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22.02.2018

Mein Teddy wartet in Aleppo

Stefanie Jeller hat eine syrische Familie in Wien-Meidling besucht.

 

 

Lisa* begrüßt mich im obersten Stock eines Meidlinger Wohnhauses. Sie ist Mitte Dreißig, trägt Jeans und ein gelbes T-Shirt. „Hallo, wie geht’s, möchten Sie etwas trinken?“, sagt sie in beinahe akzentfreiem Deutsch.

 

Am Esstisch im Wohnzimmer macht Tochter Sarah ihre Schulaufgaben. Wir setzen uns ins Sofa, eine Schale mit Bonbons wird mir angeboten, in rosa Papier gewickelte Schokoladewürfel mit Stephansdom-Aufdruck.


Lisa kommt aus Syrien, seit knapp zwei Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Österreich. Sie sind als Flüchtlinge anerkannt, und eine besonders gut integrierte Familie.

 

Trotzdem haben sie die gleichen Sorgen wie alle, die neu sind in Wien: Deutschlernen, Arbeit und Wohnung suchen, und mit den Gedanken an die Verwandten in der Heimat fertig werden.


Die zehnjährige Sarah steht in Deutsch und Mathematik auf Sehr gut. Im Herbst will sie ins Gymnasium. Später vielleicht Ärztin werden:  „Am ersten Schultag hab’ ich nur Bahnhof verstanden, aber meine Freunde haben mir mit Englisch geholfen.“

 

Wenn sie mit ihrem Bruder spielt, besteht sie darauf, Deutsch zu sprechen. „Das macht dir Spaß, oder?“, frage ich. Sie antwortet wienerisch, mit zwei mal zwei Buchstaben: „Ja, ur!“


Ihr Bruder Marcus ist dreizehn, hat den zweiten Schulschikurs hinter sich, und einen leichten Meidlinger Akzent. „Ich möchte manchmal Arabisch sprechen, aber meine Schwester will nicht!“


Vater George führt mir eine Radio-App auf seinem Handy vor. Das Display zeigt eine Weltkarte, er wischt mit dem Finger Richtung Osten, in Syrien macht er Halt, sofort ist orientalische Popmusik zu hören. Ob er oft syrisches Radio höre, frage ich. „Nein, wir hören deutsche Sender, die Nachrichten, immer wieder die gleichen, damit wir Deutsch lernen!“

 

Drei Stunden Deutschkurs am Tag, das ist zu wenig, meinen die beiden. „Unseren Kindern fällt es leicht, aber wir Erwachsene…“ Auch mit der Nachbarin können sie deutsch reden, und mit den Menschen aus der Pfarre. „Sie kümmern sich sehr um uns“, sagt seine Frau.

 

Die Wohnung etwa hat ihnen jemand aus der Pfarre vorübergehend überlassen. Aber irgendwann müssen sie sich selbst eine Wohnung finanzieren. „Das ist ein großes Problem für alle ausländischen Menschen hier“, sagt Lisa. Wenn sie den Deutschkurs abgeschlossen haben, wollen sie arbeiten.

 

Lisa war in Syrien Englischlehrerin, doch ihre Zeugnisse werden hier nicht anerkannt. George hat als Buchhalter gearbeitet. Er hofft auch in Österreich auf einen Job als Buchhalter. „Man muss optimistisch sein“, das höre ich sie mehrmals sagen.


Als ich sie nach den Verwandten in Syrien frage, wird es still im Wohnzimmer. Lisa sagt nur: „Nicht so gut.“ Ihr Mann erzählt von seinen Eltern in Aleppo: Das Leben dort sei teuer geworden, vor allem die ärztliche Versorgung, Wasser und Strom fallen oft aus, die Eltern sind alt, Arbeit haben sie keine. „Ich denke jeden Tag an sie!“


Von seinem Sohn möchte ich wissen, ob er Kontakt mit seinen Freunden in Syrien hat. „Ja, Facebook, das geht immer, aber ich kann sie nicht sehen.“ Seinen Teddy vermisst er auch. „Der liegt in meinem Bett und wartet, bis ich komme und ihn wieder aufwecke.“


Mitten in die bedrückte Stimmung sagt Lisa: „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Zukunft: Deutsch lernen, sehr schnell; dann Arbeit finden. Das ist das Ziel.“
Beten ist auch wichtig, vor dem Schlafengehen ein Vaterunser: „Das gibt uns Ruhe.“ Damit sie nicht zu viel denken, und optimistisch bleiben.

 

Zuletzt vertraut sie mir ihr Lebensmotto an: „Wenn man fällt, muss man aufstehen und weitergehen!“


Das Interview ist zu Ende, aber George möchte noch etwas sagen: „Wir danken allen in Österreich, für die Hilfe. Wir sind sehr dankbar für die Kultur hier, für die Natur, Schönbrunn und die Museen… und danke, dass Sie sich für unser Leben interessieren.“ Ich lächle und möchte gehen.

 

Aber auch Lisa will noch etwas sagen: „Ohne die Leute, die den Flüchtlingen helfen und die uns als Menschen sehen, geht nix. Hoffentlich können wir ihnen das danken – durch unser Leben hier.“   


*Hinweis: Wir wollen Lisa, George und ihre Kinder Marcus und Sarah nicht auf ihr Flüchtling-Sein reduzieren, deshalb haben wir uns für diesen Artikel andere Namen ausgedacht.

 

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