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21.02.2018

Wir Christen haben keine Angst vor Wunden und Verwundungen

Interview mit der Würzburger Theologin Hildegund Keul. ( 7. März, „Theologische Kurse“).

 

 

Ist in früheren Zeiten oft zu viel von Gott geredet worden, so scheint das Pendel in den vergangenen Jahrzehnten auf die andere Seite ausgeschlagen zu haben. Viele Theologinnen und Theologen beklagen eine „Gott-Vergessenheit“, auch in der Verkündigung.

 

Geredet wird vornehmlich über die Kirche, über Strukturen und Organisationsformen und über Ämter.

 

Dabei ist es die Stärke und Kompetenz der Kirche, mit Gott zu tun zu haben – und dass sie dem Menschen die Berührung mit dem Geheimnis Gottes vermitteln kann.

 

Für die Würzburger Fundamentaltheologin Hildegund Keul sind es besonders die Mystikerinnen und Mystiker, die sich auf die Wunden und Verwundbarkeiten der Welt eingelassen haben und auch heute noch einlassen.

 

Wie kann heute eine kreative Rede von Gott aussehen?


Hildegund Keul: Das Wichtigste ist, sich auf die Fragen und Anliegen der Menschen von heute einzulassen, insbesondere der „Armen und Bedrängten aller Art“; also jener Menschen, die von einer besonders hohen Verwundbarkeit gezeichnet sind.

 

Aber wenn man das tut, so gerät man unweigerlich in Konflikte hinein. Das zeigen beispielsweise die Debatten um Migration, um Geschlechtergerechtigkeit oder auch um die gesellschaftliche Anerkennung homosexueller Menschen.

 

Wenn man diese Konflikte scheut, geht die Gottesrede ins Leere.

 

Besonders die Mystikerinnen und Mystiker waren für ihre ungewöhnlichen Bilder und Metaphern (etwa Gott als Mutter…) bekannt. Fehlt uns heute der Mut zu diesen ungewöhnlichen Bildern?


Ja, dieser Mut fehlt vielerorts. Dabei kommt es ja nicht darauf an, ungewöhnliche Bilder zu erfinden nach dem Motto: je ungewöhnlicher, desto besser.

 

Franziskus und Klara von Assisi waren im 13. Jahrhundert treibende Kräfte jener Armutsbewegung, aus der die Mystik hervorgegangen ist. Sie haben mit der Bibel in ihrer Hand und der Armut der Menschen vor ihren Augen eine Erneuerung der Gottesrede initiiert.

 

Die Rede von Gott verändert sich, wenn man sich auf die Wunden und Verwundbarkeiten der Welt einlässt.

 

Gibt es heute in der Kirche eine Gottvergessenheit? Reden wir zu oft von der Kirche selbst?


In den Umstrukturierungen, die derzeit in so vielen kirchlichen Kontexten notwendig sind, ist das eine große Gefahr: Dass man letztlich nur um sich selbst kreist. Das schließt nicht aus, dass man viel von Gott redet.

 

Aber wo geschieht dies in schöpferischer Weise, wo werden wir überrascht, wo erschließt sich das Leben neu, wenn von Gott die Rede ist?

 

Spielt in unserem westlichen Sozial- und Kulturchristentum der Gottes-Gedanke noch eine wesentliche Rolle?


In Ungarn wird Gott ins Feld geführt, um muslimische Migranten und Migrantinnen aus dem Land zu halten. In Dresden singen rechtspopulistische Gruppierungen Weihnachtslieder.

 

Hier ist es notwendig, für Kirche und Gesellschaft, sich dem Streit um Gott zu stellen.

 

Schließlich ist Gott nach christlicher Überzeugung nicht mit Rüstung, Schild und Waffen zur Welt gekommen, sondern als höchst verletzliches, neu geborenes Kind, das mit der Flucht seiner Familie nach Ägypten sogar selbst zum Flüchtling wird.

 

Wie gefährlich ist die Rede von Gott? Es heißt ja oft, dass zu starker Glaube die Menschen radikalisieren kann.

 

Die Rede von Gott kann in verschiedene Richtungen gefährlich werden. Für jede Religion liegt eine Gefahr im Fundamentalismus, wie wir es derzeit besonders am Islamismus sehen. Auch hier sagen Menschen, dass sie vom Wort Gottes im Innersten getroffen sind und dass sich ihr Leben deswegen radikal verändert. Aber Fundamentalismus ist eine Religionsform, die Gewalt produziert.

 

Ganz anders verhält es sich in der Mystik, christlich und muslimisch, wo Menschen sich von Gott ergriffen fühlen, aber gerade deswegen für Gewaltlosigkeit einstehen. Sie gewinnen Stärke, indem sie selbst etwas riskieren, ohne Andere zu instrumentalisieren.

 

Wie kann die Kirche neu von Gott sprechen lernen?


Papst Franziskus sagt, dass die Kirche ihre Angst davor überwinden muss, verwundet zu werden.

 

Meines Erachtens zeigen das auch die Auseinandersetzungen um den sexuellen Missbrauch und seine Vertuschung in der Kirche. Die Angst davor, dass die Kirche Schaden erleiden könnte, wenn der Missbrauch öffentlich würde, hat dazu geführt, dass Kirchenleitungen den Missbrauch vertuscht und Täter versetzt haben. Lieber die Opfer nochmals verwunden, als dass die Kirche schlecht dasteht und in ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit angetastet wird.

 

 

Sollte die Kompetenz der Kirche in Wahrheit die Gottes-Kompetenz sein?

 

Michael Sugar hat 2016 den Oskar für den Film „Spotlight“ bekommen, der die Aufdeckung des Missbrauchs in Boston meisterlich vor Augen führt. Bei der Preisverleihung hat er gesagt, es sei an der Zeit, den Glauben zurückzugewinnen, weil jeder Missbrauch und jede Vertuschung diesen Glauben zerstört. Ich glaube, dass er Recht hat.

 

Wenn man die Gottes-Kompetenz zurückgewinnen will, muss man sich das Ausmaß der Zerstörung anschauen. Und es braucht eine echte Bekehrung, eine Hinwendung zu den verwundeten und verwundbaren Menschen.

 

Die deutschen Mystiker sprechen von Gottes „Nutzlosigkeit“. Heißt das: Wir dürfen also Gott nicht funktionalisieren, sondern sollen ihn um seiner selbst willen lieben?


Ja. Wo Gott in den Dienst der eigenen Ideologie gestellt wird, entsteht Götzendienst.

 

Gibt es eigentlich überhaupt Orte, wo nicht von Gott gesprochen werden kann?

 

Die Mystik sagt, dass Gott „in allen Dingen“ ist. Trotzdem kann nicht jeder Mensch an jedem beliebigen Ort von Gott sprechen.

 

Was tun Menschen an diesem Ort? Worüber sprechen oder schweigen sie? Welche Befürchtungen und welche Hoffnungen verbinden sie mit diesem Ort? Erst wenn man hierüber Genaueres weiß, kann Gott ins Wort kommen. Überall. Und überall anders.