An einem Montag im Jahr 2012. Ich, in meinen besten Teenagerjahren, sitze im Wohnzimmer, möchte einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen, doch ständig läutet es an der Tür und neue Menschen kommen ins Haus. Um die zehn Personen, Gesichter, die ich zuvor noch nie gesehen habe und bei denen ich mich umso mehr wundere, was sie überhaupt hier wollen.
Nachdem sie gemeinsam gegessen haben, werde ich freundlich aber doch bestimmt aus dem Wohnzimmer gebeten, denn die „Erwachsenen“ wollen sich einen Vortrag anschauen. Mit widerwilligem Murren räume ich meinen Platz, nur um von meinen Eltern zum Bleiben eingeladen zu werden. Ich könne ja gerne mitschauen. Naja, probieren kann ich es ja mal, vielleicht ist der Vortrag ja spannend, auch wenn ich es schwer bezweifle. Fünf Minuten später bin ich mir sicher, mein erstes Gefühl hat mich nicht getäuscht, ich stehe auf und gehe in mein Zimmer. Einen Vortrag per VHS-Kassette in einem Stil, der nicht mal in den 90ern hip war, zum Thema „Wer ist Jesus?“ ist dann doch zu viel des Guten. Und das soll die nächsten zehn Montage so weitergehen?! Na Oida!
Das war vor beinahe fünf Jahren meine erste Begegnung mit einem Alpha-Kurs, oder kurz Alpha. Jetzt sitze ich hier, habe meinen vierten Alpha hinter mir und schreibe diesen Artikel. Was ist hier nur schiefgelaufen?
Nachdem ich den ersten Alpha-Kursen bei uns zu Hause nur als ferner Zuseher beigewohnt hatte und ich mittlerweile in Wien wohnte, ließ ich mich unter großer Anstrengung meiner Eltern tatsächlich dazu überreden, selbst bei einem Jugend-Alpha teilzunehmen. Als Student wurde ich mit dem Köder „Gratis Abendessen“ gelockt und hab ihn wortwörtlich geschluckt. Essen kann ja nie schaden.
Ich hatte eigentlich mit ein bisschen Nudelsalat gerechnet. Aber Woche für Woche waren das richtig gute Sachen, wie Curry, Chili oder Hühnchen. Die Leute? Die waren auch recht akzeptabel und überraschend normal. Die Vorträge nach dem Essen über Themen wie „Hat das Leben mehr zu bieten?“, „Wie widerstehe ich dem Bösen?“ oder „Heilt Gott noch heute?“ waren auch ok, am besten war jedoch die Diskussion danach.
Ich fand es cool, auch mal mit Leuten zu reden, die mit Glaube oder Kirche eigentlich noch nicht viel zu tun hatten, und daher oft einer ganz anderen Meinung waren als ich. Jede Meinung wurde ernst genommen und nicht, wie man es vielleicht von der Kirche glaubt, mit dem „Wahrheitshammer“ draufgeschlagen. Und nachdem man Woche für Woche mit denselben Personen diskutierte, erreichten die Gespräche ein echt ansprechendes Niveau. Es wurde nicht nur an der Oberfläche gekratzt und alte ausgelutschte Themen wie „Warum darf ein Priester nicht heiraten?“ diskutiert. Worum geht's wirklich im Leben?! Warum sind wir überhaupt auf dieser Welt? Auch wenn ich es damals nicht zugeben wollte, aber diese zehn Abende hatten mich echt beeindruckt. Alpha war doch nicht so lahm, wie ich gedacht hatte.
Zwei Jahre später, Winter 2015, in der Zwischenzeit haben meine Eltern mit ungebremster Begeisterung den gefühlt 30. Alpha-Kurs geleitet, habe ich ganz unbedacht vor dem Priester meiner Gemeinde den Gedanken geäußert: „Wir könnten doch für die Neuen bei uns Alpha organisieren?!“ Woraufhin er vollen Ernstes trocken geantwortet hat: „Na, dann mach doch!“
Warum auch immer, vermutlich waren es die Schmeicheleien für mein Ego, mit 20 Jahren so ein Projekt zugetraut zu bekommen, habe ich Ja gesagt und bin so zum Handkuss gekommen. Kurze Zeit später sitze ich im Flieger Richtung London und bin auf dem Weg zur Run-Alpha Konferenz in der HTB Church London, dem Ursprungsort von Alpha, um zu erfahren, wie man einen Alpha-Kurs startet.
Was ich dort erlebe und erfahre, ist beeindruckend. Über 30 Millionen Leute weltweit haben Alpha-Kurse besucht und jedes Mal das gleiche Schema erlebt: Essen, Vortrag, Austausch. Es ist so einfach, dass Alpha in Bars, der eigenen Wohnung oder sogar in Gefängnissen organisiert wird. Dann kann das auch bei uns nicht schwer sein. Nur zwei Wochen danach starten wir mit 20 Leuten einen neuen Kurs und – was soll ich sagen? – es ist nahezu unglaublich, was ich erleben durfte und gelernt habe.
Mittlerweile habe ich den dritten Kurs mit mittlerweile 50 Teilnehmern geleitet. Jeder Einzelne war besonders, einzigartig und eine unbezahlbare Erfahrung. Ich habe kochen und backen gelernt, habe Vorträge gehalten, wahnsinnig gute Gespräche bis tief in die Nacht geführt, mit Menschen, von denen ich mir keine solche Tiefe erwartet habe, Freundschaften fürs Leben geschlossen, viel Stress gehabt, mein Organisationstalent entdeckt und eine Mega-Gaudi gehabt.