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06.02.2018

Papst ließ Brief von chilenischem Missbrauchsopfer unbeantwortet

Chilene Juan Carlos Cruz belastet heutigen Bischof Juan Barros schwer.

Der Brief eines chilenischen Missbrauchsopfers an Papst Franziskus hat den Vatikan in Erklärungsnot gebracht. In dem am Montag, 5. Februar 2018 bekannt gewordenen, 2015 verfassten Schreiben belastet der Chilene Juan Carlos Cruz den heutigen Bischof Juan Barros schwer.

 

Cruz lebt seit längerem in den USA und hatte den Brief 2015 dem Erzbischof von Boston, Kardinal Sean O'Malley, übergeben. "Associated Press" (AP) zufolge  bestätigte der Kardinal, der auch Vorsitzender der vatikanischen Kinderschutzkommission ist, am Montag, dass er das Schreiben dem Papst ausgehändigt habe.  

 

Cruz schreibt, Barros habe in den 1980er-Jahren etliche Fälle von sexuellem Missbrauch von Buben durch seinen inzwischen vom Vatikan verurteilten Amtsbruder Fernando Karadima mit angesehen, ohne dagegen einzuschreiten. Weiters schreibt Cruz, Barros selbst sei von Kardadima geküsst und gestreichelt worden.   

 

Papst Franziskus hatte während seines Chile-Besuchs im Jänner dieses Jahres erklärt, es gebe keine Beweise dafür, dass der 2015 von ihm zum Bischof von Osorno ernannte Barros sexuellen Missbrauch durch Karadima vertuscht habe. Barros' Amtseinführung wurde damals begleitet von heftigen Protesten Hunderter Demonstranten, die gegen seine Bischofsernennung protestierten.

 

Cruz' Brief an den Papst datiert den US-Medienberichten zufolge vom 3. März 2015, knapp drei Wochen vor diesen Ereignissen. Angehängt ist der Text eines weiteren, einen Monat früher verfassten Schreibens von Cruz an den Apostolischen Nuntius in Chile, Erzbischof Ivo Scapolo. "Heiliger Vater, Juan Barros sagt, er habe nichts gesehen, und doch gibt es Dutzende von uns, die die Tatsache bezeugen können, dass er nicht nur anwesend war, wenn Karadima uns missbrauchte, sondern er auch Karadima küsste und sie sich gegenseitig anfassten", heißt es wörtlich. Ob Franziskus den Brief gelesen hat, ist nicht bekannt. Der Vatikan wollte sich laut Sender nicht zu dem Vorgang äußern.

 

Fall Barros schon Thema bei Chilereise

 

Der Fall Barros hatte während der jüngsten Chile-Reise von Papst Franziskus Mitte Jänner die Schlagzeilen der Medien bestimmt. Der Papst hatte sich zunächst hinter den beschuldigten Bischof gestellt und erklärt: "An dem Tag, an dem man mir einen Beweis gegen Bischof Barros vorlegt, werde ich sprechen." Alles andere sei "Verleumdung".

 

Wenig später entschuldigte sich Franziskus für seine Wortwahl, die Opfer sexuellen Missbrauchs verletzt habe. Viele Missbrauchsopfer könnten keine Beweise für das Erlittene beibringen oder schämten sich, diese offenzulegen. Statt von "Beweisen" müsse man richtiger von sicheren Indizien sprechen, so der Papst.

 

Vergangenen Dienstag kündigte der Vatikan an, die Vertuschungsvorwürfe gegen Bischof Barros erneut untersuchen lassen. Papst Franziskus entsendet dazu den vatikanischen Chefermittler für "Delicta graviora", Erzbischof Charles Scicluna von Malta, nach Chile. Dieser solle mit all jenen das Gespräch suchen, die bereit seien, ihre Kenntnisse über den Fall zu teilen.

 

Erzbischof Charles Scicluna, der vom Papst ernannte Sonderermittler für Missbrauchsvorwürfe gegen den chilenischen Bischof Juan Barros, ist bislang noch nicht nach Lateinamerika aufgebrochen. Derzeit arbeite er sich in den Sachverhalt, die "Causa Karadima/Barros" ein, sagte die stellvertretende Pressesprecherin, Paloma Garcia Ovejero, am Dienstag auf Nachfrage von "kathpress". Sobald Scicluna aus Chile zurückgekehrt sei, würden seine Ermittlungen im Vatikan ausgewertet und dann weitere Maßnahmen entschieden.

 

Wie der Vatikan am 30. Jänner mitteilte, hatte Papst Franziskus Erzbischof Scicluna beauftragt, in Chile mit all jenen das Gespräch zu suchen, die bereit seien, ihre Kenntnisse über den Fall zu teilen. Bischof Barros wird vorgeworfen, frühere Fälle von Missbrauch durch einen anderen Priester vertuscht zu haben. Scicluna war von 2002 bis 2012 vatikanischer Chefermittler in Missbrauchsfällen.

 

Am Montag hatten Medien berichtet, ein Opfer des Missbrauchs durch den chilenischen Priester Fernando Karadima habe bereits 2015 dem Papst einen Brief zukommen lassen. Darin habe der Mann geschildert, dass Barros in den 1980er Jahren etliche Fälle von sexuellem Missbrauch von Buben durch den inzwischen vom Vatikan verurteilten Karadima mit angesehen habe, ohne dagegen einzuschreiten.