Die katholische Kirche in Österreich hat die rund 300.000 während der Nazi-Ära Ausgetretenen ebenso heftig umworben wie die Parteien der Zweiten Republik die ehemaligen NSDAP-Mitglieder: Eine der Überraschungen bei ihren Recherchen über den Umgang der Kirche mit dem Nationalsozialismus nach 1945 sei gewesen, dass Rückkehrwilligen in die Glaubensgemeinschaft keinerlei Buße oder Selbstkritik in Bezug auf ihr Agieren während der NS-Zeit auferlegt wurde, sagte die ORF-Redakteurin und promovierte Kirchenhistorikerin Eva Maria Kaiser am Mittwochabend vor katholischen Publizisten. Eine kurze Glaubensunterweisung während einer dreimonatigen Bewährungszeit sei die einzige Hürde für den Wiedereintritt gewesen; Hauptkriterium sei kirchenrechtliche Konformität gewesen.
"Hitlers Jünger und Gottes Hirten": Unter diesem Titel ist die ein brisantes Thema behandelnde Dissertation Kaisers, der stellvertretenden Vorsitzenden des "Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs", kürzlich als Buch erschienen. Die komprimierte Version ihrer vom Erzbischof-Rohracher-Studienfonds der Erzdiözese Salzburg ausgezeichneten Doktorarbeit stellte sie anlässlich des Gedenkjahres 2018 im neu gestalteten "Club Stephansplatz 4" der Erzdiözese Wien vor. Kaiser recherchierte für ihre fundierte Analyse in allen österreichischen Diözesanarchiven und musste dabei - wie sie berichtete - auch manche Skepsis dahingehend überwinden, ihre Durchsicht alter Dokumente und Briefe könnten wenig Schmeichelhaftes für die Kirche zutage fördern.
Und so war es auch. Der letzte, resümierende Satz in Kaisers Buch lautet: "Dem Einsatz der katholischen Amtskirche für die 'Ehemaligen' haftet - bei aller guten theologischen und gesellschaftspolitischen Absicht - ein schaler Nachgeschmack an, der durch die Würdigung der NS-Opfer auch in den eigenen Reihen erst Jahrzehnte später gemildert wurde." Wie die Journalistin aufzeigte, beförderten die kirchlichen Verantwortungsträger - durchaus im Einklang mit der politischen Führung in der Nachkriegszeit - den österreichischen "Opfermythos", also die Darstellung, dass Österreich erstes Opfer, schlimmstenfalls "verführt" von der Ideologie und nicht Mittäter des Nazi-Furors war.
Einer der kirchlichen Hauptakteure war laut Kaiser Andreas Rohracher, von 1943 bis 1969 Erzbischof von Salzburg. Seine Handschrift trage der Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe vom 21. September 1945, der im Vergleich mit der Bischofskonferenz in Deutschland oder mit dem selbst wegen seines Stillschweigens gegenüber den Nazis kritisierten Papst Pius XII. allzu harmonisierend wirke. Themen wie Krieg, Nationalsozialismus oder die Schuldfrage seien nur am Rande angesprochen worden. Die Bischöfe hätten vielmehr auf das christliche Verzeihen sowie den Verzicht auf jegliche Form von Rache gepocht, zugleich nahmen sie mit Milde-Appellen zur staatlichen Entnazifizierung Stellung - nur schwere Verbrecher sollten bestraft, NS-Mitläufern hingegen sollte verziehen werden. Es habe Versöhnung um den Preis des Wegschauens gegeben.
Kritik übt Kaiser in ihrem Buch auch an der "schmerzlichen" Tatsache, "dass die Verfolgung und systematische Ermordung der Juden weder im gemeinsamen Hirtenbrief des Episkopats noch in den Nachkriegsschreiben der einzelnen Diözesanbischöfe ein klares Wort der Verurteilung oder auch nur des Bedauerns finden".
Gegenüber "Kathpress" betonte die Journalistin, es liege ihr fern, aus heutiger zeitlicher Entfernung den Stab der moralischen Entrüstung über die in der Nachkriegszeit Verantwortlichen zu brechen. Aber schon damals habe es manch emotionale Äußerung von zurückgekehrten KZ-Priestern gegeben, die sich eine andere Haltung ihrer Bischöfe gewünscht hätten.
Unter den Zuhörern im Club Stephansplatz 4 war mit dem Wiener Kirchenhistoriker Prof. Rupert Klieber auch der Doktorvater Kaisers. In der Diskussion verwies er auf die harte antiklerikale Linie der Nationalsozialisten. Wären sie gegenüber der katholischen Kirche so kompromissbereit wie etwa das faschistische Mussolini-Regime in Italien gewesen, wäre die Bereitschaft zur Kollaboration in der heimischen Kirche wohl noch deutlich höher gewesen.
Die ORF-Journalistin Eva Maria Kaiser hat ihr im Böhlau-Verlag erschienenes Buch "Hitlers Jünger und Gottes Hirten. Der Einsatz der katholischen Bischöfe Österreichs für ehemalige Nationalsozialisten nach 1945" auch als Grundlage einer TV-Dokumentation genommen, die am 10. April in der ORF2-Religionsreihe "kreuz&quer" ausgestrahlt wird. Mitwirkende sind auch die Schauspielstars Martin Schwab und Peter Matic.
Kaiser verwies auf zwei weitere zu diesem Thema relevante ORF-Sendungen: In der Nacht von 11. auf 12. März lässt Gerhard Jelinek die dramatischen Ereignisse des "Anschlusses" vor 50 Jahren Revue passieren, als nach telefonischen Drohungen von Hermann Göring noch vor dem Einmarsch deutscher Einheiten österreichische Nationalsozialisten das austrofaschistische Ständestaatsregime abgelöst wurde; zu sehen ist die Doku um 0.35 Uhr in ORF 2 im Rahmen der Reihe "Menschen & Mächte".
Und am 13. März (ORF 2, 22.35 Uhr) wird ebenfalls als "kreuz&quer"-Beitrag die von Bettina Schimak und Peter Pawlowsky gestaltete Sendung "Grüß Gott und Heil Hitler" ausgestrahlt. Darin geht es um das "ängstliche und unbeholfene" Agieren der österreichischen Bischöfe beim "Anschluss" 1938 gegenüber dem NS-Regime.