicht, dass die Caritas schrumpft. Aktuell ist es ja einer der kirchlichen Bereiche, der wächst - auch und besonders an ehrenamtlichen Mitarbeitern. Und ich finde es großartig, dass sie als große kirchliche Organisation vielen Menschen, die vielleicht nicht so explizit kirchlich sind, eine Möglichkeit zum persönlichen Engagement gibt", so die Wiener Theologin.
Sie betonte, dass sie die Caritas auch nicht als Sozialkonzern bezeichnen würde. Die Caritas sei jedoch "eine sozialpolitische Lobbyorganisation innerhalb der Kirche".
Prüller Jagenteufel erinnerte, dass "Caritas" weiter gesehen werden müsse: "Sie ist eine Aufgabe nicht nur von Katholiken und nicht nur für Katholiken. Übrigens ist es auch dem guten Zusammenspiel zwischen der Caritas, den Pfarren und der Gemeinde Wien zu verdanken, dass es im heurigen Winter in Wien keinen einzigen Kältetoten gegeben hat."
Die Breite des Aufgabenfelds führe dazu, dass man sich Gedanken darüber machen müsse, wie der kirchliche Auftrag zum Ausdruck komme: "Wo wird nach außen hin klar, dass wir das, was wir tun, aus einem christlichen Menschenbild heraus machen? Das ist eine Herausforderung, vor der Organisationen wie die Caritas genauso stehen wie Ordensspitäler. Und man kann der Caritas nicht vorwerfen, dass sie sich nicht damit auseinandersetzt."
Für die Caritas wird Prüller-Jagenteufel in St. Pölten als theologische Referentin und in der direkten Seelsorgearbeit mit Demenzkranken tätig sein. Sie zog im "Wiener Zeitung"-Interview auch Bilanz ihrer Zeit als Pastoralamtsleiterin.
Diese Bilanz ist ihrer Meinung nach positiv: "Ich glaube, dass es uns wirklich gelungen ist, für einen gewissen Aufbruch zu sorgen. Manche würden vielleicht sagen: für viel Wirbel - aber auch das tut manchmal gut. Es gibt viel Auseinandersetzung mit der Grundfrage: Wozu sind wir als Kirche da? Was heißt Christsein für uns? Wie kommen wir mehr in die Tiefe, in die intensive Beziehung zu Gott, und wie in die Breite, also mit anderen Menschen in Kontakt?"
Ihr Team habe zwei Pfarrgemeinderatswahlen erfolgreich durchgeführt, begleite die diözesane Strukturreform und arbeite im Reformprozess mit den Pfarren und auch intern immer besser zusammen. "Wir haben auch einen neuen Qualitätsrahmen für die Liturgie geschaffen, wir begleiten eine steigende Anzahl von Erwachsenen, die sich taufen lassen wollen", so Prüller-Jagenteufel.
Sie bekannte dabei eine zu große Ungeduld ihrerseits: "Gerade so eine große Organisation wie die katholische Kirche ist komplex und schwerfällig. Ich bin eine eher ungeduldige Frau und habe mir manches Mal gewünscht, es könnte schneller gehen, klarer sein, mit mehr Bewegung verbunden. Zugleich habe ich gelernt, dass es keinen Sinn macht, etwas zu übereilen, wenn nicht alle mitkönnen. Es braucht einfach viel Geduld."
Es gebe in der Kirche eben "noch immer viele feudale Denk- und Bewusstseinsformen, wir sind in manchen Dingen schrecklich bürokratisch". Doch dann gebe es wieder "ganz viel Lebendigkeit und Aufbruch in den Gemeinden; Kirche ist jedenfalls ein sehr komplexes Gebilde".
Man müsse damit leben, dass "in unserer Gesellschaft tendenziell die Gruppe jener Menschen, die ein explizit christliches Leben im Rahmen der Kirche führen wollen und dafür auch ihren Mitgliedsbeitrag zahlen, eher kleiner als größer" werde. Aber es gebe auch Gegentrends, und einer sei die Anziehungskraft Papst Franziskus'. Sie kenne Menschen, die wegen ihm wieder zur Kirche gekommen oder nicht ausgetreten seien.
Ebenfalls sei eine neue Anziehungskraft der Kirche im Zuge der großen Flüchtlingswelle entstanden, "als in den Pfarren viele Menschen neu aufgetaucht sind, die geholfen haben". Da seien auch neue Beziehungen zur Kirche entstanden.
"Ich habe das Gefühl, dass nach einer langen Phase des Lamentierens und der Lethargie sich das jetzt wieder in ein neues Selbstbewusstsein zu wandeln beginnt: Ja, wir sind eine kleiner werdende Gemeinschaft, aber wir haben den Menschen immer noch ganz viel zu bieten", fasste Prüller-Jagenteufel zusammen.
Befragt zu den neuen Strukturen in der Diözese meinte die Theologin, die jetzt eingerichteten "Pastoralen Räume", in denen die Pfarren zusammenarbeiten und zusammenwachsen sollen, benötigten Teams. Diese müssten nach und nach entstehen. "Dazu braucht es in aller Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten gemeinsame Ziele und gemeinsame Formen, Spiritualität zu leben. Je persönlicher der Austausch auf der geistlichen Ebene ist und je klarer das Ziel ist, desto besser kann auch ein heterogenes Team zusammenwachsen."
Dies sei allerdings eine große Herausforderung: "Teamentwicklung sowie die Begleitung der Teams wird der große Schwerpunkt der nächsten Jahre sein."