Freitag 12. Juni 2026

Schnellsuche auf der Website

01.03.2018

Nachfragen: Ja Bemitleiden: Nein!

Renate Trauner spricht über die Angebote der Seelsorge für Menschen mit Behinderung.

Der Stephansplatz in Wien, an einem belebten Samstagvormittag. Unfreiwillig werde ich Zeugin eines Gesprächs: Ein Mann in einem Rollstuhl wird von einem etwa 4-jährigen Kind angesprochen. „Du, kann ich auch mal mit deinem Stuhl fahren?“ Die Mutter der Kleinen ist entsetzt: „Hannah bitte, so etwas kann man doch nicht sagen.“ 

 

„Nein, nein kein Problem“, antwortet der Mann darauf: „Lassen sie sie nur. Sie ist ja nur interessiert.“ Die Mutter lächelt – gequält, murmelt so etwas wie „Auf Wiedersehen“ und zerrt ihr Kind vom Ort des Geschehens weg.


Ich erinnere mich genau, wie beeindruckt ich von der Offenheit und Freundlichkeit des Kindes war, das keine Berührungsängste hat. Kinder fragen offensichtlich interessiert nach, sind aber nicht peinlich berührt.

 

Wie oft hatte mein eigener Sohn mich in diesem Alter gefragt „Was hat denn die Frau da oder der Mann da?“, wenn ihm ein Mensch mit Handicap aufgefallen war und wie oft hatte ich nicht gewusst, wie ich mich verhalten sollte. Wie oft hatte ich nicht gewusst, was ich sagen sollte? Was richtig und was falsch ist?

 

Ehrlich und offen

„Ich glaube, es geht nicht um richtig und falsch“, sagt dazu Renate Trauner, Leiterin des Fachbereichs Seelsorge für Menschen mit Behinderung in der Erzdiözese Wien.

 

„Ehrlich“ und „offen“ seien vielmehr die Kategorien, in denen auch und vor allem im Umgang mit Menschen mit Einschränkungen gedacht werden sollte. „Frage ich ehrlich: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen? Was brauchen Sie? Dann werde ich wohl auch eine ehrliche Antwort bekommen“, sagt Renate Trauner.


Menschen mit Behinderung brauchen demnach kein Mitleid, sondern ein Ernstnehmen ihrer Lebenssituation. „Wir müssen zuerst den Menschen sehen, nicht seine Beeinträchtigung – sei sie körperlich, geistig oder in beiden Bereichen.

 

Wir dürfen den Menschen nicht auf seine Behinderung reduzieren. Wir müssen die Barrieren in unseren Köpfen abbauen und auf Menschen mit Handicap wertschätzend zugehen.“

 

Respekt im Alltag

Das spiegle sich in vielem wider – auch etwa in der Sprache: „Wir sprechen von Männer und Frauen, die gehörlos sind, nicht von ,Taubstummen‘, von Menschen, die blind sind, nicht von ,dem Blinden‘“, sagt Renate Trauner: „Wenn ich einen Menschen mit Behinderung begegne, führe ich das Gespräch mit ihm persönlich, nicht mit der Person, die ihn begleitet.

 

Vielleicht muss ich im Gespräch nachfragen, weil ich etwas nicht verstanden habe. Vielleicht muss ich mich einfacher und klarer ausdrücken,  denn in leichter Sprache wird die Botschaft meist gut verstanden.“

 

Begegnung und Austausch

Seit 2008 gibt es in der Erzdiözese Wien einen eigenen Fachbereich „Seelsorge für Menschen mit Behinderung“ der Kategorialen Seelsorge. 

 

Das Ziel: Menschen mit intellektueller und mehrfacher Einschränkung ihren Platz in der Kirche zu geben.

 

„Menschen mit speziellen Einschränkungen, die religiös sind, wollen am kirchlichen Leben teilnehmen“, sagt Renate Trauner.


Die Seelsorge für Menschen mit Behinderung kümmert sich deshalb mit ihren Angeboten Raum und Möglichkeit für Begegnung, Austausch und Diskussion in der Kirche zu ermöglichen.  


Einmal im Monat wird zur Glaubensgruppe „Faith4U&Me“ eingeladen. „Wir  treffen uns dabei jeweils an einem Samstag im Monat von 10.00-13.00 Uhr in der Pfarre Maria Namen, in der Hippgasse 29, im 16. Bezirk.

 

Wir singen und reden miteinander, bereiten Gottesdienste vor und teilen unser mitgebrachtes Essen“, sagt Renate Trauner.

 

Der nächste Termin für „Faith4U&Me“ ist

Samstag, 17.3.2018, 10.00-13.00 Uhr.

Hippgasse 29

1160 Wien

 

Renate Trauner ist auch im Redaktionsteam von „Schatten & Licht“, einer Quartalszeitschrift für Menschen mit Behinderung, ihrer Familien und Freunde.

 

Ziel: Das Miteinander und die Verständigung von Menschen „mit“ und „ohne“ Behinderung fördern. 

 

Der Behelf Inklusion, Impulse für eine einladende Pfarrgemeinde“ zeigt an Beispielen, wie Menschen mit besonderen Bedürfnissen am kirchlichen Leben aktiv teilnehmen können, die Broschüre ist gratis (hier als pdf-download) bei der Seelsorge für Menschen mit Behinderung erhältlich.


Und immer wieder werden auch gemeinsame Gottesdienste gefeiert, die Menschen mit Einschränkungen mitgestalten, sie ministrieren, lesen Lesung und Fürbitten, stellen das Evangelium dar und musizieren.

 

So wird die Heilige Messe am 18. März 2018 um 18.00 im Stephansdom aus Anlass des Internationalen Down Syndrom Tages (21.3.) von Dompfarrer Toni Faber zelebriert und von Menschen mit Down Syndrom gestaltet.