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23.02.2018

Kirche: „Politisch, aber nicht parteipolitisch“

„Weinviertelakademie“: Republik-Jubiläum und die politische Rolle der Kirche in der Gegenwart

 

Für die Politiker beten

„Kirche soll politisch sein, aber nicht parteipolitisch“: So umschrieb Weihbischof und Bischofsvikar Stephan Turnovszky bei der von SONNTAG-Chefredakteur Michael Ausserer moderierten Podiumsdiskussion die aktuelle Position der katholischen Kirche. Ihm ist „das Gespräch mit den Politikerinnen und Politikern wichtig“, um dabei auch immer wieder „Themen des Gemeinwohls“ einbringen zu können. Bei der Bundespräsidentenwahl sei der Wunsch an die Kirche herangetragen worden, „sich klar zu äußern“. FP-Kandidat Hofer sei für den Schutz des Lebens, Grünen-Kandidat Alexander Van der Bellen für die Sorge um Flüchtlinge gestanden.

 

„Wir haben hier die Prinzipien der Katholischen Soziallehre“, sagte Turnovszky: „Wir schützen immer das Leben, das ungeborene wie das fremde.“ Er habe „großen Respekt vor den Menschen, die sich als Politiker engagieren“, sagte der Weihbischof. Er bat die Pfarrgemeinden, regelmäßig in den Fürbitten „auch für die Politiker zu beten“.

 

Engagieren und einmischen

„Auf eine christliche Wertorientierung der Politik“ setzte die nunmehrige VP-Nationalratsabgeordnete und Menschenrechts-Sprecherin ihrer Partei, Gudrun Kugler, in ihrem Wahlkampf im Herbst 2017. Kugler betonte bei der Podiumsdiskussion, dass sie ihre politische Arbeit in dem gesellschaftspolitischen Motto der Katholischen Aktion - „Aus dem christlichen Glauben gemeinsam Lebenswelt gerecht und solidarisch gestalten“ - wiederfinden könne.

 

„Politik selbst ist der große öffentliche Dialog“, unterstrich die Nationalratsabgeordnete: „In der Geschichte waren es immer Christen, die sich eingemischt haben. Durch dieses Einmischen haben sie die Realität mitverändert. Wir müssen auch die Angst vor der Politik verlieren.“

 

Kuglers Resümee: „Das Evangelium, die Texte der Katholischen Soziallehre sind politisch.“ Die Laien seien gefordert, sich zu engagieren und sich in der Politik einzubringen.

 

Kugler erinnerte an die Rede, die Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag am 22. 9. 2011 gehalten hatte. Darin sprach der emeritierte Papst von der Ökologie, der Sprache der Natur, auf die es zu hören gilt. Und er plädierte darin auch für „eine Ökologie des Menschen“: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“.

 

Im Hinblick auf die Menschenrechts-Fragen bringt sich Kugler nach ihren eigenen Worten „konkret ein“. Sie plädierte auch für eine positive Sicht auf den „Familien-Bonus“ der Koalitionsregierung, „der eine spürbare Entlastung bringt“.

 

 

Hochpolitischer Papst Franziskus

„Welche Rolle übernehmen die Religions-Gemeinschaften?“ und: „Wer darf sein Handeln als katholisch bezeichnen?“ Diese beiden Fragen sind für die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak entscheidend, denn: „Es gibt nie die eine christliche Position.“ Die Bibel biete eine „Erzählung von der Entgöttlichung der Macht“, betonte Polak: „Niemand außer Gott ist Gott. Es gibt die Versuchung, sich der politischen Macht zu unterwerfen.“

 

Das Markus-Evangelium gebe eine klare Antwort: „Bei euch aber soll es anders sein.“ „Politik erlöst nicht“, sagte Polak. Die Rolle der Kirche in der Gesellschaftspolitik sei eine „advokatorische“, eine „anwaltliche“: „Es gibt bei uns die Option für die Schwachen und Marginalisierten.“ Auch in der Flüchtlings-Frage, „wo die Stimme der Kirche permanent ignoriert wird“, klagte Polak.

 

Papst Franziskus sei „ein hochpolitischer Papst“, weil er die Marginalisierten von den Rändern in die Mitte der Aufmerksamkeit hole. Es gehe heutzutage darum, „die biblische Tradition mit der Katholischen Soziallehre noch stärker zusammenzubringen“, sagte Polak: „Es braucht eine Diskussion, anhand welcher Kriterien wir Politik machen.“ Denn im Hinblick auf die vielzitierte Werte-Debatte erinnerte sie etwas süffisant, „dass auch die Nazis Werte hatten, wie etwa Kameradschaft“.

 

Warnung vor dem Hass

„Eine unpolitische Kirche ist zwar eine tolle Geschichte“, sagte der Historiker Manfried Rauchensteiner in seinem Statement: „Aber die Kirche ist nicht mehr präsent, beim Fronleichnamsumzug in der Wiener Innenstadt sind kaum mehr Politiker zu sehen. Mit dem Konkordat 1934 zog sich die Kirche aus der Politik zurück, das verstehe ich bis heute nicht.“ „Mir geht es ab, dass die Kirche nicht mehr in der Öffentlichkeit, in der Politik vorkommt“, klagte Rauchensteiner.

 

Das letzte große kirchliche Engagement habe es in den 70er Jahren im Zusammenhang mit der Diskussion mit der Fristenlösung gegeben. Ihm blieb auch das Schluss-Wort. „Wir alle sind gefordert, wie weit wir bei Auseinandersetzungen gehen wollen. Es ist tragisch, wenn nur mehr hasserfüllte Worte bleiben. Auch wenn es Konflikte und Kritik gibt, ist immer eines zu bedenken: Jeder möchte sein Bestes geben.“

 

Renner und Seipel als Väter des Vaterlandes

In seinem Festvortrag zum Thema „100 Jahre Republik“ erinnerte Rauchensteiner zu Beginn der Bildungs-Veranstaltung, dass neben dem eigentlichen Gründungstag am 12. November 1918 schon zuvor, am 30. Oktober 1918, in Wien die Republik „Deutsch-Österreich“ das erste Mal ausgerufen worden sei. „Der 12. November hat sich dann durchgesetzt“, betonte Rauchensteiner.

 

Er skizzierte die letzten Jahre der Donaumonarchie, die Friedensbemühungen von Kaiser Karl und die Leistung der bedeutenden „Gründungsväter“ des verbliebenen deutschsprachigen Staatsgebiets. Der Sozialdemokrat Karl Renner etwa habe es verstanden, „die unterschiedlichen und auseinanderstrebenden Meinungen auf einen Nenner zu bringen“.

 

Prälat Ignaz Seipel wieder habe an der „Verzichtserklärung“ von Kaiser Karl mitgewirkt und damit eine friedlich, unblutige Lösung in die Wege geleitet. Für Rauchensteiner sind daher „Renner und Seipel Väter unseres Vaterlandes“.